Wahlkampf in der Türkei: Rückfall in die Barbarei

Die Türkei ist ein altes Kulturland, in dem europäische Traditionen über Jahrhunderte eine große Rolle gespielt haben. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Türken viel getan, um wieder an Europa anzudocken. Nun scheinen die türkischen Politiker allerdings munter bestrebt, den mühsam aufgebauten Ruf wieder selbst zu zerstören.

Der türkische Wahlkampf, der in knapp zwei Wochen zu Ende ist, kann durchaus als Rückfall in die Barbarei bezeichnet werden. Wir haben gesehen, was die Droge Macht aus den Abhängigen macht. Der Flurschaden ist beträchtlich – innen- und außenpolitisch.

Die Brutalität, mit der sich die verfeindeten Gruppen bekämpfen, ist erschreckend. Diffamierungen, Ausschreitungen, viele gehässige Fouls – das Ganze erinnert an die gefürchteten türkischen Fußball-Fans in ihren allerschlechtesten Zeiten. Die regierende AKP und ihre Gegner sind sich bei den Auseinandersetzungen nichts schuldig geblieben. Wer der MHP mit den Sex-Videos am Zeug flicken wollte, ist fast schon nebensächlich. Alle gemeinsam haben sich extrem schäbig verhalten – und waren stets bemüht, die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern zu verwischen.

Was jedoch alle Beteiligten übersehen: Es gibt ein Leben nach der Wahl. Das Land steht wegen der überhitzten Konjunktur und wegen der immensen Unterschiede zwischen Arm und Reich vor erheblichen Herausforderungen. Die türkischen Politiker müssen sich eine minimale Streitkultur aneignen: Es kann nicht nur Feindschaften geben. Jedes Land braucht die langweilige Einrichtung der sachlichen Zusammenarbeit.

Dazu gehören politische Lösungen: Kompromisse, kreative Lösungen, Verhandlungen ohne Sieger und Besiegte. In der Frage des Zusammenlebens mit den Kurden wird dieses Dilemma am deutlichsten. Der Hass, der sich aufgestaut hat, ist kaum geringer als der von Israelis und Palästinensern. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan kann keine Vision aufweisen, wie aus den verfeindeten Brüdern eine wenigstens einigermaßen gesittete Familie wird.

Nach der Wahl wird die Türkei einen sozialen Stabilitätspakt brauchen. Sonst schlägt sie die Tür zu Europa selbst zu. Das wäre ein Jammer. Denn die Millionen der leistungsbereiten, hervorragend ausgebildeten und international erfahrenen jungen Kurden und Türken, Frauen und Männer, Muslime und Agnostiker sind keine Last für Europa, sondern eine reale Zukunftshoffnung für den alten Kontinent.

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