Fethullah Gülen: „Es gibt in der Türkei keinen Abgrund zwischen Muslimen und Kemalisten“

Er gibt ganz selten Interviews: Erstmals bezieht nun der in den USA lebende islamische Prediger und Gelehrte Fethullah Gülen im großen Exklusiv-Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten Stellung zu kontroversen Positionen: Er spricht über die mögliche Versöhnung zwischen rivalisierenden Gruppen in der Türkei, über die Ziele der nach ihm benannten Gülen-Bewegung, über Gewalt im Islam und über die Möglichkeit seiner Rückkehr in die Türkei.

Die Rolle der Gülen Bewegung war eines der großen Themen des türkischen Wahlkampfs. Nun bezieht der in den USA lebende populäre Prediger, nach dem die Bewegung benannt ist, erstmals Stellung zur Lage in der Türkei. Vor allem die Rivalität zwischen Muslimen und Kemalisten sieht Gülen als weniger dramatisch an, als dies im aufgeheizten Wahlkampf manchmal vermutet wurde. Gülen zu den Deutsch Türkischen Nachrichten: „In der Türkei kann weder von zwei Gruppen gesprochen werden, die sich deutlich in Muslime und Kemalisten trennen, noch von einen unüberbrückbaren Abgrund zwischen diesen zwei Gruppen. Wir sind das Erbe einer „Imperiums-Gesellschaft”, geprägt von einem ineinander verschlungenen Mosaik.“

Gülen erläutert das Mosaik aus einer historischen Perspektive: „Wir lebten jahrhundertelang als ein Mosaik der Völker, Religionen und Sprachen mit Muslimen, Christen, Juden, Sunniten, Aleviten, Türken, Kurden, Tscherkessen, Griechen, Bulgaren, Bosniaken, Serben und Arabern. Die türkische Gesellschaft ist das Erbe dieses Mosaiks und weiß mit anderen Menschen, egal aus welcher Religion, Rasse oder Ethnizität, gemeinsam brüderlich zu leben.“ Zugleich kritisiert er Scharfmacher, die dieses friedliche Zusammenleben stören wollen: „In der Türkei gibt es leider, zum Teil auch auf Grund ausländischer Einflüsse, sehr kleine aber einflussreiche Gruppen, die sich von diesem brüderlichen Miteinanderleben gestört fühlen, weil es ihren Interessen zuwiderläuft.“ Er hoffe jedoch, dass auch die militanten Gruppen „eines Tages die Tatsache erkennen werden, dass es zu ihrem Vorteil und in ihrem Interesse ist, sich in das Gesellschaftsmosaik der Türkei zu integrieren, deren Vielfalt einen Reichtum darstellt“. Dies sei im Interesse der Türkei und ihrer Rolle in der Weltpolitik.

Anschuldigungen, die Gülen Bewegung verfolge eine versteckte Agenda, an deren Ende die Umwandlung der Türkei in einen Gottesstaat stehe, bezeichnete Gülen als „sinnwidrig“: Trotz vieler Attacken gegen ihn persönlich sei er stets von allen Vorwürfen freigesprochen worden: „Darüber hinaus wurde kein einziger von den Millionen von Menschen, die nach Behauptungen der ,Bewegung‘ angehören sollen, weder in der Türkei, noch irgendwo in der Welt wegen der genannten Anschuldigung verurteilt.“

Gülen äußert sich in dem Interview auch zu dem Vorwurf an den Islam, eine latent gewaltbereite Religion zu sein: „Der Koran missbilligt und verbietet das Zerstören des Gleichgewichts, Friedens, der Ordnung, Ruhe und Harmonie in vielen Versen. Er bezeichnet das Blutvergießen und Zwietracht als die zwei Dinge, die dem Wesen des Menschen am meisten zuwiderlaufen. Daher kann zum Krieg nur dann als letzter Ausweg gegriffen werden, wenn zwischenstaatliche Problemen nicht durch diplomatische Beziehungen politisch gelöst werden können. “ Um die Lösung eines Konfliktes mit militärischen Mitteln zu rechtfertigen, gäbe es im Islam strenge Regeln. Ein solcher Einsatz müsse, so Gülen, „unbedingt im Rahmen rechtlicher, moralischer und menschlicher Normen stattfinden“. Terror sei im Islam grundsätzlich verboten. Gülen: „Der Islam sieht die schwersten Strafen für diejenigen vor, die die grundlegenden Rechte und Freiheiten verletzen. Er bewertet das ungerechte Töten eines Menschen wie das Töten aller Menschen.“

Der Islam habe seit dem 11. September 2001 mit großen Vorurteilen zu kämpfen. Diese würden auch durch verschiedene politische Interessen geschürt. Gülen: „Dazu gehören auch jene, die andere Menschen, die nur dem Namen nach Muslime sind, zu Terrorakten anstacheln und sie für politische Zwecke benutzen.“ Gülen sieht die Muslime selbst in der Pflicht, dieser Entwicklung entgegenzutreten: „Der Abbau dieses unzutreffenden und verbreiteten Vorurteils fällt jedoch in erster Linie den Muslimen selbst zu.“ Die Muslime müssten „den Islam unentwegt in seinem Kern und wirklichen Wesen veranschaulichen und darüber öffentlich sprechen“. Sie müssten den Islam in seinem „wirklichen Wesen vertreten und in ihrem Leben praktizieren“ Dann würde klar, dass jene, die dafür verantwortlich sind, dass „Islam und Terror in einem Atemzug genannt werden“, einen „großen Fehler“ begehen.

Gülen zum Verhältnis von Islam und Moderne

Gülen zum Dialog der Religionen und dessen Grenzen

Gülen zu Terror und Gewalt

Gülen zu Wissenschaft, Toleranz und Bildung

Gülen zu „seiner“ Bewegung und der Lage in der Türkei

Das komplette Exklusiv-Interview

Burdan Fethullah Gülen ile yapilan röportajin türkce versiyonunu okuyabilirsiniz.

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