Großer Nachholbedarf in der Altenpflege von Muslimen

Mehr interkulturelle Wohngruppen und geschultes Pflegepersonal könnten Senioren mit muslimischem Hintergrund entlasten.

Muslimische, pflegebedürftige Senioren haben andere Bedürfnisse als deutsche. Wer kümmert sich um sie in Deutschland und wo? – Inzwischen gibt es eine Reihe Heime, die sowohl auf die „herkömmlichen“ Bedürfnisse von Senioren, als auch auf die Besonderheiten bei muslimischen Senioren eingehen.

Als Beispiel hierfür nennt Silke Dinius das Viktor-Gollancz-Haus in Frankfurt. Silke Dinius ist Leiterin des Modellprojekts „Ausbildung junger Männer mit Migrationshintergrund in der Altenpflege“ (AjuMA) in Offenbach. „Für die alten Menschen, aber auch für die Einrichtungen ist es sehr hilfreich, wenn es Pflegekräfte gibt, die ihre Muttersprache sprechen, ihre Sitten kennen und ihre Gewohnheiten verstehen“, erklärt Dinius. Der Fachkräftemangel in Pflegeeinrichtungen sei gravierend, es würden händeringend ausgebildete Pflegekräfte gesucht. Auf der anderen Seite gebe es eine hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Migranten, die diese Stellen besetzen könnten. Allerdings werde für die Ausbildung zum Altenpfleger meist mindestens ein Realschulabschluss verlangt.

In Hessen könne man aber eine einjährige Ausbildung zum Altenpflegehelfer machen, für die man mit einem Hauptschulabschluss zugelassen wird.

Diese Ausbildung biete AjuMA an. Wer das Jahr erfolgreich besteht, erwirbt damit die Zugangsberechtigung für die dreijährige Altenpflegeausbildung. Auch kultursensible Besonderheiten werden
dabei vermittelt.

Schwieriger verhält es sich bei Muslimen mit einer Demenzerkrankung. Silke Dinius: „Im Verlauf der Demenz vergessen viele Einwanderer die deutsche Sprache und können sich nur noch in ihrer Muttersprache verständigen. Auf solchen Wohngruppen wird außerdem sehr stark biographisch gearbeitet und an Sitten und Bräuche der Kindheit angeknüpft, um das vorhandene Wissen und die Erinnerungen immer wieder neu zu stärken und zu aktivieren, und so den Krankheitsverlauf zu bremsen. Das können eigentlich nur Pflegekräfte leisten, die aus der gleichen Gegend wie die Senioren kommen, denn häufig kann man die Betroffenen selber nicht mehr danach befragen. Ein allgemeiner muslimischer Hintergrund reicht dann nicht aus, er muss sich auch auf das jeweilige Heimatland beziehen.“

Früher war es üblich, dass die Familie ihre älteren und schwachen Mitglieder versorgt.

Das gilt für die Türkei wie für Deutschland. Aber die Kinderzahl in Familien nimmt ab und kaum jemand kann es sich leisten, neben seinem Beruf auf die speziellen Bedürfnisse eines alten Menschen einzugehen. Für Familien, die nicht diese Zeit aufbringen können, oder für kinderlose Senioren gibt es Pflege- und Altenheime. Doch ältere Muslime fürchten häufig, man würde sich in einem deutschen Pflegeheim nicht richtig um sie kümmern. Ein gläubiger Muslim wird sich zum Beispiel nicht von jedem waschen lassen, sich nicht vor jedem entkleiden. Dazu kommen religiöse Speisevorschriften und die Möglichkeit von Gebetsräumen, die Richtung Mekka ausgerichtet sind. Es gibt außerdem Sprachbarrieren, die im schlimmsten Fall zur völligen Isolation führen. Eine Lösung könnten interkulturelle Wohngruppen mit geschulten Pflegern bieten.

Laura Räuber

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