"Wegen Kopftuchverbot ein Arbeitsverbot erhalten"

Fereshta Ludin wurde 1998 zum ersten Mal ein Kopftuchverbot als Lehrerin an öffentlichen Schulen erteilt. Sie klagte gegen das Kopftuchverbot bis zum Bundesverfassungsgericht. Rückblickend urteilt sie, trotz der Niederlage vor dem Gericht in Baden-Württemberg, den richtigen Weg gegangen zu sein.

 

Der Gerichtsentscheid gegen Fereshta Ludin ging in die jüngste bundesdeutsche Geschichte ein als sogenanntes Kopftuchurteil. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hatte das baden-württembergische Gesetz über das Kopftuchverbot für rechtmäßig erklärt. Fereshta Ludin wurde nach  ihrem Referendariatsabschluss ein fast siebenjähriges Arbeitsverbot erteilt. Durch das „Kopftuchgesetz“ hat sie, wie sie sagt “wie viele andere muslimische Frauen mit Kopftuch auch, bis heute mit diesem Arbeitsverbot per Gesetz zu leben. Eine existenziell sehr schwieriges Urteil und Verurteilung dieser vorhandenen Minderheit der Frauen in unserer Gesellschaft.”

Deutsch Türkische Nachrichten: Ihnen ist untersagt worden mit einem Kopftuch zu unterrichten. Hatten Sie es zuvor getragen?

Fereshta Ludin: Ich trage ein Kopftuch seit meinem 13. Lebensjahr aus freien Stücken. Auch, wenn das für manche überspitzt klingen mag; ich trug es ohne Zwang und Druck seitens der Familie oder der muslimischen Gemeinde.

Fereshta Ludin wünscht sich von Deutschen mehr Gelassenheit

Wieso sollten Sie es plötzlich ablegen?

Nach meinem Studium wurde mir das Tragen eines Kopftuches bereits bei dem Referendariat verboten, später wurde die Ablehnung wieder zurückgenommen. Nach der Beendigung des Referendariats habe ich ein Berufsverbot als Lehrerin in Baden-Württemberg erhalten. Die Ablehnung war zunächst darin begründet, dass ich das Kopftuch aus religiösen Gründen trug und nicht bereit war, es im Unterricht abzulegen. Weiter gab es andere Gründe, seitens der Schulbehörde in Baden-Württemberg, die stark auf Behauptungen und faktlosen Argumenten beruhten. Eine starke Mischung von Stigmatisierung meiner Person, die Politisierung meines Kopftuches und Reduzierung des Kopftuches auf ein politisches Symbol. In Baden-Württemberg wurde mir nach meinem Referendariatsabschluss bis zu sieben Jahren ohne jegliche gesetzliche Grundlage (Kopftuchverbotsgesetze) ein Arbeitsverbot erteilt. Später, d.h. seit 2003 wurde seitens der CDU und weitere Politiker in Baden-Württemberg das „Kopftuchgesetz“ politisch durchgesetzt und somit habe ich, wie viele andere muslimische Frauen mit Kopftuch auch, bis heute mit diesem Arbeitsverbot per Gesetz zu leben. Eine existenziell sehr schwieriges Urteil und Verurteilung dieser vorhandenen Minderheit der Frauen in unserer Gesellschaft.

Nach einem langen Rechtsstreit haben Sie schließlich aufgegeben. Wieso?

Im Grundsatz denke ich nicht, dass ich aufgegeben habe, denn ich habe mich mit meinem Rechtsstreit gegen Kopftuchverbotsgesetze und Diskriminierung von Minderheiten, in diesem Fall der muslimischen Frauen mit Kopftuch, eingesetzt. Ich hatte sehr stark und vielleicht auch damals noch als sehr junger Mensch idealistische Vorstellungen von der Umsetzung unserer Demokratie und von Menschenrechten. Ich habe bis heute diese Idealvorstellung nicht aufgegeben, verteidige sie weiterhin, aber nicht mehr in gerichtlicher Auseinandersetzung. Es war eben damals sehr schwer, sich als alleinerziehende Mutter für das selbstverständliche Recht auf Arbeit noch länger gerichtlich einzusetzen. Deshalb beschloss ich für mich persönlich, mit dem Rechtsstreit zu diesem Zeitpunkt aufzuhören.

“Die Gründe, weshalb ich das Tuch ablegen sollte, waren weder plausibel noch überzeugend.”

Gab es einen Moment in dem Sie es erwogen haben nachzugeben und das Kopftuch abzulegen?

Nicht wirklich, denn in dem Moment, als ich mich für den Rechtsweg entschied, war mir auch persönlich klar, dass ich kein Doppelleben führen kann und es auch nicht möchte. Auf der Arbeit ohne Kopftuch und sonst mit Kopftuch. Ich respektiere jede Frau, für welchen Weg sie sich in dieser Hinsicht auch entscheidet. Für mich persönlich war es jedoch nicht vorstellbar. Zumal die Gründe seitens der Schulbehörde damals, weshalb ich das Tuch ablegen sollte, weder plausibel noch überzeugend waren. Vielmehr stigmatisierend und diskriminierend.

Das Tragen eines Kopftuchs wird immer wieder als Unwillen zur Integration gewertet. Wie stehen Sie dazu?

Die Trägerin des Kopftuches ist eine Person, die wahrgenommen werden sollte. Das Tuch, das sie trägt, ist letzten Endes nur ein Stück Stoff. Integration ist Teilhabe am Leben der Gesellschaft. Eine Frau mit Kopftuch ist somit ein Teil der Gesellschaft. Sie kann diese Teilhabe am gesellschaftlichen Leben mehr oder weniger mitgestalten. Wichtig wäre in diesem Zusammenhang auch die gegenseitige Offenheit, sowohl der Trägerin als auch der Mitglieder der Gesellschaft für diese Form der Kleidung. In einer pluralistischen und von der Aufklärung geprägten Gesellschaft dürfte dies, meiner Ansicht nach, kein Problem sein.

Was sagen Sie zu der Frau, die Ihre Burka bei ihrer Arbeit in einem Einwohnermeldeamt tragen wollte?

Aus meiner Sicht finde ich, dass das Tragen von Burka/Gesichtsverschleierung eine kommunikationshinderliche Kleidung ist, die für eine solche Arbeitsstelle mit täglichem Umgang mit Menschen sehr schwierig ist. Ich könnte das bei mir nicht vorstellen und würde mir wünschen, auch muslimische Frauen würden es in der Öffentlichkeit nicht tun.

Würden Sie es Ihrer eigenen Tochter freistellen ein Kopftuch zu tragen, oder erwarten Sie eher, dass Sie es tut?

Ich finde solche Fragen sehr schockierend. Zwingt eine Mutter ohne Kopftuch und fordert sie ihre Tochter automatisch auf, kein Kopftuch zu tragen? Davon gehe ich eher nicht aus. Oft aber wird davon ausgegangen, dass Frauen mit Kopftuch per se nur mit Zwang Kopftuch tragen und wenn sie es tun, dann fordern sie automatisch ihre Umwelt dazu auf. Wenn dies von einigen Wenigen getan wird, dann ist es eher ein Hinweis auf einen Missstand als dass es der Alltag ist. Meine Tochter wird immer die freie Entscheidung haben, wie sie ihren Glauben als Ganzes praktiziert. Das Kopftuch ist nur ein Teil davon.

Sie haben anschließend in einer islamischen Schule unterrichtet. Diese wird der Milli Görüs-Bewegung zugerechnet, die wegen angeblicher islamistischer Tendenzen als umstritten gilt…

Ich wäre sehr vorsichtig, der Islamischen Grundschule ebenfalls islamistische Tendenzen zuzuschreiben. Das sind schwere Vorwürfe. Die Schule wurde vor zwanzig Jahren in diesem Licht der Milli Görüs Organisation gesehen, weil vereinzelt Eltern oder Vereinsmitglieder des Trägervereins bei Milli Görüs Mitglieder waren. Das hat aber nichts mit der schulischen Arbeit der Schule zu tun. Die Islamische Grundschule in Berlin war und ist politisch unabhängig. Dies bestätigt auch der Vorstand der Schule selbst. Für mich persönlich war es vor etwa zehn Jahren, als ich nach meinem Berufsverbot nach einem Job suchte, wichtig, an einer Schule zu arbeiten, die nach dem deutschen, also Berliner Lehrplan, und den Richtlinien des Berliner Senats lehrt und arbeitet. Dies sehe ich in meiner alltäglichen Arbeit an der Schule realisiert. Ich wäre zwar damals am liebsten an einer öffentlichen Schule als Beamtin eingestellt worden und hätte mich gerne an einer öffentlichen Schule integriert gesehen. Heute bin ich aber darüber froh, dass ich an einer „Islamischen Grundschule“, die für mich bundesweit einen Modellcharakter hat, Lehrerin sein kann und mich tatkräftig mit muslimischen wie nichtmuslimischen Lehrkräften für die bessere Integration von muslimischen Kindern einsetzen kann. Meine Arbeit ist für mich hundertprozentige Integrationsarbeit, die ich für unsere Gesellschaft leiste und als sehr wertvoll erachte. Diese Arbeit leiste ich seit nun mehr als zehn Jahren und bin darüber sehr froh.

“Wieviel Islam verträgt unsere Gesellschaft?”

Denken Sie, dass sich seit dem damaligen Urteil im Denken der Menschen etwas verändert hat?

Das ist sehr schwer zu sagen. Der Rechtsstreit damals Ende der 90er Jahre hatte viele Fragen der Integration von hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund in den Raum gestellt. Vieles hat man erst richtig öffentlich begonnen zu diskutieren. Wieviel Islam verträgt unsere Gesellschaft? Dies war eine der zentralen Fragen im Rahmen der Kopftuchdebatten und danach ebenso. Wir führen diese Diskussionen heute noch und werden sicherlich dies noch viele weitere Jahre führen. Ich wünsche mir für die Zukunft mehr Gelassenheit und Angstfreiheit vor der überzogenen Überfremdungsangst durch Kopftuch tragende Frauen, oder auch eben anders aussehenden Menschen, egal welcher Herkunft oder weltlicher, wie religiöser Anschauung. Es ist traurig, diesen Wunsch so stark in unserem heutigen Deutschland noch auszusprechen, aber der Wunsch danach ist bei mir stärker denn je.

Laura Räuber

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