„Deutsche Arbeitslose wollen nicht als Spargelstecher arbeiten“

Der Integrationsforscher Prof. Dr. Klaus J. Bade über die sinkende Attraktivität Deutschlands als Einwanderungsland und unangebrachte Arbeitsmarkthysterie angesichts der Öffnung des Arbeitsmarktes für Bürger mittel- und osteuropäischen Staaten am 1. Mai.

Klaus Bade: Vor dem Hintergrund von wirtschaftlicher Stagnation und Massenarbeitslosigkeit war die deutsche Arbeitsmarktsperre damals eine protektionistische Abschottung. Sie hat Deutschland insbesondere um die polnischen Pioniermigranten gebracht, die dann nach England oder Skandinavien gegangen sind. Sie haben dort Netzwerke und richtungsbestimmende Wanderungstraditionen begründet, die Kettenwanderungen bewirken – wenn der Arbeitsmarkt attraktiv ist. Das war aber z.B. in England zuletzt nicht der Fall, so dass es auch Rückwanderungen nach Polen gab. Das könnte zu Weiterwanderungen von migrationserfahrenen polnischen Arbeitskräften nach Deutschland führen. Auch Arbeitgeber in den Niederlanden sorgen sich um eine Abwanderung von polnischen Arbeitskräften nach Deutschland. So ist das nun mal bei dem freien Spiel der Kräfte nicht nur auf den internationalen Finanz- und Warenmärkten, sondern auch zwischen den nationalen Arbeitsmärkten. Das war ja der Zweck der Übung in Sachen Freizügigkeit in der EU.

Zuwanderung aus dem Osten – „Das ist die falsche Angst“

War Deutschland attraktiv genug für Migranten, hat man genügend für sich geworben?

Deutschlands Wachstumsstandorte sind für jüngere Fachkräfte aus dem Osten Europas wirtschaftlich nach wie vor attraktiv, aber es gibt Sprachbarrieren; denn die erste Fremdsprache auf höheren Schulen ist z.B. in Polen heute meist nicht mehr Deutsch, sondern Englisch.

Ist nun ein Ansturm weniger qualifizierter Arbeitskräfte zu erwarten?

Das ist die falsche Angst: Deutschland hat seit langem jährlich bis zu 300.000 Werkvertragsarbeitnehmer und Saisonkraefte aus dem Osten befristet für gering qualifizierte Beschäftigungen zugelassen. Darunter waren auch viele Fachkräfte, die in unqualifizierten Beschäftigungen in Deutschland mehr verdienten als in ihren Berufen zuhause. Jetzt können sie als Fachkräfte hier auch in ihren eigentlichen Berufen nach Arbeitsplätzen suchen. Die Frage ist also eher, ob der Bedarf im Bereich der gering qualifizierten Beschäftigungen weiter gedeckt werden kann. Denn deutsche Arbeitslose sind bekanntlich in der Regel nicht bereit, als Spargelstecher oder Gurkenpflücker zu den auf deutschen Feldern gebotenen Bedingungen zu arbeiten.

„Deutschland ist auf der Kippe zum Abwanderungsland“

Sind die deutschen Ängste vor Arbeitsplatzverlust oder Lohngefälle begründet?

Lohndruck und Verdrängungskonkurrenz kann es im Bereich der nicht oder gering qualifizierten Beschäftigungen geben, besonders im Fall von Dumpinglöhnen und scheinselbständigen Selbstausbeutern. Hier muss man die Arbeitgeber mindestens so im Auge behalten wie die Migranten. Ansonsten gibt es mittelfristig keinen Anlass für Arbeitsmarkthysterie, denn das ehemalige Zuwanderungsland Deutschland ist heute ein demographisch rasch alterndes und schrumpfendes Migrationsland auf der statistischen Kippe zum Abwanderungsland, dem in manchen Bereichen bald die Arbeitskräfte ausgehen werden.

Felix Kubach

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