Kurden-Konflikt: Schlittert die Türkei in einen Bürgerkrieg?

Die gewaltsamen Ausschreitungen in Istanbul sind der vorläufige Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung: Die Türkei läuft Gefahr, in einen Bürgerkrieg zu geraten.

Ein solcher würde den „klassischen“ Terrorismus der PKK wiederaufleben lassen. Vermutlich mit anderen Playern, aber mit Methoden, wie wir sie aus jenen Ländern kennen, in denen islamistische Terroristen für Zerstörung gesorgt haben. Typisch für diese modernen Konflikte ist das Fehlen von berechenbaren Feinden. Die Wirkungen des modernen Terrorismus sind verheerend. Staatliche Gewalt wird seiner nicht Herr. Ist er einmal ausgebrochen, rücken politische Lösungen in weite Ferne.

Die ungelöste Kurden-Frage wird der Türkei in vielfacher Hinsicht schaden: Vor allem könnte der Tourismus beeinträchtigt werden, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes. Türkei Reisen können über Nacht gefährlich werden, manch einer mag überlegen, seinen Türkei Urlaub zu streichen. In Verbindung mit der Überhitzung der Konjunktur könnte das Land am Bosporus einen enormen Rückschlag erleiden. Und eine Wirtschaftskrise verschärft in der Regel die gesellschaftlichen und politischen Probleme eines Landes. Ankaras Annäherung an Europa steht dabei ebenso auf dem Spiel wie die Entwicklung einer gerechten sozialen Ordnung in der Türkei.

Daher muss sich die Regierung Erdogan des Kurden-Themas annehmen. Die Türkei hat in den vergangenen Monaten in mehreren Krisenherden eine sehr positive Rolle übernommen. Ob Nordafrika oder der Nahe Osten: Es ist Erdogan gelungen, das Land mit verschiedenen Vermittlungsvorschlägen zu einem gesuchten Gesprächspartner zu machen.

Wenn jedoch der Konflikt mit den Kurden weiter eskaliert, wird auch die internationale Glaubwürdigkeit schwinden. Schon jetzt hat die Türkei wegen der vielfachen Einschränkungen der Pressefreiheit ein Image-Problem.

Die friedliche Koexistenz von Türken und Kurden ist auch ein europäisches Thema. Es ist dem alten Kontinent gelungen, verschiedene ethnische Konflikte zu moderieren. Viele davon wurden sogar, trotz blutiger Kriege und jahrhundertelanger Feindschaften, gelöst – etwa auf dem Balkan. Deutsche Vermittlung könnte das Gebot der Stunde sein: Es wäre ein Akt echter europäischer Solidarität. Und er wäre im ureigenen Interesse der Deutschen. Auch wenn heute noch alles friedlich ist: Ein Übergreifen von Hass und Aggression auf die in Deutschland lebenden Türken und Kurden würden jede Integrations-Debatte ad absurdum führen. Das kann im 21. Jahrhundert in niemandes Interesse sein.

Michael Maier

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.