"Ängste vor einer Islamisierung Deutschlands sind unbegründet"

Der Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe spricht im Interview über die gemeinsamen Schnittpunkte und Konfliktpunkte des Islam mit der Geschichte Europas, sein Verständnis für die Äußerung von Innenminister Friedrich, der Islam gehöre nicht zu Deutschland sowie sein Plädoyer für eine härtere Hand im Jugendstrafrecht.

Mathias Rohe ist überzeugt, dass Deutschland sich noch viel von anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Großbritannien abschauen kann. „Die sind näher dran“, meint Rohe und bezieht sich damit beispielsweise auf die seiner Meinung nach insgesamt bessere mediale Berichterstattung über Themen der islamischen Welt.

Dass jedoch auch die Migranten selbst  zum Teil große Schwierigkeiten hätten, „sich in der hochkomplexen deutschen Zivilgesellschaft Gehör zu verschaffen“, betont er auch. Als Grund führt er das zum Teil niedrige Bildungsniveau der Einwanderer an. Die Kirchen in Deutschland sieht Rohe eher als Verbündete denn als Nutznießer der zum Teil antiislamischen Stimmungsmache. Er erklärt: „Ich glaube, dass die Kirchen sehr wohl verstanden haben, dass der Umgang mit dem Islam in Deutschland auch für ihre eigene Zukunft nicht unbedeutend ist.“ Der Austausch zwischen Juden und Muslimen leidet aus seiner Sicht sehr stark unter dem Nahost-Konflikt. Lesen Sie hier das komplette Interview.

Mathias Rohe: „Ich habe Verständnis für die Äußerung von Innenminister Friedrich“

Deutsch Türkische Nachrichten: Können Sie uns einen Aufriss in Stichpunkten geben – wo der Islam in Deutschland in der Geschichte eine Rolle gespielt hat?

 

Mathias Rohe: Kulturtransfer und Wissenstransfer aus der islamischen Welt hierher waren vor allem im Mittelalter sehr bedeutsam – das hat sich bis in die universitäre Ausbildung niedergeschlagen. Insgesamt wird man sagen müssen: In den letzten Jahrhunderten wurde die Bedeutung im Vergleich zu anderen Faktoren sicherlich etwas geringer. Inzwischen ist der Einfluss des Islam aber wieder stark zunehmend – bis hin zur dauerhaften Präsenz von ungefähr vier Millionen Muslimen in unserem Land als Teil unserer Gesellschaft. Das bleibt nicht unbemerkt. Mir ist vor allem wichtig, dass man sich klar macht, was man eigentlich mit der Diskussion über die Aussage meint „Gehört der Islam zu Deutschland?“. Mit den vielen Muslimen gehört der Islam selbstverständlich zu Deutschland. Wenn das jedoch heißen sollte, dass wir eine breitflächige Islamisierung bekommen und das übrige Kulturerbe verschwinden soll – irrationale Ängste mancher Leute, die teils auch bewusst geschürt werden – dann ist es eine Selbstverständlichkeit, dass dem nicht so ist.

Finden Sie es legitim, mit irrationalen Ängsten in der Bevölkerung Politik zu machen?

Ich habe politisches Verständnis für Menschen, die versuchen, insbesondere die rechten Ränder zu festigen, indem man verbreitete Ängste aufnimmt. Dann muss man das aber auch gut machen. Das heißt, die Ängste zwar aufzunehmen, aber Angstparolen nicht zu übernehmen und die Panikmacher nicht aufzuwerten, sondern nüchtern-sachlich zu informieren. Man sollte zudem zur Kenntnis nehmen, dass auch Muslime in diesem Land gewisse Ängste haben – nicht völlig unberechtigt, wenn man an die Anschläge auf Moscheen bis hin zum Mord in einem Dresdner Gerichtssaal denkt. Man muss sich im Klaren sein, wie man den politischen Diskurs beeinflussen möchte. Allzu plakative Formulierungen verderben die Debattenkultur und wirken verletzend.

Insgesamt würden sie aber sagen, der Auftritt des Innenministers war so vertretbar?

Ich denke, der Innenminister hat noch in einer anderen Funktion aus politischen Gründen versucht deutlich zu machen, dass die genannten irrationalen Ängste vor einer Islamisierung Deutschlands unbegründet sind. Insofern habe ich Verständnis für seine Äußerung. In der Formulierung und was das Atmosphärische angeht, ist die Sache aber sicherlich noch optimierungsfähig.

„Auch Muslime haben ihre Ängste“

Aber kann ein Innenminister, der einen solchen Start hinlegt, überhaupt noch versöhnen?

Ich denke ja. Man sollte diese eine Äußerung nicht zu hoch hängen. Vor allem sollte man sehen, dass sie zunächst gefallen ist, als er noch eine andere Funktion als CSU-Landesgruppenvorsitzender ausgeübt hat. Dann wird er Innenminister und wird gefragt: „Bleiben sie bei ihrer alten Aussage?“ Was soll der Mann jetzt tun? Sagt er, das ist alles Unsinn gewesen und das neue Amt hat mich klüger gemacht? Das ist eine schwierige Situation. Ich denke, diese Äußerung ist zu verstehen in einem politischen Kontext. Die CSU hat sich – auch leidlich erfolgreich – bemüht, den rechten Rand abzuschotten. Der Preis des Ganzen ist, dass man gelegentlich Ängste und Äußerungen von der potentiellen Klientel aufnimmt und versucht, diese irgendwie zu integrieren. Und das geschieht nicht immer inhaltlich erfolgreich. Eine schlichte Übernahme desintegrierender Äußerungen nützt niemandem, auch nicht politisch: Am Ende wird dann doch das radikale Original bevorzugt, wie man es in Frankreich eindrucksvoll sehen kann. Noch einmal: man muss dem Volk aufs Maul schauen. Aber ihm nicht nach dem Munde reden – wenn ich da mit Luther sprechen darf. Und es ist auch nicht „das Volk“ schlechthin, das den Islam ablehnt. An der Stelle ist es vor allem wichtig, sich klar zu machen, dass das Ganze auch psychologische Auswirkungen hat. Und dass es aus meiner Sicht auch nicht machbar ist, den Islam und die Muslime geistig zu trennen. Man sollte die Sache vielleicht einfach eine Nummer kleiner angehen. Und nicht die sehr abstrakte Frage stellen, ob „der Islam“ zu Deutschland gehört. Sondern: Gehören die Muslime dazu? Um welche Auslegungen und Ausdrucksformen des Islam geht es? Gibt es Probleme mit einzelnen religiösen Doktrinen oder mit bestimmten Integrationsfragen, die mit der Religion überhaupt nichts zu tun haben? Wichtig ist dann vor allem auch die „Angstbalance“ zu wahren. Denn auch Muslime haben, wie bereits erwähnt, ihre Ängste.

Wo waren denn besondere Konfliktpunkte zwischen Islam und Christentum in der Vergangenheit – zum Beispiel hinsichtlich des kollektiven Gedächtnisses?

Die gilt es auf beiden Seiten. Man denke da zum Beispiel an die Belagerungen von Wien oder wenn man noch weiter zurückgeht: den Fall von Konstantinopel oder die Eroberung großer Teile des Byzantinischen Reichs. Auf muslimischer Seite werden immer wieder die Kreuzzüge als das erste Trauma angeführt und dann, sicher noch wirkungsmächtiger, die Zeit des Kolonialismus, in der große Teile der islamischen Welt unter westliche Herrschaft gekommen sind. Bis hin – spezifisch im türkischen Spektrum – zu den Entwicklungen kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als man versucht hat, im Vertrag von Sèvres die heutige Türkei weitgehend zu zerschlagen. All dies scheint mir im kollektiven Gedächtnis noch sehr spürbar vorhanden zu sein. Schade ist es im Grunde, dass das viele Gute weit weniger präsent ist. Zum Beispiel das Miteinander und der Austausch, den es auch in der Vergangenheit schon gegeben hat. Aber auch der Umstand, dass zu allen Zeiten meist nicht die islamische Welt gegen das christliche Europa stand, sondern dass es die unterschiedlichsten Allianzen über die Religionsgrenzen hinweg gegeben hat. Aber wahrscheinlich ist es auch in der Historie so, dass „bad news“ mehr Aufmerksamkeit erregen und simple Botschaften mehr haften bleiben als „good news“ und differenzierte Betrachtungen.

Was sind die größten Legenden über den Islam?

Abgesehen von Gräuelpropaganda gibt es vielleicht weniger Legenden als das Problem essentialistischer Wahrnehmungen, verfälschender Verallgemeinerungen von Einzelerscheinungen und die Zuschreibung kulturell bedingter Einstellungen und Verhaltensweisen an die Religion des Islam nach dem Motto „der Islam ist das und nur das…“. Denn dann folgen oft Stereotype wie: „…archaisch, rückständig, brutal, frauenfeindlich, nicht demokratiefähig, dem Rechtsstaat entgegengesetzt“. Nun ist es so, dass es einzelne Richtungen auch in Deutschland gibt, Minderheiten, Extremisten, die tatsächlich große Probleme bereiten, und in einigen Teilen der von Islam geprägten Welt bestehen solche Probleme noch breitflächig. Das sehen allerdings die allermeisten Muslime hierzulande auch nicht anders. Das ist das eigentliche Problem. Der Islam ist so vielgestaltig wie das Christentum. Die zweite Legende ist im Moment: „Muslime sind immer nur Muslime“. Daran haben wir uns seit zehn, zwölf Jahren sehr stark gewöhnt. Man übersieht dabei völlig, dass auch Musliminnen und Muslime sich von allen möglichen Beweggründen und Dingen leiten lassen, dass sie Individuen sind, dass sie multiple Identitäten haben wie wir alle. Das Problem ist, dass manches umstandslos dem Islam zugeschrieben wird, bis hin zu irgendwelchen Medienmeldungen vor einiger Zeit, dass es in Bremen nun die erste muslimische Rockerbande gebe. Ich vermute allerdings nicht, dass die sich in ihrer Satzung ausgerechnet auf den Koran beziehen.

„Das Wort Ausländer wird selten so oft gehört wie in Deutschland“

Warum tut sich dann eine Gesellschaft wie Deutschland so schwer, den Islam in seiner historischen Bedeutung anzuerkennen?

Vielleicht sind wir einfach ein wenig provinziell, was ja manchmal auch sein Gutes hat. Unsere koloniale Vergangenheit ist weniger ausladend als die Frankreichs oder Englands. Auf der anderen Seite muss man anerkennen, dass unsere Nachbarn auch mehr Erfahrungen mit anderen Teilen der Welt sammeln können. Ich habe tatsächlich schon von vielen gehört, und das nicht nur von Muslimen, sie hätten selten so oft das Wort Ausländer gehört wie in Deutschland. Das entspricht eigentlich gar nicht unserer doch auch recht intensiven Migrationsgeschichte. Aber es ist in der Tat so, dass – und das merkt man zum Teil auch an den Medien – wir uns mental ein wenig eingeigelt haben. Andererseits wäre es auch ungerecht zu sagen, wir seien nicht in der Lage, uns solchen Dingen zu öffnen. Es gibt doch, und das durchaus verbreitet, eine freundliche Neugier auf das Andere. Das darf man auch nicht kleinreden.

Was wird denn zum Beispiel in Frankreich anders – oder besser gemacht?

Die sind näher dran. Bei den Berichten, die wir von dort hören, hat man den Eindruck, sie hätten mehr Korrespondenten vor Ort, welche oftmals etwas authentischer berichten, als wenn man das aus einer gewissen sicheren Distanz tut. Das ist jetzt sehr pauschal formuliert, auch bei uns gibt es sehr gute Berichte, aber man hat oft das Gefühl: Da sitzt nur ein Korrespondent in Kairo und der muss dann von Marokko bis Bahrain über alles berichten. Auch unsere auswärtige Kulturpolitik könnte sich noch einiges von Frankreich oder dem UK abschneiden; diese vergleichsweise bescheidenen Ressourcen sind bestens angelegt. Das ist die Außenperspektive. In der Innenperspektive denke ich: Je länger man zusammenlebt, je länger man sieht, wer der andere ist, wie der andere sich verhält, desto geringer werden die Ängste. Das wissen wir auch aus Umfragen in Deutschland. Die größte Angst vor dem Islam besteht unter älteren Menschen in Ostdeutschland, die, wie zu vermuten, den allerwenigsten Kontakt mit Muslimen haben. Das stimmt mich auch vorsichtig optimistisch. Sich kennenlernen beseitigt nicht alle Probleme, aber es nimmt doch einen erheblichen Teil der meist irrationalen Ängste.

Was machen die Muslime in Deutschland vielleicht falsch, dass sie es nicht schaffen, akzeptiert zu werden?

Ich will nicht Fehlerzuweisungen verteilen. Auch da müssen wir nüchtern und sachlich sehen, wo die Muslime herkommen und welche Handlungsoptionen sie haben. Es gibt mittlerweile rund zwei Millionen deutsche Staatsangehörige, die hier aufgewachsen sind und die wissen, wie der Laden hier läuft. Aber viele haben doch noch einen Migrationshintergrund insofern, als sie zum Beispiel aus dem Gastarbeiter-Milieu stammen mit einem zum Teil geringeren Bildungshintergrund. Doch auch das will ich nicht pauschalisieren. Die vielen hochgebildeten Iraner sind nur ein Gegenbeispiel. Aber wer als unausgebildete Arbeitskraft, vielleicht noch als Analphabet, in der eigenen Herkunftssprache eingewandert ist, der tut sich schwer Pressemeldungen für deutsche Medien zu verfassen, um sich in der hochkomplexen deutschen Zivilgesellschaft Gehör zu verschaffen. Es sind noch vergleichsweise Wenige, die in der Mitte der Gesellschaft oder in den oberen Positionen angekommen sind und welche die Fertigkeiten mitbringen, sich dementsprechend zu artikulieren. Und auch die Flucht in eine Opferhaltung und einzelne Tendenzen der Selbstabgrenzung sind nicht hilfreich.

Wie kann man zu einem Zustand der Normalität gelangen?

Es gibt bereits eine große Zahl von Muslimen, die sehr gut in der deutschen Gesellschaft angekommen und ein Teil von ihr geworden sind. Sie wollen auch nicht permanent nur als Muslime wahrgenommen werden. Andererseits gehört zur Normalität auch die Akzeptanz der Rechte von Minderheiten durch die Mehrheit. Auch da gibt es noch erheblichen Nachholbedarf, wie es neue Studien zur Haltung zur Religionsfreiheit für Muslime zeigen. Noch etwas anderes scheint mir nicht unwichtig zu sein: Wir müssen aufpassen, dass wir Muslime oder Migranten nicht immer nur für Migrations- oder Islamfragen heranziehen. Manche interessieren sich dafür gar nicht so sehr. Normalität haben wir eigentlich erst dann, wenn es keine große Zeitungsmeldung mehr wert ist, dass wir die erste Ministerin muslimischen Bekenntnisses in Niedersachsen haben oder die erste direkt gewählte muslimische Abgeordnete in den Stuttgarter Landtag einzieht. Die auch mit Recht sagt: Ich bin Steuerberaterin. Ich interessiere mich für Finanzen und nicht primär für Integration.

Welche Muslime stellen in Ihren Augen ein Problem dar in Deutschland?

Es gibt einen muslimischen Extremismus, den man durchaus griffig als „Islamismus“ bezeichnen kann – in unterschiedlichen Schattierungen. Das Attentat, das kürzlich am Frankfurter Flughafen verübt wurde, ist ein Zeichen dafür. Es ist vielleicht das extremste, denn es gibt auch Menschen, die nicht bereit sind, selbst Gewalt anzuwenden, aber versuchen durch andere Methoden hier Leute gegen unsere Grundüberzeugungen in Deutschland in Stellung zu bringen in Stellung zu bringen. Allerdings muss man sehen, dass das zahlenmäßig eine relativ kleine Gruppierung ist. Man muss sehr aufpassen, dass man hier die Muslime nicht insgesamt unter Verdacht stellt, sondern ganz im Gegenteil deutlich macht, dass diese sich gegen die Interessen aller Beteiligten richten.

Wie bewerten sie die Schiiten?

Sie lassen sich nicht einheitlich bewerten. Insgesamt stellen wir fest: Gerade die Schiiten in Deutschland scheinen weniger religionsaffin zu sein, im Sinne der Ausübung religiöser Praxis, als die Sunniten. Das zeigen uns die Umfragen der Deutschen Islam Konferenz. Was die Glaubensüberzeugungen angeht, gibt es überhaupt keinen Unterschied zum sonstigen Spektrum. Ich weiß von gelegentlich vorhandenen Vorurteilen gegen Schiiten, sie würden eher zur Gewalttätigkeit neigen. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Ganz im Gegenteil muss man sagen, die schiitische Doktrin ist mehr auf zögerliche Zurückhaltung ausgerichtet, was durchaus typisch ist für eine Minderheit, die sich in ihrer Geschichte bis heute zum Teil eher schwer behaupten muss. Und: Das gegenwärtige iranische Terrorregime wird auch von sehr vielen religiösen Schiiten abgelehnt.

„Die Gülen-Bewegung ist sehr bildungsorientiert“

Finden Sie es zulässig, dass man seitens der Politik die Aleviten in Stellung bringt, sozusagen als die besseren Muslime, und sie gegen die anderen ausspielt?

Wer das tut, begeht einen großen Fehler. Wir sollten immer die einzelnen Menschen und Organisationen anschauen, wie diese sich zu bestimmten Fragen positionieren und dann bewerten, ob man mit denen gut kann oder ob es Probleme gibt. Ich halte es für überhaupt nicht klug zu versuchen, die Leute pauschal auseinander zu sortieren und gegeneinander in Stellung zu bringen. Dass sie ihre internen Konflikte haben, ist völlig normal. Dass die Aleviten bis vor kurzem in der Türkei noch brutal unterdrückt wurden und auch jetzt noch keine gleichen Rechte genießen, wissen wir. Das schafft natürlich auch hier ein Konfliktpotential. Auf der anderen Seite meine ich, wir dürfen nur die hierzulande geltenden Maßstäbe anlegen. Sie setzt der demokratische Rechtsstaat. Jeder, der sich an die Spielregeln hält, hat gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Dabei sollten wir es dann eigentlich auch belassen.

Wo sehen Sie die Gülen Bewegung in Deutschland?

Das ist nicht ganz leicht einzuschätzen. Es kursieren viele Gerüchte, teils auch lanciert. Was wir feststellen können ist, dass die Bewegung sehr bildungsorientiert ist und versucht, in diesem Bereich Defizite aufzuarbeiten. Sie ist von ihrer Grundausrichtung her sicherlich eher traditionell, aber auch sehr glaubhaft gegen jede Art von Gewalt im Namen von Religion ausgerichtet. Nach meiner Kenntnis lassen sich die Gerüchte, die Gülen-Bewegung wolle die Gesellschaftsordnung unterwandern, nicht untermauern. Das Problem ist, dass die Transparenz noch erheblich verbessert werden könnte. Immer wieder bilden sich Initiativen, die sich aus meiner Sicht problemlos dazu bekennen könnten, dass sie den Ideen von Fethullah Gülen folgen. Das tun sie aber nicht immer und das schafft natürlich eine gewisse Distanz.

Sie geben also nichts auf die Gerüchte?

Nein. Ich kann aber für mich auch nicht in Anspruch nehmen, dass ich die Bewegung abschließend einschätzen kann. Sie ist sehr breit und entwickelt sich auch. Bei Bewegungen, welche sich wie diese einer charismatischen Führungspersönlichkeit verschreiben, ist mein Protestanten-Herz vielleicht von Natur aus ein bisschen skeptisch. Aber man muss den Leuten Gerechtigkeit antun. Religionsgemeinschaften, die eher auf Führungspersonen zentriert sind, haben wir auch noch in anderen Spektren. Auch da rate ich dazu, sich die einzelnen Aktivitäten und Ideen genau anzuschauen. Auch wenn da an der einen oder anderen Stelle kreationistische Ideen vertreten sind – so etwas kann man kritisieren, darf man aber vertreten, solange es nicht in Indoktrination z.B. in Schulen ausartet.

„Die Religionen sind eher Verbündete.“

Welche Rollen spielen die katholische und die evangelische Kirche? Haben die ein Interesse an antiislamischen Stimmungen?

Nein, keinesfalls. Natürlich gibt es auch da einzelne sehr islamkritische Stimmen. Doch gegen bloße Kritik ist schon einmal gar nichts einzuwenden. Aber es gibt auch viel positives Zugehen auf Muslime, lange Prozesse eines Dialogs. Ich glaube, dass die Kirchen sehr wohl verstanden haben, dass der Umgang mit dem Islam in Deutschland auch für ihre eigene Zukunft nicht unbedeutend ist. Es fällt auf, dass viele derjenigen, die sich vehement gegen Moscheebauten, islamischen Religionsunterricht oder islamische Theologie in deutschen Universitäten wenden, auch das Christentum aus dem öffentlichen Raum verdrängen wollen. Da geht es auch um die Debatte, welche Funktion und welche Rolle die Religion im öffentlichen Raum eigentlich noch hat und haben soll. Von da her muss man sagen, sind die Religionen in diesem Kontext oft eher Verbündete.

Es fällt auf, dass die Lage in Berlin eine andere ist als etwa in Frankfurt und München, wo die Integration scheinbar besser gelingt. Woran liegt das?

Berlin ist ein vergleichsweise schwieriges Pflaster. Schon deswegen, weil es im Vergleich finanziell nicht gut da steht, weil es relativ wenige Arbeitsplätze und eine große Fülle an sozialen Problemen gibt, die in so prosperierenden Städten wie München oder auch Frankfurt deutlich geringer sind. Meine Überzeugung ist, dass zwar nicht alle Probleme, die bestehen, im sozialen oder wirtschaftlichen Bereich zu suchen sind. Aber doch ein ganz großer Teil. Vielleicht ist es auch tatsächlich so, dass man in Berlin an der einen oder anderen Ecke die Dinge hat zu sehr schleifen lassen. Wenn die Berichte halbwegs zutreffen, wonach bei manchen Straftaten die staatlichen Ordnungsbehörden nicht mehr einzugreifen wagen oder massiv angegriffen werden, dann ist da ganz entschieden etwas schiefgelaufen. Eine strafrechtliche Laissez-Faire-Politik bewährt sich nicht. Da bin ich ein Freund der schnellen und konsequenten Ahnung auch schon bei relativ niedrigschwelligen Vergehen. Weil nur so von vorneherein aufgezeigt wird: Das geht hier so nicht, und nur damit die erforderliche erzieherische Wirkung eintreten kann.

Da sind sie auch auf einer Linie mit Frau Kirsten Heisig…

…und mit dem früheren liberalen Justizsenator von Berlin, Jürgen Baumann, bei dem ich Strafrecht gehört habe. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, die informelle Bagatellgrenze von 50 DM bei Diebstählen wieder aufzuheben. Das ist doch auch im Sinne der Betroffenen. Denn gerade in der Pubertät versuchen insbesondere Jungen ihre Grenzen gelegentlich auch auf solche Weise auszutesten. Dann müssen sie die auch gezeigt bekommen. Und zwar möglichst schnell! Nicht erst nach einem halben Jahr, wenn die ganze Sache schon wieder vergessen ist, oder überhaupt nicht. Das sind Dinge, die in der Kriminologie und in der Rechtswissenschaft allgemein diskutiert werden und durchaus nicht nur in einer bestimmten politischen Ecke. Andererseits gilt auch hier: Auch in Berlin läuft vielen normal und gut, und vorhandene Probleme kann man auch hier konstruktiv angehen wie Heinz Buschkowsky und nicht destruktiv wie Thilo Sarrazin.

Islam und Judentum – historisch gesehen sind das echte Brüder. Haben die in Deutschland eine Tradition, die mehr trennt oder mehr versöhnt?

Eine gemeinsame Tradition ist insgesamt schwach. Christliche Theologen haben sich vereinzelt schon länger mit beiden beschäftigt, aber erst im 19. Jahrhundert haben Juden hierzulande damit begonnen, sich für den Islam zu interessieren. Abraham Geiger zum Beispiel war einer, der gesagt hat: Der Islam ist für uns Juden eigentlich interessanter als das Christentum, weil es theologische und orthopraktische Gemeinsamkeiten gibt, die man ergründen könnte. Mangels entsprechend ausgebildeten Muslimen war es in der Vergangenheit sicherlich schwer und erschien vielleicht auch unnötig, überhaupt in Kontakt miteinander zu treten. Im Moment scheint mir der Austausch zwischen Juden und Muslimen sehr stark unter dem Nahost-Konflikt zu leiden. Einige bringen es fertig, und darüber bin ich sehr froh. Es gibt immer wieder Stellungnahmen etwa vom Zentralrat der Juden in Deutschland, die besagen: Versucht nicht hier eine jüdisch-christliche Vergangenheit oder Leitkultur zu konstruieren als Ausgrenzungsinstrument gegenüber Muslimen! Gerade die Juden sind sehr sensibel, was die Diskriminierung von Minderheiten angeht. Auch im muslimischen Spektrum erheben sich wichtige Stimmen, die sich gegen antijüdische Stimmungen und Aktionen in den eigenen Reihen richten. Ich bin froh, dass es diese Stimmen gibt. Auf der anderen Seite wird vielfach das Gespräch dadurch belastet, dass man schnell bei kontroversen Ansichten zum Nahost-Konflikt landet. Da gehen die Emotionen auf allen Seiten oft schnell hoch. Insgesamt besteht auch hier erheblicher Ausbaubedarf. Die Etablierung einer islamischen Theologie auf universitärem Niveau und der Austausch zwischen ihnen und den christlichen und jüdischen Theologien kann ebenso zur Selbstvergewisserung im Rahmen des deutschen Rechtsstaats wie auch zur Förderung des gedeihlichen Zusammenlebens beitragen.

Felix Kubach

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