"Ich erlebe Frauen in allen Berufen und gesellschaftlichen Bereichen der Türkei"

Ursula August, erste deutsche Pfarrerin in der Türkei, spricht über die Besonderheiten der Vertretung einer Minderheitskirche sowie ihre Hoffnung angesichts der Worte von Abdullah Gül, der Präsident aller sein zu wollen - "eben auch der Christen".

Ist es schwierig eine Minderheitenreligion zu vertreten?

Es ist auf jeden Fall anders. Auf jeden Fall geht es dabei nicht darum, sich nur auf sich selbst zurückzuziehen. Auch als kleine Gemeinde sind wir sozial aktiv, etwas in der Ökumenischen Intitiative Sozialarbeit, oder beim Interparish Migrants Projekt, dass sich auch um Flüchtlinge kümmert. Wir bringen uns mit Erwachsenenbildungsangeboten und Kirchenmusik in der Stadt ein.

Sind Sie als deutschsprachige Christen nicht sogar eine Minderheit innerhalb der Minderheit?

Ganz bestimmt. Aber wir sind deshalb nicht unbekannt. Es gibt die Ev. Gemeinde deutscher Sprache seit 1843 am Bosporus, mit weiteren Predigtorten in der Türkei. Und es war immer so, dass die Minderheiten untereinander gute ökumenische Kontakte gepflegt haben. Außerdem gibt es Verbindungen etwa zu den Stiftungen, den Kulturinstituten, den Medien.

„Staatspräsident Gül hat gesagt, dass er Präsident aller ist“

Wieso gibt es so viele deutsche Protestanten, dass sich eine Gemeinde in der Türkei lohnt?

Es ist dies nicht nur eine Frage der Quantität. Zur Gemeinde hier gehören etwa 250 Mitglieder. Die Gemeinde stellt aber immer auch eine Anlaufstelle, Heimat und ein Netzwerk dar. Zu ihr gehören Angehörige des diplomatischen Dienstes, Gesandte deutscher Firmen, Lehrer und Lehrerinnen der deutschen Schulen, Journalisten, Kulturschaffene, Familien, Einzelpersonen. Dazu gehören viele, die sich nur für kurze Zeit in der Türkei, in Istanbul aufhalten, wie z.B. die Erasmusstudierenden oder auch Monteure. Vor allem aber ist die Gemeinde auch Anlaufpunkt für die vielen politischen und kirchlichen Delegationen und Reisegruppen, die die Türkei besuchen. Seit meinem Dienstantritt vor zwei Monaten konnten wir um die 20 Gruppen begrüßen.

Wie ist der Umgang mit den Muslimen – einerseits den Imamen selbst und andererseits der Bevölkerung?

Im Viertel, in der Mahalle, der Nachbarschaft gibt es Kontakte. In naher Zukunft werde ich mich beim Mufti und dann bei der Diyanet vorstellen. Auch den Kontakt zu den Theologischen Fakultäten suchen. Aber ich bin noch nicht einmal 100 Tage hier.

Werden Sie auch angefeindet?

Nein.

Fühlen Sie sich gefährdet? In Malatya wurden 2007 drei Missionare getötet, vermutlich eine Ergenekon-Aktion, um Unfrieden im Land zu stiften, aber Christen sind immer wieder Ziele von Attacken…

Immer wieder gibt es Runderlasse und Aufforderungen seitens der Regierung an Bürgermeister und Governeure für die Sicherheit der Christen zu sorgen. Und Staatspräsident Gül hat gesagt, dass er auch der Präsident aller ist – eben auch der Christen. Dass läßt mich hoffen. Ansonsten denke ich, dass Attentate – besonders wenn dann noch religiös begründet – zu verurteilen sind. Es ist die Aufgabe der Religionen ihren Inhalten nachzukommen und danach zu handeln. Und die am meisten gebrauchten Begriffe dabei sind: Liebe, Frieden und Barmherzigkeit Gottes.

Laura Räuber, Felix Kubach

* Gerhard Duncker war selbst bis Mitte 2002 neun Jahre Pfarrer der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei  in Istanbul

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