Trotz EHEC: EU-Schikanen gegen türkische Gemüsehändler

Deutschland könnte das türkische Gemüse angesichts der sich ausbreitenden EHEC-Epidemie gut gebrauchen. Die EU-Bürokratie blockiert jedoch den Import aus der Türkei – und sorgt für ein dramatisches Sterben der türkischen Gemüsehändler.

Eigentlich sind sie durch Thilo Sarrazin erst richtig berühmt geworden: Die türkischen Gemüsehändler. Doch bei genauerem Hinsehen ist ein dramatischer Rückgang in dieser Branche zu beobachten. Obwohl die deutschen Konsumenten wegen EHEC nach Alternativen zu heimischen Tomaten, Gurken, Salat oder Sprossen suchen – den Importeuren der türkischen Delikatessen wird das Leben so erschwert, dass immer mehr aufgeben.

Der Grund liegt in einer ziemlich sturen EU-Bürokratie: Seit geraumer Zeit werden nach Informationen der Deutsch Türkischen Nachrichten nämlich türkische Fruchtimporteure an der bulgarischen Grenze mit umständlichen EU-Laboruntersuchunen systematisch schikaniert. Seit zwei Monaten wird beispielsweise jede LKW-Lieferung mit Paprika an der bulgarisch-türkischen Grenze von Zollbeamten aufgehalten. Bis zu drei Tage stehen die LKWs dann auf dem Parkplatz an der Grenze und warten auf die Ergebnisse der Laboruntersuchungen.

Tomaten an der Grenze verfault

„Ob das politisch gewollt ist oder nicht, kann ich nicht sagen, aber es ist auf jeden Fall Schikane“, meint Hüseyin Akin, Geschäftsführer des Berliner Fruchtgroßhandel GSM, im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten. Grotesk ist es allemal, weil auch Gemüse betroffen ist, das die Deutschen wegen EHEC nur noch aus dem Ausland kaufen wolle. Bei einem Vorfall im Februar waren 40 Lkws an der Grenze zu Deutschland nicht weitergekommen. Der Grund: Bürokratische Untersuchungen an der Grenze, mit unbegrenzter Laufzeit. Insgesamt eine Woche mussten die Transporter an der Grenze warten. Fazit: Nach einer Woche war die gesamte Ladung verfault. Die Lkws hatten Tomaten geladen! Angesichts der EHEC-Verunsicherung eine geradezu kafkaeske Entwicklung.

Grund für die strengen Kontrollen an der EU-Grenze ist, dass vor zwei Monaten eine Lieferung Paprika aus der Türkei die zulässigen Werte für Pflanzenschutzmittelrückstände überschritten habe, erklärt der Geschäftsführer. Laut Akin würden die Wartezeiten und die Laboruntersuchungen jeden Importeur pro Lieferung mit 500 bis 600 Euro an Zusatzkosten belasten. Die Importeure müssten die Laboruntersuchungen sogar selbst bezahlen.

Bürokratie hilflos gegen EHEC

Nach einer EU-Verordnung müssen Stichproben jeder zehnten Lieferung mit Tomaten, Paprika, Birnen oder Zucchini aus der Türkei in von der EU zertifizierten Labors untersucht werden, bevor die LKWs über die Grenze in EU-Länder weiterfahren dürfen. Dass in der selben Zeit der deutsche Markt wegen neuer Seuchen wie EHEC zusammenbricht, war natürlich nicht vorherzusehen.

„Die Kontrollen an der bulgarisch-türkischen Grenze sind völlig sinnlos und echte Handelshemmnisse. Die EU-Labore könnten vor Ort in der Türkei Stichproben nehmen und untersuchen. Das würde den grenzüberschreitenden Handel nicht behindern. So aber entstehen nur  Zusatzkosten und die verderbliche Ware verliert durch die lange Warterei auf die Laborergebnisse an Wert“, meint Akin.

Die Folge dieser von der Öffentlichkeit unbemerkten Entwicklung ist dramatisch. Türkische Spediteure wollen keine Frischware mehr transportieren. Die Kontrollen in Richtung Deutschland sind ihnen zu streng und zu unberechenbar. Da Frischware nach dem vierten Tag spätestens in Deutschland sein sollte, ist der Transport aus der Türkei zu riskant. Bis die Ware angeliefert ist, könnten so gut und gern auch einmal fünf oder sechs Tage vergehen, heißt es aus türkischen Unternehmerkreisen. Doch wenn man an der Grenze zwei oder drei Tage verliere, dann habe es keinen Sinn, Frischware aus der Türkei zu holen.

Die türkischen Gemüsehändler und Spediteure vermuten knallharten EU-Protektionismus hinter den Schikanen: So munkelt man, Deutschland wolle der Türkei nicht so viel Ware abnehmen, da das Land kein Mitglied der EU ist. Man wolle lieber innerhalb der Europäischen Union Waren einkaufen. Für Spanien etwa sei es viel leichter, frische Ware nach Deutschland zu bringen – oft laufe das Ganze ohne eine einzige Kontrolle ab. Dass dann Seuchen wie EHEC sich innerhalb der EU umso rasanter ausbreiten können, hat offenbar keiner bedacht.

München: Kaum noch türkische Gemüsehändler

Die Folge dieser Entwicklung: Der legendäre Beruf des türkischen Gemüsehändlers ist vom Aussterben bedroht! Heute werde von der Türkei nach Europa nur noch ganz wenig Obst und Gemüse angeliefert. Auf dem Münchner Großmarkt seien vor etwa drei oder vier Jahren täglich noch zehn bis 15 Fahrzeuge aus der Türkei mit Obst und Gemüse angekommen. In München haben die meisten bereits dichtgemacht. Frischgemüse aus der Türkei gebe es nur noch ganz wenig, sagen Spediteure. Heute würden die Großmärkte in den großen Städten ihre Waren meist aus anderen Ländern holen, aus Spanien eben, aus Polen oder aus Griechenland und Rumänien. Und die wenigen verbliebenen Türken, die immer noch mit Gemüse handeln: Kaufen auch dort ein, oder in Brandenburg – wenn sie besonders patriotisch sind.

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