Tülay Schmid: "Ich bin keine Abschreckung im Sinn der NPD"

Tülay Schmid über ihre Unterstützung für ihren Ehemann Nils Schmid, Chef der baden-württembergischen SPD, über ihre Vorstellungen, was "gelungene Integration" ausmacht, sowie ihre Erfahrungen als Kind türkischer Gastarbeiter.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ist zu viel guter Wille bei der Integration schlecht? Oder wie sonst ist Ihre Aussage zu interpretieren, „Was wir nicht brauchen, sind Gutmenschen mit Helfersyndrom. Vergesst den grünen Multi-Kulti-Kram von gestern“?

Tülay Schmid: Eine der wichtigsten Herausforderungen für Migranten ist es, eine neue Identität zu entwickeln, die auf ihre Zukunft in dem für sie bislang fremden Land zugeschnitten ist. Dafür ist es notwendig sich mit den bisherigen Werten auseinanderzusetzen, die aus der mitgebrachten Kultur stammen. Dieser Vorgang erfordert viel aktive Arbeit insbesondere bei den Migranten selbst und ist mit pauschalem Mitgefühl der Mehrheitsgesellschaft nicht zu bewältigen.

„Ich habe Nils Schmid integriert“

Sie haben mal gesagt: „Ich habe Nils Schmid integriert“. Was genau wollten Sie damit sagen?

Das war eine scherzhafte Anmerkung. Aber es ist tatsächlich so, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Das bedeutet nicht, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft nun Türkisch-Kurse besuchen soll. Ich denke aber, dass es für eine gelungene Integration notwendig ist, dass wir als Mehrheitsgesellschaft lernen, keine Angst davor haben, mit zugewanderten Menschen ganz nah zu leben und uns täglich auf der Straße und im Supermarkt aktiv zu begegnen – auch wenn sie manchmal Dinge tun, die uns völlig fremd sind und eine Sprache sprechen, die wir überhaupt nicht verstehen. Es ist sicher nützlich, wenn wir das Eine oder Andere über die miteingebrachte Kultur wissen, aber um ehrlich zu sein, halte ich es für utopisch, dass wir alles übereinander wissen können. Das ist auch das besondere an Nils Schmid: er schätzt die Kultur in der er groß geworden ist sehr, hat aber keine Berührungsängste, so dass er sich recht schnell ein Bild über Integration aus der Perspektive eines Gastarbeiterkindes machen konnte.

Sie haben sich in der Aktion „SPD ve biz“ engagiert. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen, was Sie konkret gemacht haben?

„SPD ve biz“ ist ein Projekt innerhalb der SPD, das sich – sehr erfolgreich wie ich finde – insbesondere an türkische Migranten richtet. Im Rahmen des Landtagswahlkampfes 2011 fand am 18. Februar 2011 eine Veranstaltung in Stuttgart mit Sigmar Gabriel, Nils Schmid und Macit Karaahmetoglu statt, zu der über 500 türkische Migranten kamen und in der auch ich eine kleine Rede gehalten habe.

Würden Sie sich auch politisch engagieren, wenn Ihr Mann nicht in der Politik in einem hohen Amt tätig wäre?

Ich bin mit der Politik erst durch meinen Mann in Berührung gekommen, das stimmt. Allerdings beschränkt sich mein politisches Engagement bislang auf meine Unterstützung von Nils Schmid.

Worin wird sich die Integrationspolitik der neuen Regierung aus SPD und Grünen von der von Schwarz-Gelb unterscheiden?

Die Koalitions-Verhandlungen sind noch im Gange. Wir werden sehen, welche Integrationspolitik die neue Regierung im Konkreten ausüben wird. Aber eines ist jetzt schon klar: sie wird mit einem grundlegend anderen, viel aufgeschlossenerem Verständnis an das Thema und an die Menschen herangehen. Darauf freue ich mich.

Wenn man Ihren Namen in der Suchmaschine Google eingibt, wird als erster Treffer die Website der NPD angezeigt. Die Partei hat während der Wahlen gegen Sie Front gemacht aus Sorge vor einer türkischen „First Lady“. Berührt Sie so etwas oder ist das mittlerweile Normalität?

Als ich das bemerkt habe, war ich natürlich kurz erschrocken und wusste nicht, was ich davon halten soll. Als ich mir die Beiträge genauer angeschaut habe, habe ich dann aber festgestellt, dass sie aus wahltaktischen Gründen erstellt wurden. Solange die NPD keine Straftatbestände erfüllt, kann ich damit leben. Allerdings denke ich, dass ich kaum dazu geeignet bin, als Abschreckungsbild im Sinne dieser Beiträge zu dienen.

„Ich hatte eine klassische Gastarbeiter-Kindheit“

Was an Ihnen ist türkisch?

Ich bin ein Kind türkischer Gastarbeiter und bringe entsprechende Erfahrungen mit. Allerdings denke ich, dass es nicht auf das „türkische“ oder das „deutsche“ an den Menschen in Deutschland ankommt, sondern spannend finde ich, wie Menschen mehrere Kulturen unter einen Hut und damit in Harmonie bringen. Die Anzahl der Antworten auf diese Frage ist so hoch, wie die der Migranten.

„Ich kriege, was ich will!“ ist laut Bildzeitung Ihr Motto. Was wollen Sie denn?

Vielleicht hilft es ein wenig, diese Aussage in dem ursprünglichen Kontext zu betrachten. Im Rahmen einer meiner Reden kam der Satz vor. Da ging es um meine Zeit als alleinerziehende Mutter, in der ich mich in der Ausbildung befand. Es war eine Zeit, in der ich einigen Widerständen begegnet bin. Ich denke, es war nicht die schlechteste Strategie, denn sie hat mir geholfen durchzuhalten und mich von meinem Ziel nicht abbringen zu lassen.

Wie kommt es, dass Sie ihr Abitur in der Türkei gemacht haben, obwohl sie schon als Kind nach Deutschland kamen?

Ich hatte eine klassische Gastarbeiter-Kindheit mit viel Ortswechsel. Ich bin in Nürtingen (Deutschland) geboren und großgeworden. Als ich 13 Jahre alt war, zog meine Familie nach Sakarya (Türkei), während mein Vater noch in Deutschland arbeitete. Geplant war, dass er bald nachkommt. Allerdings stand nach einiger Zeit fest, dass er aus beruflichen Gründen in Deutschland bleiben würde, so dass meine Familie dann wieder nach Deutschland kam. In der Zwischenzeit war ich natürlich in der Türkei zur Schule gegangen und hatte dort das türkische Abitur gemacht.

Warum wurde Ihr Abitur nicht anerkannt in Deutschland?

Begründet wurde dies damit, dass die Sekundarstufe in der Türkei nur bis zur 12. Klasse ging und in Deutschland bis zur 13. Klasse. Das eine Schuljahr, das fehlte – so war die Meinung des Oberschulamtes – konnte es nicht rechtfertigen, diesen Abschluss als Abitur zu werten. Allerdings kam in Baden-Württemberg wenige Jahre später das Turbo-Gymnasium mit 12 Schuljahren.

Wie erziehen Sie Ihre Kinder, welche typisch deutschen bzw. typisch türkischen Werte bringen Ihr Mann und Sie Ihnen bei?

Wir feiern z.B. alle Feste.

Gibt es da auch manchmal Konflikte? Wenn ja, welche?

Wir sprechen in unserer Familie sehr viel, eigentlich über alles was uns begegnet und was uns beschäftigt. Daher kommt es eher nicht zu Konflikt-Situationen.

L. Räuber, F. Kubach

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