Zusammenfassung Migrationsbarometer: Migrationsrealismus in der Einwanderungsgesellschaft

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) stellt am heutigen Mittwoch sein Zweites Jahresgutachten vor. Wir dokumentieren die Zusammenfassung des Migrationsbarometers im Wortlaut.

Auch wenn es die jüngsten Debatten in Deutschland nicht vermuten lassen: In der Bevölkerung dominiert Migrationsrealismus. Im Rahmen des SVR-Migrationsbarometers wurden mehr als 2.450 Personen mit und ohne Migrationshintergrund befragt. Sie schätzen Migration und Migrationspolitik mehrheitlich pragmatisch-nüchtern ein, weitab von Apokalyptik (,Das Boot ist voll‘) oder Migrationsromantik (‚Unbegrenztes Niederlassungsrecht für alle‘). Diese Diagnose ist das Ergebnis eines analytischen Dreischritts:

In einem ersten Schritt wird der Kenntnisstand über die aktuellen Migrationsverhältnisse in Deutschland auf beiden Seiten der Einwanderungsgesellschaft erhoben. Hier zeigt sich ein vergleichsweise hohes Informationsniveau. Die Einwanderungsgesellschaft ist über die realen Migrationsverhältnisse im Migrationsland Deutschland in seiner statistischen Mittellage zwischen Ein- und Auswanderung weitaus besser informiert, als die Politik annimmt. Von einem negativen oder ausgeglichenen Wanderungssaldo gehen zutreffenderweise 58,1 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund und 63,6 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund aus. Noch wenig bekannt ist hingegen der Wandel bei den Hauptherkunftsländern: Die meisten Befragten (30 %) geben fälschlicherweise die Türkei als wichtigstes Herkunftsland an. Nur gut sechs Prozent der Befragten ist bekannt, dass Polen der Spitzenreiter ist.

In einem zweiten Schritt werden einwanderungspolitische Präferenzen von Mehrheits- und Zuwandererbevölkerung herausgearbeitet. So wird die Abwanderung aus Deutschland kritisch bewertet: Mehr als die Hälfte der Befragten ist der Ansicht, dass „eindeutig zu viel“ oder „eher zu viel“ Menschen abwandern. In scharfem Kontrast zu vielen holzschnittartig geführten politischen Debatten, die anscheinend nur die Optionen „mehr Zuwanderung“ oder „weniger Zuwanderung“ kennen, haben beide Seiten der Einwanderungsgesellschaft darüber hinaus differenzierte Erwartungen an die künftige Migrationspolitik. Eine stärkere Zuwanderung von Hochqualifizierten wird von einer deutlichen Mehrheit von 60 Prozent der Befragten mit und ohne Migrationshintergrund befürwortet. Einig sind sich Mehrheits- und Zuwandererbevölkerung auch in der Ablehnung einer weiteren Zuwanderung von Niedrigqualifizierten: Etwa 70 Prozent der Befragten wünschen sich „viel weniger“ oder „etwas weniger“ niedrig qualifizierte Zuwanderer. Einer verstärkten Aufnahme von Flüchtlingen steht hingegen die Hälfte der Befragten ohne Migrationshintergrund positiv gegenüber.

In einem dritten Schritt geht es um die Bewertung der Migrationspolitik. Beide Seiten der Einwanderungsgesellschaft stehen der Migrationspolitik der letzten zehn Jahre weder einseitig euphorisch noch einseitig abweisend gegenüber. Sie sehen vielmehr jeweils zu einem Drittel Verbesserungen, Verschlechterungen oder gar keine Veränderungen. Das Ergebnis einer gemischten und wenig polarisierten Bewertung der Migrationspolitik seit der Jahrtausendwende bestätigt den in den ersten beiden Untersuchungsschritten erkannten Migrationsrealismus und -pragmatismus auf beiden Seiten der Einwanderungsgesellschaft.

Angesichts dieses Ergebnisses sollte sich die Politik nicht von der Vorstellung lähmen lassen, die Bevölkerung stehe einer Zuwanderung skeptisch gegenüber. Vielmehr sollte sie den Gestaltungselan, der sich seit dem Zuwanderungsgesetz zeigt, nutzen und gerade im Hochqualifiziertenbereich mutig Reformen angehen.

Dafür gibt das Migrationsbarometer eindeutig grünes Licht: Eine Zuwanderungspolitik mit deutlicher Privilegierung von Hochqualifizierten stößt in der Bevölkerung auf starke Zustimmung.

Methodische Anmerkungen:

Für das SVR-Migrationsbarometer wurden im November/Dezember 2010 mehr als 2.450 Personen mit und ohne Migrationshintergrund telefonisch befragt. Die Befragung fand in den Regionen Rhein-Ruhr, Stuttgart und Rhein-Main und erstmals auch in Berlin statt. Die Ergebnisse des Migrationsbarometers sind repräsentativ für die alten Bundesländer und Berlin. Die Gesamtstichprobe von über 2.450 Personen setzt sich zu 70,8 Prozent aus Personen mit Migrationshintergrund und zu 29,2 Prozent aus Personen ohne Migrationshintergrund zusammen. 14,1 Prozent der Gesamtstichprobe sind Spät-/Aussiedler oder deren Kinder; 13,3 Prozent haben einen türkischen Migrationshintergrund; 22,2 Prozent kommen aus Ländern der Europäischen Union oder haben mindestens einen Elternteil aus diesen Ländern. Dasselbe gilt für 11,0 Prozent aus europäischen Ländern außerhalb der Europäischen Union und für 10,2 Prozent aus lateinamerikanischen, afrikanischen oder asiatischen Ländern. Zweisprachige Interviewer boten die Befragung neben Deutsch auf Russisch oder Türkisch an. Durchgeführt wurde die Erhebung von BIK Aschpurwis + Behrens GmbH.

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.