Für die Muslime kann bin Ladens Tod eine echte Befreiung sein

Kaum ein einzelner Mann hat dem Islam so geschadet wir Osama bin Laden. Er war der Hijacker der Religion der Muslime. Wie seine Todespiloten am 11. September 2001 hat er Milliarden Menschen als Geiseln genommen – für welchen Zweck auch immer. Die vergangenen zehn Jahre haben den Islam in der öffentlichen Wahrnehmung im Westen weit zurückgeworfen.

Sein nun verkündeter Tod ist eine echte Chance für die Muslime: Es gibt keine Identifikationsfigur mehr, die ihnen aufgezwungen werden kann. Sie können wieder selbst für ihre Sache eintreten.

Allerdings wäre es naiv zu glauben, dass der Islam damit das bleiben wird, wofür ihn die überwältigende Mehrheit seiner Anhänger hält – eine friedliche, kulturstiftende Religion. Das Beispiel bin Ladens muss den Muslimen auch weiterhin vor Augen stehen, als Menetekel, als ein Ereignis in der Religionsgeschichte, aus dem die Gläubigen ihre Lehre ziehen müssen: Es werden weitere falsche Propheten kommen. Und sie werden weiter Anhänger finden, Selbstmordattentäter, Mörder, Verbrecher.

Jede Religion bietet Fanatikern genug Anhaltspunkte, um als Vorwand für gewalttätigen Irrsinn, ideologische Verblendung oder handfeste wirtschaftliche und machtpolitische Interessen verwendet zu werden. Die Feinde des Islam haben viele Gesichter. Sie lehren in den seltensten Fällen in den Schulen der Muslime. Die Moscheen sind nicht ihre Heimat. Natürlich werden sie immer auch willige Helfer finden.

Umso wichtiger ist es für die Muslime, dass sie nachhaltig verlässliche Strukturen schaffen. Es muss klar sein, wer in ihrem Namen spricht. Es muss auch klar sein, was nicht aus dem Koran abgeleitet werden kann. Und: Demokratie, Menschenrechte und Schutz von Minderheiten müssen in den kulturellen Kanon des Islam Eingang finden. In der Einigung des Islam als religiöse Gemeinschaft liegt die größte Herausforderung der Zukunft. Nicht damit sich die Muslime wie in einer Festung verbarrikadieren können. Sondern damit die Andersdenken den Islam nicht mehr als diffuse Bedrohung empfinden. Sondern als Bereicherung in einer an Werten ohnehin eher armen, modernen Welt.

Michael Maier

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