Russlanddeutsche – die vergessenen Migranten

Über die Russlanddeutschen wird kaum geredet. Die Probleme allerdings sind sehr ähnlich zu anderen Migranten-Gruppen.

Viele derjenigen, die als Russlanddeutsche nach Deutschland gekommen sind, sind Nachfahren von Bauern, die im 18. Jahrhundert von Katharina der
Großen angeworben wurden. Übersiedlungen von Deutschen auf das Gebiet des heutigen Russlands hat es in den vergangenen Jahrhunderten ständig gegeben.

Diese etwa 100.000 Menschen besiedelten Gebiete in Südrussland, wo sie Religionsfreiheit bekamen und von Steuerzahlungen befreit waren. Sie mussten keinen Wehrdienst leisten und durften sich selbst verwalten. Vor dem Ersten Weltkrieg fielen diese Rechte weg und ein Teil der Russlanddeutschen wurde sogar vertrieben. In den 1920er Jahren bauten Russlanddeutsche die „Autonome Republik der Wolgadeutschen“ auf. Doch unter Stalin wurden viele von ihnen nach Sibirien verbannt und verloren einen Großteil ihrer früheren Freiheiten und Rechte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verbesserte sich ihre Situation langsam wieder.

Im Sinne des Grundgesetzes sind alle diese Aussiedler Deutsche und haben daher ein Recht darauf, in Deutschland aufgenommen zu werden. Laut Bundesvertriebenengesetz werden alle, die nachweislich von deutschen Eltern abstammen, die sich zur deutschen Volkszugehörigkeit bekennen oder Nachfahren von „einem deutschen Staatsangehörigen oder deutschen Volkszugehörigen“ sind, als Deutsche anerkannt. Etwa drei Viertel aller Aussiedler sind russische Familienangehörige, während ca. 25 Prozent direkte Nachfahren der ehemaligen Aussiedler sind.

Seit 1950 sind inzwischen mehr als vier Millionen Aussiedler nach Deutschland
migriert, die Hälfte von ihnen stammt aus der ehemaligen UdSSR. Vor allem in den letzten Jahren kommt die proüberwiegende Mehrzahl von ihnen aus der Ex-Sowjetunion – etwa 99 Prozent. Die mit Abstand meisten Aussiedler kommen aus Russland (53 Prozent) und Kasachstan (40 Prozent). Ein Großteil dieser Russlanddeutschen lebt in den Plattensiedlungen der 60-80er Jahre und fast die Hälfte von ihnen ist arbeitslos.

Auch bei den Russlanddeutschen ist Sprache das größte Problem. Viele von ihnen können nicht ausreichend Deutsch und diejenigen, die immer noch Deutsch können, stellen bald fest, dass ihre Beherrschung der deutschen Sprache entweder unzulänglich oder ihr Deutsch mittlerweile überholt ist. Daraus resultiert, dass es ihnen schwer fällt, Arbeit zu finden. Arbeitslosigkeit ergibt sich auch aus der Tatsache, dass viele Aussiedler in der Landwirtschaft tätig waren. Die Nachfrage nach Bauern und Landarbeitern ist in Deutschland allerdings sehr gering.

Viele Aussiedler müssen sich umschulen und ausbilden lassen. Dies ist aber auch der Fall, wenn sie ihre Ausbildung in der ehemaligen Sowjetunion gemacht haben und ihren Beruf in Deutschland ausüben wollen. Ihre Studienabschlüsse und Qualifikationen werden nicht anerkannt. Viele Aussiedler sind von ihrer eigentlichen „Heimat“ sehr enttäuscht. Erst nach der Ankunft merken sie, dass Deutschland nicht mehr ihre Heimat ist. Sie fühlen sich hier fremd. Fremd in der eigenen Heimat. So Paradox das auch erscheinen mag.

Ercan Karakoyun

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