Öney: Türkische Milieus sind gewalttätiger als deutsche

Bilkay Öney (SPD), neue Integrationsministerin von Baden-Württemberg, über ihren Plan, kaum integrierten Migranten stärker mit muttersprachlichen Medien zu helfen, Gewalt unter Jugendlichen und die Aggressivität, die vom türkischen Staat ausgeht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutsch Türkische Nachrichten: Wir sehen, dass es viele türkische Themen gibt, die auch in Deutschland sehr emotional diskutiert werden, etwa die Entwicklung der Türkei: Sollten wir in Deutschland bei der Türkei genau hinsehen – etwa bei den Themen Menschen- und Minderheitenrechte, Pressefreiheit etc., damit auch „unsere“ Türken am Ende profitieren?

Bilkay Öney: Diese Frage stellt sich mir so nicht. Dadurch, dass wir in Deutschland knapp 3 Millionen Bürger türkischer Herkunft haben, gucken wir ohnehin schon sehr viel genauer auf die Türkei, insbesondere was die Themen Menschen- und Minderheitenrechte angeht.

Nach 60 Jahren CDU-regierter Politik in Baden-Württemberg: Was wollen Sie in Zukunft konkret anders machen speziell in der Migrationspolitik?

In Baden-Württemberg war der frühere Justizminister, Herr Goll, gleichzeitig Integrationsbeauftragter des Landes. Herr Goll hat bisher großen Wert auf Sprachförderung und Bildungspatenschaften gelegt. Er hat aber auch großen Wert auf die Förderung von jungen Mädchen und Frauen gelegt und die Landeskommission gegen Zwangsheiraten eingerichtet. Wir werden daran ansetzen und die gute Arbeit weiterführen, aber auch weiter entwickeln. Ich habe einige Ideen dazu aufgeschrieben, die ich zuerst mit meinen Kabinettskolleginnen und –kollegen besprechen will, bevor ich sie publik mache. Dafür bitte ich um Verständnis.

Die Kurdenfrage scheint sich zuzuspitzen. Kann das Thema auch nach Deutschland schwappen?

Das Thema beschäftigt die Türkei in der Tat seit Jahren. In Deutschland gab es hin und wieder Ausschreitungen durch Extremisten – sowohl auf kurdischer als auch auf türkischer Seite. Wir beobachten das aufmerksam, aber derzeit sehe ich keinen Grund zur Sorge.

Bilkay Öney: „Die Integrationsdebatte geht an manchen Migranten vorbei“

Wir haben den Eindruck, dass die Integrationsdebatte an vielen deutschen Türken vorbei geht – einfach deshalb, weil sie integriert sind. Ist das so oder erliegen wir da einer Illusion?

Zweierlei: Die Integrationsdiskussion geht in der Tat an manchen Migranten vorbei, weil sie einfach schon längst integriert sind und sich wundern, dass wir ihnen vorhalten, wie wichtig das Erlernen der deutschen Sprache ist. Das ist natürlich eine Selbstverständlichkeit, so dass die Diskussion an sich schon viele verärgert. Aber – und das darf man auch nicht vergessen – geht die Integrationsdebatte auch an den Migranten vorbei, die kaum integriert sind. Das sind insbesondere solche Migranten, die ihre Fühler und ihre Satellitenschüssel Richtung Herkunftsland ausgerichtet haben. An diesen Leuten geht die Diskussion vorbei, ohne dass sie Notiz davon nehmen. Sie wissen auch gar nicht, was wir von ihnen wollen. Da müssen wir ansetzen und stärker mit muttersprachlichen Medien zusammen arbeiten. Das habe ich vor.

Wer sich sozial entwickeln will, muss eine gute Bildung haben. Gibt es unter den Türken in Deutschland eine Zwei-Klassen-Gesellschaft – diejenigen, die es geschafft haben und die, die es nie schaffen werden?

In Deutschland kann es jeder schaffen, wenn er oder sie will. Dafür gibt es viele gute Beispiele in allen Bereichen. Wir haben hier den Luxus, für möglichst wenig Geld eine gute Schulbildung zu bekommen. Wir leben in sicheren Verhältnissen. Ich weiß nicht, ob das den Menschen bewusst ist, aber wir haben hier wirklich sehr gute und sehr sichere Lebensbedingungen: Hier gibt es keine Erdbeben, keine Kriege, keine Hungersnöte. Ich sage das jetzt so zugespitzt, um allen klar zu machen, in welch glücklicher Situation wir uns befinden. Aber natürlich müssen wir hier auch dafür sorgen, dass wir soziale Gerechtigkeit haben und sozialen Frieden. Das ist der Anspruch, den wir in der SPD haben und erheben.

Das Thema Gewalt unter Jugendlichen bleibt ein Dauerbrenner. Ist das in türkischen Milieus vergleichbar zum Rest der Gesellschaft?

Dazu gibt es viele spannende Untersuchungen, aber die spannendsten Untersuchungen kommen direkt aus der Türkei selbst. Ein sehr bekannter türkischer Psychologe aus Istanbul (Yanki Yazgan) hat einmal gesagt, dass die Menschen in der Türkei aggressiv sind, weil auch der Staat mit seinen Einrichtungen recht aggressiv ist. Wir leben den Menschen ja eine gewissen Grundhaltung vor. Studien in Deutschland bestätigen auch, dass türkische Milieus etwas gewalttätiger sind als vergleichbare deutsche Milieus. In Berlin haben 44 Prozent der sogenannten jugendlichen Intensivtäter einen arabischen Hintergrund und 33 Prozent sind türkischer Herkunft. Aber auch diese Zahlen würden Yanki Yazgans Einschätzung bestätigen, denn wie Sie wissen, kommen die meisten arabischen Jugendlichen aus Deutschland aus sogenannten Krisenregionen und Kriegsgebieten. Ich weiss also nicht, ob man den Jugendlichen diese Situation vorwerfen kann. Aber wir können und wir müssen jugendliche Gewalttäter in die Schranken weisen – ganz egal welcher Herkunft sie sind.

Emanzipation der Frauen – da können die Türken noch aufholen, oder?

Das ist eine suggestive Frage! Was Frauenrechte angeht, kann man immer aufholen; und zwar in allen Ländern und in allen Bereichen. Ich sage das als Frau, die sich nicht als Feministin bezeichnen würde. Frauenrechte sind mir aber auch sehr wichtig und daher werde ich versuchen, einen Beitrag dazu zu leisten.

Glauben Sie, dass der Islam eine Integration eher fördert oder behindert?

Das hängt davon ab, ob die Muslime streng gläubig sind oder nicht. Bei streng gläubigen Menschen gibt es mehr Berührungsängste, aber eben auch auf beiden Seiten. Insofern haben es Muslime in westlich-europäischen Ländern nicht ganz einfach, sich einzubringen. Mit Pauschalbehauptungen ist den Menschen aber auch nicht geholfen.

Wie stehen Sie zur Gülen-Bewegung – ein Segen oder eine Gefahr?

Die Gülen-Bewegung hat in den letzten Jahren einen großen Zuwachs und Zuspruch erfahren. Wir müssen gucken, warum das so ist und wie sich das im normalen Leben äußert. Frage ist auch, was die Gülen-Bewegung mit diesem Zuwachs erreichen will und welche Ziele sie verfolgt. Es darf kein Zweifel darin bestehen, dass sich die Gülen-Bewegung uneingeschränkt zu den Werten und Normen unserer Rechts- und Verfassungsordnung bekennt. Es liegt mir fern, Pauschalurteile zu fällen, deshalb mache ich an dieser Stelle einen Punkt und danke Ihnen für das Gespräch.

Auch wir danken sehr herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute bei der neuen Aufgabe!

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