„Kein Gläubiger darf sagen: Mein Weg ist der einzig richtige!“

Die Hauptaufgabe der Religionen ist die Sicherung des friedlichen Zusammenlebens. Deswegen müssen sie jedoch nicht ihre Glaubenswahrheiten aufgeben.

Deutsch Türkische Nachrichten: In der Vergangenheit haben sich die Religionen teilweise bis aufs Messer bekämpft. Ist das unvermeidlich, weil ja alle Religionen von sich behaupten, allein im Besitz der Wahrheit zu sein?

Fethullah Gülen: Das ist wahr, und es waren nicht nur die Religionen, die einander bekämpft haben – auch innerhalb einer Religion gab es Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen. Aus islamischer Sicht sehen wir diese Unterschiede zwischen Religionen und Konfessionen nicht als etwas Negatives. Sie entsprechen der Vielfalt der Schöpfung.

Die großen Weltreligionen wie Islam, Christentum und Judentum haben dieselben Wurzeln. Aus diesem Grund nennt Allah im Koran all diese Religionen „Islam“ – im Sinne der Hingabe zu Gott. Alle Propheten sind vom Schöpfer gesandt worden, um dieselben Grundsätze zu verkünden. Daher muss ein Muslim, um ein Muslim sein zu können, an alle Propheten – Moses, Jesus und Mohamed – und alle heiligen Bücher (Thora, Bibel, Koran) anerkennen. Alle Unterschiede sind zweitrangig und können niemals Grundlage für Streit oder Zwist sein.

Wenn die Religionen aber dennoch miteinander streiten, so sind es nicht die Religionen, die einander widersprechen. Es ist dann Streit unter den Angehörigen von Religionsgemeinschaften. Er entsteht, wenn diese Angehörigen die Religion ideologisieren oder für weltliche Ziele und Interessen missbrauchen.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen dem Islam, dem Christentum und dem Judentum. Aber wie schon für die Schöpfung allgemein so gilt im Islam auch für das Verhältnis der Religionen zueinander: Der Koran verabscheut nichts so sehr wie Blutvergießen, Zerstörung, Chaos und Anarchie. Die Angehörigen von Religionsgemeinschaften dürfen die Religion nicht als Waffe einsetzen. Die Aufgabe der Religion ist es, den Menschen ein Leben in Frieden auf Erden zu ermöglichen. Die Religion darf nicht für weltliche Zwecke eingesetzt werden. Sie muss in Aufrichtigkeit und mit Reinheit der Absicht (ihlas) gelebt werden. Andernfalls ist dies eine Behauptung, die keine Gültigkeit hat.

Welche Chancen bietet der interreligiöse Dialog und wo sehen Sie die Grenze dieses Dialogs?

Ich würde lieber von einem „Dialog zwischen Religionsangehörigen“ sprechen. Wenn wir vom Dialog sprechen, so meinen wir nicht, dass die Religionen auf ihre eignen Wahrheitsnormen verzichten sollen. Wir wollen aber, dass Religionen in der heutigen Welt nicht Waffen, sondern Verständigungs- und Konsensmittel werden. Die Religionen sollen einander kennenlernen und das Ideal des „friedlichen Zusammenlebens“ anstreben.

Wir wünschen uns, dass die Religionen die falschen Ansichten voneinander, die sie wegen der Geschichte und der falschen Informationen gegeneinander pflegen, korrigieren und jeden so akzeptieren, wie er ist, wie er glaubt. Darauf aufbauend sollen sie die Beziehungen zueinander gestalten.

In den vergangenen Jahrhunderten haben die Menschen oft wenig von ihrer eigenen Religion gewusst. Mit anderen Religionen kamen sie meist überhaupt nicht in Berührung. Daher waren sie natürlich anfällig für die Vorurteile, die von politischen Autoritäten geschürt wurden. Oft wurden Missverständnisse geschürt und Konflikte angefacht. So entstanden Feindschaft und Fanatismus. Heute leben wir in einer Zeit der Mobilität und der modernen Kommunikationsmittel. Wir können viel mehr voneinander wissen. Wir können blinde Gefolgschaft durch Denken, Wissen und Vernunft ersetzen. Jeder sollte seine eigene Religion ordentlich kennen. Wir gehen davon aus, dass alle Religionen dasselbe Ziel haben. Sie sollen die Erde zu einem Ort des Friedens und der Freundschaft entwickeln. Wenn man diesem Gedanken folgt, wird der Kampf der Religionen unmöglich. Durch Dialog kann diese Entwicklung natürlich sehr beschleunigt werden.

Mit Vertretern welcher Religion sprechen Sie leichter – mit Juden oder mit Christen?

In seiner vierzehn Jahrhunderte langen Geschichte hat sich der Islam Menschen aus allen Religionen zugewandt, und ermöglichte ihnen das Leben in einem Klima der Beschaulichkeit und der Religionsfreiheit. In den islamischen Ländern, besonders in den Grenzen des Osmanischen Reiches bildeten Nicht-Muslime die Mehrheit der Bevölkerung. Gemäß der Volkszählung von 1907 bildeten im Osmanischen Reich die Nichtmuslime in der Hauptstadt Istanbul 47 % der gesamten Bevölkerung. Während unserer langen Geschichte konnten sich Angehörige aller Religionen und auch Atheisten in den islamischen Ländern problemlos aufhalten.

Deshalb liegt es mir auch persönlich fern, einen Religionsangehörigen vor einem anderen zu bevorzugen. Ali (Gott sei zufrieden mit ihm) sagt: „Unter den Menschen sind Muslime unsere Brüder in der Religion. Andere sind unsere Brüder in der Menschheit”. Dieser Satz verbietet mir die Bevorzugung einer einzelnen Religion.

Ich habe es im Übrigen kaum erlebt, dass andere Menschen ihre Arme geschlossen halten, wenn Sie anderen Ihre Arme öffnen. Der Mensch ist als ein würdevolles, gnädiges Geschöpf erschaffen worden. Solange er sich nicht der menschlichen Würde gänzlich entkleidet, kann die Großherzigkeit und Gnade in seiner Seele immer für die guten Beziehungen wirken.

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