„Der Leser ist nur an dreckigen Geschichten interessiert“

Isabell Zacharias, Integrationspolitische Sprecherin der SPD in Bayern, über die ihrer Meinung nach "zu kurz gesprungene" Medienschelte der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Maria Böhmer (CDU) sowie ein vorbiildhaftes Konzept aus Finnland, das alle werdenden Eltern an die Hand nimmt - und nicht nur die mit Migrationshintergrund.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie beurteilen Sie rückblickend die Bundeskonferenz der Integrations- und Ausländerbeauftragten in München ?

Isabell Zacharias: An sich ist die Tagung, von Frau Böhme initiiert, eine gute Sache. Aber was mich nervt ist: Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Das hat der Karl Valentin auch schon gesagt. Man bekundet, wie wichtig Integration ist, wie wichtig Sprachförderung ist, aber es kommt nichts nach, es passiert nichts. Unser Schulsystem ist das selektivste auf der ganzen Welt. Die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sind die Bildungsverlierer. Wenn sie dann noch sozial benachteiligt sind, sind sie doppelt benachteiligt. Das nervt mich.

Was nervt Sie noch?

Es nervt mich, dass vom Bundesamt für Migration und auch im Doppelhaushalt im Land Bayern die Ausgaben für Integration von der Ministerin gekürzt worden sind. Sprachförderung wurde gekürzt in den Kindergärten. Es gibt also tolle Konferenzen mit schönen Themen, aber die Umsetzung ist wie immer – ich spüre sie nicht, da kommen keine großen Gesetzesinitiativen. Das Gesetz auf Bundesebene zur Anerkennung der im Ausland erworbenen Abschlüsse hängt immer noch im Bundestag. Es war ja von Olaf Scholz seiner Zeit initiiert. Das dauert mir alles zu lange. Wir haben höchste Not. Wie schön auch solche Konferenzen sind, wie schön, dass Martin Neumeyer als Integrationsbeauftragter sagt, wie toll er das findet. Aber gerade Bayern ist, was Integration angeht, nicht besser als der Rest des schönen Landes.

Ist die Veranstaltung also für Sie nur eine Schön-Wetter-Veranstaltung, von der keine konkreten Ergebnisse zu erwarten sind?

Genau! Und selbst wenn es konkrete Ergebnisse sind, dann sind die oft Ergebnis des kleinsten gemeinsamen Nenners. Und das wissen wir alle, was der kleinste gemeinsame Nenner ist. Das sind Willensbekundungen. Zum Beispiel frühkindliche Förderung müssen wir deutlich ausbauen. Zur Zeit sind ja kaum Kinder mit Migrationshintergund in den Bildungseinrichtungen von 0 bis 3. Obwohl wir doch wissen: Je früher, desto besser! Diese Willensbekundungen, diese Schönredereien sind auch wichtig, aber sie kommen viel zu spät und sind auch nicht wirklich zielführend.

„Das sind doch nicht die Stories, die gelesen werden“

Aber diesen Appell der Integrationsbeauftragten Frau Böhmer und auch von Herrn Neumeyer zur Rolle der Medien, das ist im Ansatz ja erstmal gut gemeint. Teilen sie diese gute Absicht?

Natürlich ist es richtig, dass die Medien da eine Rolle spielen. Das haben wir übrigens im letzten Jahr auf einer großen Veranstaltung der SPD im Bayerischen Landtag bereits mit Medienvertretern besprochen, wie die Rolle der Medien einzuschätzen ist. Aber ganz ehrlich, Sie und ich wissen ganz genau: Der Leser ist ein Voyeur. Er ist nur an dreckigen Geschichten interessiert. Wenn die Zeitungen einen höheren Absatz erzielen, wenn mal wieder ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund jemanden niedergeschlagen hat, dann bringen sie auch solche Geschichten – und nicht nur die große Tageszeitung mit vier Buchstaben. Wenn jeden Tag gute, bestgelebte Integration an tollen Beispielen gezeigt würde – das sind doch nicht die Stories, die gelesen werden. Es geht doch hier um den schnöden Mammon. Es gibt auch kaum Filme oder Berichterstattungen, wo mal gelebte, tolle Sachen gezeigt werden. Wenn das passiert, dann nachts um 23.50 Uhr, wo es kein Mensch mehr schaut. Das sind doch wir Zuschauerinnen und Zuschauer, die darüber entscheiden wie die Medienlandschaft aussieht.

Und was können wir als Zuschauer tun?

Den Medien generell zu sagen: „Ihr seid die Integrationshemmer“, wie Frau Böhmer es tut, das mag stimmen. Deswegen den „Quotentürken“ in der Tagesschau zu bringen und einen Tatort-Kommissar zu haben, der Türke ist – das finde ich alles toll. Aber noch einmal: Letztlich sind wir Leserinnen und Leser, die entscheiden, wie Medien gestaltet werden. Die Medien können sicherlich Motor sein, aber die Politik ist hier gefragt. Es gibt Rundfunkräte, es gibt Medienräte – da kann man gestalten und da ist die Politik der jeweiligen Länder gefragt. Die Schelte von Frau Böhmer ist mir ein bisschen zu kurz gesprungen. Es ist auch eine generelle Schelte, die so nicht stimmt.

Was muss noch getan werden?

Wir müssen viel mehr in Bildung investieren. Wer selbst eine Aufgabe in der Gesellschaft hat, wer selbst einen hohen Bildungsstand hat, der ist viel weniger anfällig für kriminelle Taten, das ist doch selbstverständlich. Das wissen wir doch. Das sagt ja sogar Christian Pfeiffer. Wir wissen, dass jeder dritte Jugendliche mit einen türkischen Migrationshintergrund in einer Großstadt wie München keinen Schulabschluss hat und somit keine Chancen, auf dem ersten Arbeits- oder Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen. Ich will jetzt nicht sagen, dass ihn die Gesellschaft dazu treibt, dass er kriminell wird, aber wir tun auch nichts dafür, dass er es nicht wird. Darum geht es mir und das müssen wir Politiker umsetzen. Das können wir nicht der Gesellschaft anlasten. Und wie ich finde, auch nicht den Migranten. Sie kommen zu uns oder sind schon in der vierten Generation bei uns, aber wir haben zu lange so getan, als wenn sie eh übermorgen wieder gehen. Dass das nicht so ist, das wissen wir ja bereits seit den 70er Jahren.

„Die Idee hat Herr Neumeyer schön bei anderen abgeguckt“

Was halten Sie von der Idee des bayerischen Integrationsbeauftragten Martin Neumeyer (CSU), Eltern mit Migrationshintergrund in speziellen Kursen darin zu schulen, ihre Kinder besser zu unterstützen?

In Finnland ist es so, dass alle Familien – egal ob mit oder oder Migrationshintergrund – immer besucht werden, wenn sie ein Kind erwarten. Das Konzept heißt NEUVULA. Bereits 2005 war ich in Finnland und habe mir das angesehen. Hier werden von der Schwangerschaft an bis in die Grundschulzeit die Kinder und die Familien begleitet durch Gemeindevertreter, die „Tanten und Onkel“ genannt werden. Das ist seit 1975 im Landesgesetz verankert und die Gemeinden müssen das umsetzen. In sozial gut aufgestellten Familien kommen diese Vertreter nur einmal im Jahr und in Familien, wo mehr Bedarf ist, kommen sie einmal in der Woche. Das gipfelt dahin, dass jedes finnische Kind zu seinem Geburtstag eine Art Begrüßungspäckchen erhält. Da sind dann Milchersatzprodukte drin, kleine Bücher, Kondome – alles, was man eben so braucht. D.h. die Gesellschaft sagt: Uns ist es wichtig, dass die Eltern gut informiert werden und in Ernährungs- wie Erziehungsfragen unterstützt werden. Deswegen: Die Idee von Herrn Neumeyer ist überhaupt nicht neu. Das hat er schön bei anderen abgeguckt.

Ist die Umsetzung dieses Modells auch für Deutschland vorstellbar?

Wichtig ist, dass so etwas allen Eltern zuteil werden muss. Das ist die Herausforderung. Hier in München gibt es bereits ein solches Konzept. Das hat das Sozialreferat schon vor Jahren auf den Weg gebracht mit dem Fokus auf sozial Benachteiligte und/oder Migrationshintergrund. Das ist ein erster Schritt. Aber ich wünschte mir das so wie in Finnland, wo jeder Familie diese Unterstützung zuteil wird. Und es eben auch nicht peinlich ist, dass diese „Onkel und Tanten“ kommen, weil das bei jedem so ist. Das ist ein tolles Konzept. Das muss man sich halt leisten wollen. Und Sie wissen wie ich, wie Finnland durchgestartet ist. Das Land hat das beste Bildungssystem der Welt, hat einen Wirtschaftsboom hingelegt, eben weil sie ihre Kinder besser bilden als manch andere europäische Länder – wir eingeschlossen. Die Kinder sind nicht schlauer als deutsche Kinder, doch sie haben eine 50-prozentige Abiturquote. Abschließend zur Elternschule: Das ist die richtige Idee, aber nicht nur für die, die es scheinbar nötig haben, sondern für alle.

Was tut ihre Partei konkret, um in dieser Richtung Fortschritte zu erreichen?

Meine Fraktion hat im Januar unter meiner Federführung ein Integrationsgesetz eingebracht. Wir sind die ersten in einem Flächenland, die dieses Integrationsgesetz auf den Weg gebracht haben. Mit ganz wunderbaren Ansätzen, mit genau den richtigen Fragen, wie man früh fördert. Da haben wir die Elternschule noch gar nicht mit drin. Das lehnt die CSU natürlich in allen Teilen ab. Obwohl die Ansätze richtig sind.

FK/LR

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