Kurden-Konflikt in der Türkei: Kampf mit Bildung statt mit der Waffe

Kurden in der post-kemalistischen Türkei wollen nicht mehr bewaffnet, sondern politisch ihre Rechte erkämpfen.

Man kennt die Region Süd-Ost-Anatolien aus den Medien. Die Sicht darauf ist geprägt von Karl Mays Buch „Durchs wilde Kurdistan“. Man hat von latent existierenden Menschenrechtsverletzungen in Bezug auf christliche Minderheiten und vor allem in Bezug auf die kurdische Bevölkerung gehört. Das war auch lange so! Allerdings herrscht hier nun seit mehreren Jahren eine Aufbruchsstimmung, die sich in Deutschland noch nicht herumgesprochen hat.

Gaziantep, Adiyaman, Sanliurfa, Mardin und Diyarbakir. Das waren die Stationen einer Süd-Ost-Anatolien Studienreise, die ich für die Evangelische Akademie zu Berlin organisiert und durchgeführt habe. Es sind nicht nur die Eindrücke aus dieser Ecke Anatoliens, die ich schildern möchte. Es geht auch um die Schablonen und Vorurteile, mit denen aus Deutschland in diese Region geblickt wird.

Jahrzehntelang gab sich die kemalistische Türkei als Staat der reinen Türken. Kurden, Araber und Armenier waren benachteiligt. Kurdisch war verboten. Allerdings bricht dieses Dogma unter der AKP-Regierung Erdogans langsam aber sicher auf. Vielfalt hat plötzlich Konjunktur. Das spürt man auch in der Region, die sowohl wirtschaftlich als auch kulturell aufblüht. Wir besuchen in der Region den ersten kurdischen Privatsender der Türkei: Dünya TV. Er gehört zur Samanyolu Familie und steht somit der Gülen-Bewegung nahe, die sich sehr stark für die Versöhnung zwischen Kurden und Türken einsetzt. Der Chefredakteur unterstreicht, dass jeder Mensch das Recht habe, seine Muttersprache zu erlernen. Neben Kultur, Sport und Nachrichten ist man vor allem auf die Sendung „Kurdisch Unterricht für Anfänger“ stolz. Denn viele haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Muttersprache vergessen.

Kurdische Kinder sollen Abitur machen und studieren

Die Gülen-Bewegung ist des Weiteren mit zahlreichen Elite-Schulen, Studentenwohnheimen und Unternehmerverbänden, die diese Aktivitäten finanzieren, aktiv. In Salons können arme Kinder aus den Slums lesen und schreiben lernen. Insbesondere diese sind ein wichtiges soziales Projekt, das verhindern soll, dass sich kurdische Kinder der PKK anschließen. Sie sollen Abitur machen und studieren.

Eine weitere Zielgruppe sind Mädchen, die oft nur die achtjährige Schulpflicht erfüllen und dann verheiratet werden. Im letzten Jahr wurden allein in Mardin 300 Mädchen durch dieses Projekt zu einem Studium zugelassen. Die Unternehmer, die dieses Projekt entwickelt haben und finanzieren, haben diese Idee in die gesamte Region getragen. Mit großem Erfolg. Es gibt in jeder Stadt dieser Region mehrere Dutzend von ihnen. Sie unterstützen die Kinder in ihrer Schullaufbahn, organisieren Seminare gegen Zwangsheiraten und Ehrenmorde. Auch wenn es die kemalistische Elite nicht gern hat – auf den Straßen wird Kurdisch gesprochen, Straßenschilder sind auf Kurdisch und Türkisch und auch das erste Institut für Kurdologie ist an der Universität Diyarbakir eingerichtet worden.

Die Region boomt auch wirtschaftlich. Diyarbakir und Gaziantep haben sich zu den wirtschaftlich bedeutendsten Städten der Türkei entwickelt. Mardin und Sanliurfa zählen gemeinsam mehr als drei Millionen Touristen. Man geht davon aus, dass diese Zahlen sich in den nächsten Jahren verdoppeln werden.

Die PKK hatte sich jahrzehntelang bewaffnet für die Rechte der kurdischen
Bevölkerung eingesetzt. Ohne Erfolg. Die eigentlichen Freiheiten kamen mit der Regierung um AKP-Chef Erdogan. Vor allem sind sie politisch und wirtschaftlich wirksam. Auf Grund dieser Entwicklungen verliert die PKK ihre Basis und den Rückhalt in der kurdischen Bevölkerung. Auch wenn es vor den Wahlen so aussieht, als würde die PKK ihren bewaffneten Kampf fortsetzen, sagen die Eindrücke aus dieser Region anderes. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die PKK gänzlich Geschichte wird. Die Bevölkerung in der Region will Frieden.

Ercan Karakoyun

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