"Die meisten jugendlichen Migranten sind motiviert"

Soziologin Sibylle Picot über die von ihr verfasste Bertelsmann-Jugendstudie (mehr), die zu dem Ergebnis kommt, dass sich 54 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund gern mehr engagieren würden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie stellen in Ihrer Studie fest, dass sich in puncto Zugang zu zivilgesellschaftlichen Strukturen für Jugendliche mit Migrationshintergrund wenig getan hat. Was ist hier ihrer Meinung nach nötig?

Sibylle Picot: Jugendliche mit Migrationshintergrund sind viel zu wenig in Strukturen eingebunden, in denen Engagement entsteht: also in Vereinen, Jugendgruppen, Jugendverbänden etc., nur bei den Sportvereinen sieht das etwas besser aus. Hier muss sich etwas ändern und zwar schon bei den Kindern.

Sie beobachten gleichzeitig eine steigende Bereitschaft der Jugendlichen mit Migrationshintergrund sich einzubringen. Was hat zu diesem positiven Trend geführt?

Den positiven Trend zu mehr Engagementbereitschaft gibt es bei allen Jugendlichen, er ist aber bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund besonders stark ausgeprägt. Vielleicht merken sie selbst, dass sie an vielen Stellen noch nicht wirklich dazugehören und mitmachen und sehen das als Defizit.

Kennen Sie Beispiele von Engagement junger Migranten auch dort, wo man es vielleicht nicht erwarten würde?

Ich habe in qualitativen Untersuchungen junge Türken und junger Russen kennen gelernt, die im ländlichen Milieu leben und sich dort in Naturschutzgruppen oder bei der Freiwilligen Feuerwehr engagieren und bestens integriert sind.

In welchen Bereichen könnte das Potenzial der jungen Migranten besonders gewinnbringend und für diese zufriedenstellend genutzt werden?

Genau wie einheimische deutsche Jugendliche können sie das je nach individueller Neigung überall.

Gesellschaftliches Engagement ist auf vielfältige Weise möglich. Das Argument des fehlenden Zugangs zu bestimmten Strukturen könnte man leicht aushebeln, indem sich die jungen Migranten zum Beispiel bewusst auf ihre Fähigkeiten wie Sprachen, Kultur berufen würden – sind sie hier zu unkreativ oder träge?

So zu denken, halte ich für falsch. Jugendliche aus dem Migrantenmilieu sind gerade wenn sie es nicht auf weiterführende Schulen schaffen, oft resigniert und fühlen sich abgestempelt. Beim Engagement wirken sich sehr stark der Schulabschluss und der besuchte Schultyp aus. Hauptschüler sind z. B. sehr viel weniger häufig engagiert als Gymnasiasten. Das betrifft natürlich besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund. Auch hier geht es also um gesellschaftliche Ausgangsbedingungen und – wenn Sie so wollen – um Strukturen. Ich kann nur nochmals betonen, die meisten Jugendlichen sind motiviert oder zumindest motivierbar. Wenn es um geringeres oder zurück gehendes Engagement Jugendlicher geht, wird beinahe reflexhaft immer auf mangelnde Bereitschaft Jugendlicher geschlossen. Das dürfte auch für Jugendliche aus Migrantenfamilien gelten. Die Diskussion muss aber ganz anders geführt werden.

Junge Damen wie Aylin Selcuk haben vorgemacht, wie gesellschaftliches Engagement erfolgreich betrieben werden kann. Kann sie ein Beispiel auch für andere sein?

Ganz sicher kann sie anderen Mut machen. Sie hat Abitur gemacht und studiert, deshalb ist ihre Situation nicht vergleichbar mit vielen anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, aber sie zeigt, dass man viel hinkriegen kann.

Insgesamt geht der Trend beim Engagement weg von einer so genannten Spaß-Orientierung hin zu individuellem und gesellschaftlichem Nutzen des Engagements. Worin liegt dieser Wandel begründet?

Diese Orientierung auf Nützlichkeit hin passt zu einer „pragmatischen Generation“, die sich effektiv auf die Bewältigung konkreter Herausforderungen konzentriert. Für Jugendliche stand in den letzten Jahren sehr stark die Sorge um die Gründung der eigenen ökonomischen Existenz, um eine stabile Berufsperspektive im Mittelpunkt. Die Shellstudie von 2006 zeigte die damit verbundenen Ängste sehr ausgeprägt. Mit dem demografischen Wandel, der Jugendliche zur knappen „Ressource“ macht, und einem wirtschaftlichen Aufschwung scheint sich die Grundhaltung der Jugendlichen wieder zu ändern. Die jüngste Shell Jugendstudie zeigt wieder größeren Optimismus. Vielleicht werden sich auch die Engagementmotive Jugendlicher in Zukunft wieder ändern.

Nicole Oppelt, Felix Kubach

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