„Deutsche und Migranten haben gleichen Zugang zu Förderkrediten“

KfW-Gründungsexperte Karsten Kohn und Sonja Höpfner, stellvertretende Pressesprecherin bei der KfW Bankengruppe, über Türkisch-stämmige als größte nationale Gruppe unter den Migrantengründern sowie Finanzierungsschwierigkeiten bei Gründern mit Migrationshintergrund.

Kohn: Wie der KfW-Gründungsmonitor 2011 zeigt, stellen Türkisch-stämmige Gründer(innen) 14 Prozent aller Gründer(innen) mit Migrationshintergrund. Dies ist die größte nationale Gruppe unter den Migrantengründern. Zurückzuführen ist dies darauf, dass Türkisch-stämmige in der Bevölkerung insgesamt die größte Migrantengruppe darstellen. Unter den Nichtgründern liegt ihr Anteil mit 22 Prozent sogar noch höher. Im Vergleich zu andern Migranten gründen Türken also nicht häufiger. In den letzten Jahren gestiegen ist der Anteil der Gründer aus Osteuropa. Im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil besonders häufig gründen Personen aus dem außereuropäischen Ausland.

Migranten (egal woher) berichten häufiger über Finanzierungsschwierigkeiten. Woran liegt das, wenn Migranten angeblich den gleichen Zugang zu Krediten haben – gibt es da ein Informationsdefizit?

Kohn: Im direkten Vergleich geben Gründer mit Migrationshintergrund häufiger an, bei der Umsetzung ihres Vorhabens Finanzierungsschwierigkeiten gehabt zu haben. Dieses Ergebnis gilt auch dann, wenn man Gründer mit ansonsten gleichen Voraussetzungen und Projekten miteinander vergleicht. Hinsichtlich der Art der Finanzierungsschwierigkeiten geben , und berichten häufiger, dass ihre eigenen Finanzmittel nicht ausreichend waren. Im Zugang zu Förderkrediten besteht indes kein Unterschied zwischen Migranten und Deutschen. Die Finanzierungsschwierigkeiten mögen zum Beispiel auf Sprachschwierigkeiten zurückzuführen sein. Da es sich bei den Angaben um Befragungsergebnisse handelt, kann es aber auch sein, dass Migranten aus anderen Kulturkreisen einfach ein anderes Antwortverhalten an den Tag legen und die Frage nach dem Auftreten von Finanzierungsschwierigkeiten im Vergleich zu Deutschen auch unter ansonsten gleichen Bedingungen häufiger bejahen.

Mit was für einem Unternehmen oder in welcher Branche stehen die Chancen auf ein Förderprogramm am besten?

Höpfner: Diese Frage ist so pauschal nicht zu beantworten. Es gibt keine generelle Präferenz. Ausschlaggebend ist, ob das Konzept die jeweilige Hausbank überzeugt, dass sie einen Kredit vergeben möchte. Sollte eine Hausbank ablehnen, steht es dem Unternehmer bzw. Gründer natürlich völlig frei, weiter den Markt zu befragen, sprich andere Hausbanken aufzusuchen.

„Migranten starten häufiger im Handelssektor“

In welchen Branchen gründen ausländische, in welchen deutsche Unternehmer hauptsächlich?

Kohn: Migranten starten häufiger im Handelssektor (23 Prozent aller Gründungen von Migranten vs. 19 Prozent der von Deutschen unternommenen Gründungen). Besonders hoch liegt der Anteil von Handelsgründungen in der Gruppe der Nicht-EU-Ausländer (33 Prozent). Einzel- und Großhandel bieten diesen Gründern gute Voraussetzungen, ihre komparativen Vorteile einzusetzen. Damit tragen Gründer mit Migrationshintergrund auch zum positiven Austausch zwischen verschiedenen Kulturen bei. Darüber hinaus sind die Unterschiede in der Branchenwahl zwischen Migranten und Nichtmigranten entgegen landläufiger Meinung nicht mehr stark ausgeprägt. Beide Gruppen gründen am häufigsten in den verschiedenen Dienstleistungsbranchen und nur selten im Verarbeitenden Gewerbe. Für eine detaillierte Branchenaufteilung siehe den aktuellen KfW-Gründungsmonitor 2011, Grafik 4 auf S. 15 (pdf hier).

Migranten stellen häufiger als Deutsche bereits zum Gründungszeitpunkt Mitarbeiter ein. Worin unterscheidet sich die Vorgehensweise von ausländischen und deutschen Gründern noch?

Kohn: Ebenfalls entgegen landläufiger Meinung starten Migranten genauso häufig wie Deutsche im Bereich der Freien Berufe oder im Handwerk. Im Hinblick auf den Innovationsgehalt ihrer Projekte starten sie häufiger mit einer regionalen Marktneuheit (in Bezug auf deutschlandweite oder weltweite Neuheiten kein Unterschied). Migranten betreiben ihre Gründung häufiger im Vollerwerb und entsprechend seltener im Nebenerwerb. Dementsprechend dient die Selbstständigkeit häufiger als haupsächlicher Broterwerb.

„Traditionelle Arbeitsmarktferne von Frauen muslimischen Glaubens“

Über welche Abschlüsse verfügen deutsche bzw. ausländische Gründer und wie wirkt sich das auf die Gründungen aus?

Kohn: Gründer mit Migrationshintergrund besitzen genauso häufig wie deutsche Gründer einen Universitätsabschluss (jeweils rund 14 Prozent) und haben häufiger als deutsche Gründer gar keinen Berufsabschluss vorzuweisen (45 Prozent vs. 21 Prozent). In der nichtgründenden Bevölkerung sind die Bildungsunterschiede noch extremer (nur 6 Prozent der Migranten mit Uni-Abschluss, 9 Prozent unter den Deutschen; 56 Prozent der Migranten ohne Berufsabschluss vs. 21 Prozent bei den Deutschen). Dementsprechend gehen innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund gerade gut ausgebildete Personen den Schritt in die Selbstständigkeit.

Wie sieht es mit weiblichen Gründern aus?

Kohn: Unabhängig von der Herkunft wird der größere Anteil der Gründungen durch Männer vollzogen; mit 34 Prozent ist der Anteil der weiblichen Gründer bei Migranten allerdings noch etwas geringer als bei Deutschen (41 Prozent). Dies liegt vor allem am niedrigen Frauenanteil unter den Gründern aus dem Nicht-EU-Ausland, die nicht zuletzt auf die traditionelle Arbeitsmarktferne von Frauen muslimischen Glaubens zurückzuführen ist. Unter den Gründern aus dem EU-Ausland liegt die Frauenquote genauso hoch wie unter den einheimischen Gründern.

*Karsten Kohn betreut die Bevölkerungsbefragung zum jährlich erscheinenden KfW Gründungsmonitor

Felix Kubach

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