Die Situation der christlichen Minderheiten in der Türkei

Christen haben es noch immer schwer in der Türkei – doch viele Anzeichen weisen auf eine Entspannung der Lage hin.

Nahezu keine andere Region der Welt ist historisch mit dem Christentum so eng verbunden wie der Süd-Osten der Türkei. Noahs Arche ist hier gelandet. Abraham erhielt in Harran den Ruf Gottes, „weiterzuziehen in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). In Antakya wurden die Jünger Jesu zum ersten Mal als Christen bezeichnet und auch Paulus hielt sich zum größten Teil in dieser Region auf. Heute leben in der Türkei von einst vier Millionen nur noch etwas mehr als 100.000 Christen.

Es waren allerdings nicht die Seldschuken oder die Osmanen, die die Christen aus dieser Region verdrängten, sondern es war in erster Linie die Politik der modernen türkischen Republik. Das sogenannte Millet System des Osmanischen Reiches sowie das Dhimmitum garantierte den Christen und Juden schon zu dieser Zeit Rechte und Freiheiten, von denen Andersgläubige in Europa nicht einmal zu träumen wagten. Nach dem Untergang des osmanischen Reiches entstand ein moderner Nationalstaat, der versuchte, seine Identität aus einer Deckungsgleichheit von Religion und Nation herauszubilden. Die christlichen Minderheiten wurden daher lange als Fremdkörper gesehen.

Die Liste der Probleme der Christen in der Türkei ist lang. Auch wenn die Muslime dort seit Jahrhunderten friedlich mit ihren christlichen Nachbarn leben, gab es rechtlich viele Benachteiligungen. Es dürfen keine eigenen Schulen betrieben werden und auch eigene Geistliche dürfen nicht ausgebildet werden. Aber es hat sich in den letzten Jahren auch sehr viel verändert. Mit der AKP-Regierung um Erdogan haben die christlichen Minderheiten mehr Rechte bekommen. Ihre Kinder dürfen nun die eigene Muttersprache erlernen und müssen nicht mehr am Religionsunterricht in der Schule teilnehmen. Zahlreiche beschlagnahmte Immobilien wurden zurückgegeben und Stiftungen haben erneut ihren Betrieb aufgenommen. Im Bebauungsplangesetz ist nicht mehr nur von „Moschee“ die Rede, sondern von „Gebetshaus“, was nun auch die Neuerrichtung von Kirchen ermöglicht. Auch die Möglichkeit der Ausbildung eigener Geistlicher soll demnächst umgesetzt werden.

Der Schwerpunkt einer Studienreise des Forums für Interkulturellen Dialog Berlin e.V. und der Evangelischen Akademie zu Berlin nach Süd-Ost-Anatolien lag auf der Situation der christlichen Minderheiten in der Türkei. Neben zahlreichen Kirchen besuchten wir das Deyrulzaferan Kloster und führten Gespräche mit dem Metropoliten der Erzdiözese von Mardin Mor Philoxenos Saliba Özmen sowie dem Metropoliten des Patriarchal-Vikariat von Adiyaman-Kharput u. Umgebung Mor Gregorius Malke Ürek.

Unsere Reisegruppe hatte außerdem die Gelegenheit, in Adiyaman einen Gottesdienst zu besuchen. Mitten in einer Wohnsiedlung läuteten plötzlich die Kirchenglocken. Der Metropolit teilte uns mit, dass sie ununterbrochen seit der Errichtung der Kirche läuten dürfen und dass dies auch über die Jahre immer möglich gewesen sei. Natürlich ist die Situation der Minderheiten noch nicht befriedigend. Aber es tut sich eine Menge in der Türkei.

Ercan Karakoyun

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