„Auch die Beziehung von Staat und Religion kann sich ändern“

Der Islam bekennt sich seit vielen Jahrhunderten zu Werten wie Toleranz und Beachtung der Menschenrechte. Sein Verhältnis zum Staat ist Teil einer nicht abgeschlossenen "Evolution".

Deutsch Türkische Nachrichten: Glauben Sie, dass der Islam und die moderne Gesellschaft vereinbar sind? Viele Menschen im Westen glauben, dass es nur ein Entweder-Oder gibt…

Fethullah Gülen: Hier muss man zunächst fragen: Was bedeutet „Moderne“? Unser Schöpfer hat die Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten ausgestattet. Jeder Mensch muss seine Fähigkeiten entwickeln, damit er einmal die Vollkommenheit erlangt. Eine dieser Fähigkeiten ist Ausdauer: Wir brauchen unter Umständen viel Ausdauer, damit sich Wahrheit und Gerechtigkeit in der Welt durchsetzen können. Diese Ausdauer erwerben wir durch Bildung. Die Wissenschaft schärft unser Denken, damit wir unserem Ziel näher kommen. Unsere Sicht auf die Moderne ist von diesem jahrhundertelangen Streben nach Vollkommenheit geprägt. Wir wissen aber auch, dass sich diese Grundbegabung der Ausdauer in etwas Negatives verwandeln kann. Wir nennen sie dann Starrsinn. Und dieser Starrsinn, der immer von mangelndem Wissen herrührt, führt dann sehr leicht zum blinden Glaubenseifer . So entstehen religiöse Feindseligkeiten.

Im Islam finden Sie keine Begründung für einen solchen Glaubenseifer , im Gegenteil. ¬Die Verschiedenheit der Menschen ist für uns ein besonderer Wert. Jeder Unterschied deutet in einzigartiger Weise auf unseren Schöpfer hin. Aus diesem Grund benennt der Koran die Unterschiedlichkeiten von Hautfarbe, Rassen, Sprachen, Fähigkeiten und bezeichnet die individuellen Eigenschaften als Zeichen des Schöpfers und als Notwendigkeit des Lebens. Zu verschiedenen Zeiten wurden den Menschen verschiedene Propheten gesandt, die für gemeinsame Werte einstanden. Aber die verschiedenen Lehren der Propheten berücksichtigten die nach Zeit, Raum und Bedingungen unterschiedlichen Lebensformen. Dies stellt für den Koran eine wesentliche Dimension der menschlichen Existenz dar.

Weil die Menschen aber so unterschiedlich sind, müssen sie vor allem eines lernen: In Frieden und Brüderlichkeit zu leben! Der Islam verlangt von ihnen ausdrücklich diese Lebensweise. Mehr noch: Genau deswegen sind Blutvergießen, Anarchie und Chaos mit dem Wesen des Menschen unvereinbar. Sie machen die Erde nicht zu einem lebenswerteren Ort.

Zu der Vereinbarkeit des Islams mit der modernen Gesellschaft sollte auch folgendes betont werden: Die westeuropäische Moderne ist nicht dadurch entstanden, dass sie besonders radikal vom Christentum abgerückt ist. Viele Elemente der Religion finden sich in der Moderne wieder. Das Zusammenspiel von Denken und Glauben, von Weltanschauung und Wirtschaft, von Soziologie und Politik sind Gedanken, die sich von der Religion herleiten lassen. Diese Elemente finden wir auch im Islam. Für uns ist dies in doppelter Hinsicht bedeutend: Diese Gedankenlinien beschreiben die gemeinsame Basis zwischen dem Islam und der Moderne.. Und sie geben uns die Regeln, wie Muslime miteinander in verschiedenen Gesellschaften in Frieden leben können. Das ist übrigens nicht neu: Bereits im 14. Jahrhundert haben Muslime mit Christen, Juden, Sabäern, anderen Religionen und auch Atheisten miteinander und in Frieden gelebt.

Welche Rolle sollen Religionen überhaupt in den verschiedenen Gesellschaften spielen? Wo können Religionen dazu beitragen, dass das Zusammenleben verbessert wird?

Es fällt uns heute schwer, Religionen überhaupt zu verstehen, weil wir den Menschen zu sehr auf sein körperliches Dasein reduzieren. Dessen körperliche Bedürfnisse müssen befriedigt werden. Dieser materialistischen Sicht setzt die Religion ein anderes Konzept entgegen. Dieses ist metaphysisch und sagt, dass in der gesamten Schöpfung der Sinn, an den auch die Materie gebunden ist, Priorität hat und ihm dient. Diesen Sinn erfahren wir nicht körperlich, sondern durch Herz, Verstand, Gewissen und Emotionen. So haben die Menschen einerseits das Bedürfnis nach körperlicher Gesundheit. Sie haben aber auch das Bedürfnis nach einer moralischen und geistigen Erziehung, die den Verstand, das Herz und die Seele mit einbezieht. Diese Seite sprechen die Religionen an. Die Aufgabe konnte auch nicht von der Philosophie, der modernen Psychologie oder der Psychoanalytik übernommen werden: Selbst in den modernsten Gesellschaften gibt es immer noch Religionen.

Dies hängt auch damit zusammen, dass der Mensch etwas sucht, was ihm „heilig“ ist. Er legt auf die Heiligkeit der Quelle einen besonderen Wert – was also über alle Jahrhunderte Dauer hat und auch nicht durch Zeitströmungen verändert wird. Die Religionen berufen sich auf ihren Schöpfer und auf die Propheten und haben daher eine größere Wirkung. Deshalb versuchen die Menschen auch nach Jahrhunderten noch, den Wegen von Abraham, Moses, Jesus und Mohamed (Friede sei mit ihnen) zu folgen.

Die Aufgabe der Religionen in der modernen Gesellschaft besteht also darin, dafür zu sorgen, dass die Menschen zu aller Zeit und ohne Zwang geistig und moralisch gut erzogen werden. Sie müssen sich für die Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen einsetzen – damit sich Liebe, Barmherzigkeit, Fürsorge und Hilfsbereitschaft entwickeln können. Die Aufgabe der Religionen besteht darin, der Erde Frieden und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Darin liegt heute und in der Zukunft ihre große Verantwortung.

Wie soll aus Ihrer Sicht das Verhältnis von Staat und Religionen sein?

Es gibt ein islamisches Prinzip, das sagt: „Jede Epoche hat ihre Besonderheit, und die Zeit ist ihr Interpret. Wenn die Zeit ein Urteil fällt und eine Deutung hervorbringt, kann diesen nicht widersprochen werden.“ Dieses Prinzip sieht die Menschheitsgeschichte als einen sich evolutionär gestaltenden Prozess. Nicht alle Besonderheiten einer Epoche sind unabänderlich. Idealisierte Sichtweisen werden oft von der historischen Entwicklung widerlegt. Was heute als ideal angesehen wird, muss nicht in alle Zukunft ideal sein. Hätte man zur Zeit des Osmanischen oder Habsburger Reichs oder im viktorianischen Zeitalter in England von einer Demokratie im heutigen Sinn gesprochen, man hätte es vermutlich als grotesk empfunden.

Das gegenwärtige Verhältnis von Staat und Religion ist nicht das Ergebnis eines Kampfes des Staats mit der Religion. Es ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung zwischen der Kirche, die sich theokratisch zu legitimieren versuchte, und dem Bürgertum. Hier konnte man sehen: Etwas, was an einer bestimmten evolutionären Entwicklungslinie als ideal gegolten hat, kann nicht für alle Ewigkeit als ideal gelten. Der Islam trägt diesem dynamischen Prozess Rechnung: Es gibt im Islam keinen Klerus und somit auch keine Herrschaft der Geistlichen. Deswegen kann es aus islamischer Sicht keine Theokratie geben. Oder: Das Prinzip der Unfehlbarkeit gilt im Islam nur für die Propheten und sonst niemanden. In den Abschnitten im Koran über die Söhne Israels wird neben dem Propheten Samuel auch der Herrscher Saul erwähnt. In der islamischen Geschichte gab es einen Kalifen als Herrscher und einen Scheich ul-Islam als den Beauftragten für die religiösen Angelegenheiten und Institutionen.

Der Islam kennt feste Wahrheiten und Normen, die die unveränderlichen Realitäten des menschlichen Wesen und des gesamten Universums ansprechen. Und er kennt solche, die gewissermaßen variabel sind. Diese entsprechen einer Art des Brauchtums, der Tradition (ma´ruf) und enthalten die wichtigsten Grundsätze einer Gesellschaft, die den wesentlichen Grundsätzen der Religion wie Glaubenswahrheiten, grundlegende Gebets-, Moral- und Verhaltensnormen nicht widersprechen. Dies sind also Prinzipien, die einer ständigen neuen Überprüfung unterzogen werden – weil sie sich ja ändern und dem Wandel der Gesellschaft unterliegen.

Diese Zusammenhänge definieren das Verhältnis der Religion zum Staat. Die Beziehung kann sich ändern. Es gibt aber auch in dieser Beziehung unveränderliche Prinzipien: Gerechtigkeit und sozialer Ausgleich, Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, Unveräußerlichkeit der Freiheits- und Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und freie Wahlen. Der Staat ist kein Selbstzweck: Unser Prophet (Friede sei mit ihm) sagte: „Der Herr eines Volkes ist derjenige, der ihm dient.“ Der Staat muss dem Volk dienen. Er darf den Staatsdienst nicht als Einnahmequelle sehen, sondern als Dienst am Volk.

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