Auch ein frommer Muslim kann säkular sein

In nahezu keiner anderen Frage ist die Verfassungsreform in der Türkei so erforderlich wie beim Thema Religion.

Der türkische Laizismus ist ein ganz besonderer. Er führte weder die Trennung von Staat und Religion, noch die Neutralität des Staats gegenüber der Religion ein. Der türkische Laizismus ermächtigte den Staat, die Religion zu kontrollieren. So versuchte man, den Islam aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Allerdings hat dies nicht funktioniert. Gläubige Muslime ließen sich nicht aus dem öffentlichen Raum verbannen. Auch die Aleviten und die nichtmuslimischen Minderheiten fordern Religionsfreiheit ein. So sehr die Türkei Glaubensfreiheit kennt, sie kennt keine Religionsfreiheit. Das heißt, dass jeder seinen Glauben leben kann, wie er will, aber dass der Staat dennoch alle Religionen stark einschränkt. Der Staat will Religion insgesamt zurückdrängen. „Irtica“ (religiöse Reaktion) hieß das Wort, mit dem man jahrzehntelang versuchte, gläubige Muslime aus allen Strukturen des Staates zu verbannen.

So gingen die Kemalisten gegen Politiker, Bürokraten, Beamte, Offiziere und alle anderen vor, die den Machtanspruch der kemalistischen Elite in Frage stellten. Man warf ihnen „Iritca“ vor, also das Unterwandern des laizistischen Staates, den Atatürk gegründet hatte. Um dennoch alle Muslime zusammen zu halten und die Identität der Nation aufrechtzuerhalten wurde die Religionsbehörde Diyanet eingeführt. Der türkische Staat erkannte allerdings nur die hanefitische Rechtsschule des sunnitischen Islam an – Christen, Juden und Aleviten nicht. Aus diesem Grunde wurden die Gotteshäuser der Aleviten nicht als Gotteshäuser gesehen. Erst seit einigen Jahren bricht diese Struktur weg. In den säkularen Staaten Europas haben die Staaten und die Kirchen sich arrangiert. Dieser Prozess ist in der Türkei noch nicht abgeschlossen.

Die Türkei hat eine muslimische Bevölkerung. Die Kemalisten haben nicht begriffen, dass auch ein frommer Muslim säkular sein kann. Auch wenn sie propagieren, dass die Frömmigkeit zunehme, so verdeutlichen Statistiken, dass dies nicht so ist. Die Zahl der Kopftuchträger an Universitäten nimmt nur deshalb zu, weil es jetzt die Freiheit gibt eines zu tragen. Die Mehrheit der Türken hat die Säkularisierung akzeptiert und fühlt sich gleichzeitig als Muslime. Die Türken haben gelernt, Islam und Politik zu trennen. Politiker wie Adnan Menderes, Turgut Özal und auch Recep Tayyip Erdogan verwenden den Islam nur als Teil ihrer Identität. Sie stellen nicht die Verbindung von Staat und Religion in Frage, sondern nur die Alleinherrschaft des Staates über die Religion und die Zurückdrängung der Gläubigen. Auch wenn Kemalisten von Unterwanderung sprechen, kann gesagt werden, dass es eher Normalisierung ist.

Die Türkei steht vor den Wahlen. Eine Verfassungsreform beim Thema Religion ist unerlässlich. Gläubige Muslime, Aleviten und Christen waren die Verlierer des kemalistischen Laizismus. Es muss eine Lösung gefunden werden, die weder Gläubige, noch Menschen, die an nichts glauben benachteiligt. Die neue Verfassung muss sich an einer multireligiösen türkischen Bevölkerung orientieren.

Ercan Karakoyun

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