Syrien: "Es fließt mehr und mehr Blut"

Jehad Nasrallah, 1989 als Oberleutnant aus der syrischen Armee zurückgetreten, über das Wegschauen der deutschen Medien angesichts des Blutbades in Syrien, über den Nutzen des Internets bei der Verbreitung von Informationen und die Forderung an Deutschland, sich klar zu den friedlichen Demonstranten in Syrien zu positionieren.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie ist Ihre Einschätzung der Lage in Syrien – was geschieht dort gerade?

Jehad Nasrallah: Die Revolution des syrischen Volkes, die Revolution der Würde, nimmt weiterhin ihren normalen Verlauf, angeheizt durch das repressive autoritäre Verhalten des Regimes. Seit dem 18. März widersteht das Volk der Unterdrückung des Sicherheitsapparates. Die Revolution erstreckt sich auch auf die meisten Regionen von Syrien. Die Forderungen nach grundlegenden Menschenrechten sollten im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein und das syrische Volk ist auf gutem Wege, sein Ziel zu erreichen. Wobei durch das verbrecherische Verhalten des Regimes mehr und mehr Blut fließt. Obwohl die in Syrien demonstrierenden Menschen nur auf friedliche und waffenlose Weise ihre Ziele versuchen zu erreichen.

Da keine neutrale Journalisten nach Syrien einreisen dürfen, um von der Wahrheit zu berichten, müssen die Aktivisten die Geschehnisse mit Hilfe ihrer verwackelten Handyaufnahmen im Internet verbreiten, so dass die Welt erfahren kann, wie brutal das Regime gegen das eigenes Volk vorgeht. So konnten wir erfahren, wie am Montag 5000 Soldaten mit schwerer Artillerie und Panzertruppen in die Stadt Daraa eingerückt sind. Mit Hilfe des Internets haben wir in Erfahrung gebracht, dass mehr als 500 Unschuldige bis jetzt getötet und Hunderte von Aktivisten in den letzten Tagen verhaftet wurden. Kurz gesagt, die Handschrift von Präsident Bashar Al Assad zeigt sich durch: Panzer gegen Zivilisten, Schüsse auf friedliche Demonstranten, Festnahmen Hunderter Aktivisten, Lügen – verbreitet durch syrische Medien. Baschar Alasad hat leider nicht nur die Macht von seinem Vater geerbt, sondern auch das verbrecherische Vorgehen gegen sein eigenes Volk. Anfang der 80er Jahre hat Hafiz Al Assad, der Vater von Baschar Al Assad, einen Aufstand des syrischen Volkes mit Hilfe der Armee blutig niedergeschlagen. Bei der Bombardierung der Stadt Hama starben damals mehr als 30.000 Menschen.

Haben Sie Freunde, Verwandte um die Sie sich möglicherweise derzeit sorgen?

Ich bin In Syrien aufgewachsen und habe mein Studium dort bei der Militärakademie als Offizier erfolgreich abgeschlossen. Familienmitglieder und reichlich Freunde leben dort. Ich mache mir Sorgen um das ganze friedliche Volk.

Wie sollte die Welt auf die andauernde Gewalt reagieren? Welche Rolle sollte Europa spielen?

Das syrische Volk erwartet von den Ländern, die die Menschenrechte verteidigen, dass sie die Gewalt gegen die friedlich demonstrierenden Menschen verurteilen. Aber auch Sanktionen, die keine negative Wirkung auf das Volk haben, sondern das Regime zum Stoppen der Blutbäder zwingt.

Genügen Sanktionen oder befürworten Sie eine militärische Option?

Wir sind für Sanktionen und für jede friedliche Lösung, aber gegen einen militärischen Eingriff in Syrien.

„Ich warne vor jeder Lösung, die von Gewalt aus dem Westen bestimmt wird“

Wie muss sich Deutschland verhalten, kann es sich wie in Libyen aus militärischen Aktionen heraushalten?

Da wir gegen ein Militäreingriff sind, fordern wir dies auch nicht von Deutschland. Deutschland muss sich klar zu den friedlichen Demonstranten und dem syrischen Volk positionieren und alle politischen Mittel einsetzen, um das Blutbad zu beenden. Wie ich sagte: das syrische Volk ist gegen jegliche militärische Intervention. Eine Beteiligung an militärischen Aktionen hat nur negative Auswirkungen auf das Volk, deshalb warne ich vor jeder Lösung, die von Gewalt aus dem Westen bestimmt wird.

Welche Stellung nimmt die Arabische Liga ein, was kann sie bewirken, wie groß ist ihre Macht?

Erfahrungsweise fungiert die Arabische Liga nur als Sprachrohr der arabischen Machthaber und wird dazu benutzt, um die Völker durch kleine Zugeständnisse und Versprechungen zu beruhigen und linientreu zu halten. Von der Arabischen Liga ist nicht viel zu erwarten, da in vielen Ländern ähnlich katastrophale Zustände wie in Syrien herrschen, während sie machtlos zuschaut.

„Es gibt kein Land, in welchem nur Moslems leben.“

Skeptiker eines Eingreifens des Westens „von außen“ argumentieren, die islamische Welt müsse sich selbst stärker engagieren und geschlossen zeigen, dass sie Demokratie und einen Wandel auch wirklich will. Wie denken Sie darüber?

Ich muss die Version über eine sogenannte islamische Welt wiederlegen. In der sogenannten islamischen Welt gibt es wie in allen Ländern ein breites Spektrum an verschiedenen Religionszugehörigkeiten. Es gibt kein Land, in welchem nur Moslems leben. In Syrien zum Beispiel gibt es mehr als fünf verschiedene Religionen, die seit Jahrhunderten friedlich miteinander leben. Die Skeptiker müssen den Mitteleren Osten unter die Lupe nehmen, um die Gesellschaftstruktur zu verstehen. Abgesehen von den religiösen Unterschieden muss ich sagen, dass die Menschen in Syrien fest entschlossen sind, einen demokratischen Staat durch friedlichen Wandel zu gestalten, wofür sie sich auch engagieren. Leider sehen wir die brutale Antwort des regierenden Regimes auf die friedliche Bewegung des Volkes, so hoffen wir auf die globale Unterstützung der freiheitsliebenden Menschen durch Verurteilen des Diktators als Antwort auf seine Gewalt.

Sie haben am 23. April eine Kundgebung in Berlin unterstützt gegen das „Wegschauen“ des Westens angesichts der vielen Toten in Syrien. War die Aktion ein Erfolg? Was hoffen Sie damit zu erreichen?

Die Kundgebung hat den Erfolg gehabt, dass die deutschen Medien langsam der syrischen Revolution mehr Aufmerksamkeit schenken, vorher starben die Menschen in Syrien unbeachtet von den Medien. Durch die Kundgebung haben die freiheitsliebenden Menschen in Deutschland erfahren, was in Syrien los ist, und wir hoffen auf die Solidarität der Deutschen, um Druck auf das Regime in Syrien auszuüben, so dass die Blutbäder gestoppt werden können.

Interview: Felix Kubach

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