„Jeder, der im Namen der Religion etwas Falsches macht, stößt mich ab“

Das ganze Universum ist eine einzige Symphonie der Hilfsbereitschaft. Der Islam lehnt Gewalt entschieden ab – und für einen gerechten Krieg gibt es strenge Voraussetzungen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Seit dem 11. September 2001 muss der Islam ernsthaft einen Kampf gegen Vorurteile führen. Was wird benötigt, damit ein ausgewogenes Bild diese Vorurteile ersetzt?

Fethullah Gülen: Politische Haltungen, ideologische Parteilichkeit und Auseinandersetzung um Interessen können Menschen manchmal zu großen Fehlern verleiten. Vorurteile können aus Unwissenheit entstehen – sie können aber auch aus politischen Motiven geschürt werden. Seit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 leidet der Islam unter dem latenten Vorwurf des Terrorismus – und das, obwohl bereits der Begriff Islam Erlösung, Wohlfahrt und Frieden bedeutet! Es gibt zweifellos Menschen, die aus politischen Motiven die haltlose Behauptung, der Islam sei eine Terror-Religion, weiter anheizen. Dazu gehören auch jene, die andere Menschen, die nur dem Namen nach Muslime sind, zu Terrorakten anstacheln und sie für politische Zwecke benutzen. Der Abbau dieses unzutreffenden und verbreiteten Vorurteils fällt jedoch in erster Linie den Muslimen selbst zu.

Die Muslime müssen den Islam unentwegt in seinem Kern und wirklichen Wesen veranschaulichen und darüber öffentlich sprechen. Sie müssen den Islam in seinem wirklichen Wesen vertreten und in ihrem Leben praktizieren. Wenn dies gelingt, wird die große Mehrheit der Menschen sagen: „Das ist also der richtige Islam. Die anderen, die den Boden vorbereiten und bewirken, dass der Islam und Terror nebeneinander erwähnt werden, begehen einen großen Fehler!”

In allen Religion, Systemen und Ideologien finden wir Extremisten, die die Religion in ihr Gegenteil verkehren. Wenn die Muslime ihre Religion in ihrem Kern und Wesen sichtbar machen, vertreten und praktizieren, wird der Islam nicht aufgrund von Taten verurteilt werden, die in seinem Namen niemals geschehen dürfen.

Was denken Sie über Osama bin Laden?

Ich habe nach dem 11. September gesagt: „Einer der Menschen, die ich auf der Welt am meisten hasse, ist Bin Laden, weil er das helle Antlitz des Islam getrübt und es durch ein schmutziges Bild ersetzt hat. Er hat seine eigenen Begehren als die Stelle der islamischen gestellt und war ein Vorreiter der Barbarei. Wir verfluchen derartige Gedanken und Taten ”

Ich würde heute sagen: Es geht nicht um Osama Bin Laden oder um eine andere Person. Gestern gab es Bin Laden, heute und morgen kann es andere geben. Jeder, der im Namen der Religion etwas Falsches macht und Anlass zum Missverständnis über den Islam gibt, stößt mich ab, wenn er das aus egoistischen Gründen absichtlich tut. Eine faule Frucht an einem Baum bedeutet nicht, dass es an diesem Baum nur faule Früchte gibt. Sie liefert jedoch denjenigen einen Vorwand, die nur die faulen Früchte an einem Baum sehen wollen.

Stellen Sie sich einen gesegneten und bestandfesten Baum mit Milliarden von Früchten vor, der sich überall auf der Erde verzweigt hat. Dieser Baum gibt nicht nur neue Früchte, er bringt seit Jahrhunderten Früchte hervor. Unter diesen Früchten kann es immer faule Früchte gegeben. All diejenigen, die ihre wichtige Position dazu missbrauchen, an dem Baum sich und andere Früchte verfaulen zu lassen, werden zu Mördern von all den Milliarden guter Früchte an dem Baum.

Immer wieder wird dem Islam ein latenter Hang zur Gewalt unterstellt. Wie steht der Islam zu Gewalt? Was sagen die Schriften des Propheten wirklich? Wo sind Dinge verbindlich, wo handelt es sich um historische Reminiszenzen?

Der Islam bedeutet bereits seinem Namen nach die Hingabei zu Gott und den daraus resultierenden Frieden, Ruhe, Wohlfahrt und Erlösung. Sein Ziel besteht darin, dass nicht nur im Zusammenleben der Menschen, sondern in allen Formen des Lebens – den Tieren, Pflanzen, dem ganzen Ökosystem – ein Gleichgewicht, die Ordnung, Einheit, Ruhe und Frieden herrschen sollen. Der Zweck des Islam besteht darin, Barmherzigkeit für alle Wesen zu bringen. Barmherzigkeit ist die Quelle des Friedens, des Gleichgewichts, der Ruhe, der Einheit und der Harmonie. Im „Besmele”, der wesentlichsten Formel, die wir als Muslime vor jeder guten Tat als Eingangsformel rezitieren, stellt sich unser Schöpfer als der Barmherzige und der Gnädige vor. Sogar seine Bestrafung, ist seiner Barmherzigkeit und Gnade untergeordnet.

Das bedeutet, dass der Islam in vollem Maße die Manifestation der Barmherzigkeit des Schöpfers ist. Diese Manifestation der Barmherzigkeit gilt nicht nur für die Menschen, sondern für die gesamte Schöpfung. Der Schöpfer hat das ganze Universum als eine Hilfeleistungs-Symphonie förmlich wie einen einzigen Organismus erschaffen. Nehmen Sie einen Apfel: Um einen Apfel zu bekommen, braucht man einen Apfelkern. Selbst die Arbeit aller Menschen kann diesen nicht hervorbringen. Man hat Bedarf nach der Keimfähigkeit und der Fähigkeit zum Apfel-Werden. Man hat Bedarf nach der lebendigen Erde, nach der Sonne mit ihrer Wärme und ihrem Licht. Man hat Bedarf nach der Erdkugel mit ihren Bewegungen um sich und der Sonne herum; nach Nächten, Tagen und Jahreszeiten, nach dem Wasser und Regen und nach einer makellosen Hilfeleistung aller Elemente im Rahmen bestimmter Maßstäbe. Für einen Apfel arbeitet quasi das ganze Universum zusammen!

Für den Schöpfer, der das Universum und den Menschen in so einer Komposition als einzelne Organismen erschaffen hat, sind Hass und Feindseligkeit das Verabscheuungswürdigste überhaupt. Nichts ist so schlimm wie das Zerstören des Gleichgewichts, des Friedens, der Ordnung, Ruhe und Harmonie im Leben der Menschen und des Universums. Der Koran missbilligt und verbietet dieses Zerstören des Gleichgewichts, Friedens, der Ordnung, Ruhe und Harmonie in vielen Versen. Er bezeichnet das Blutvergießen und Zwietracht als die zwei Dinge, die dem Wesen des Menschen am meisten zuwiderlaufen.

Der Koran geht sogar noch weiter: Er schreibt vor, dass wir einander für gute Taten helfen und verbietet ausdrücklich die gegenseitige Hilfeleistung für das Begehen von Sünden und Feindseligkeiten.

Ganz zu schweigen davon, dass der Islam der Gewalt den Weg bahnen würde: Der Prophet des Islams (Friede sei mit ihm) befehlt sogar einem Menschen, der einem anderen Menschen ein Messer zum Nutzen gibt: Er solle ihm das Messer mit dem Handgriff reichen und nicht mit der scharfen Seite. Wenn ein Tier geschächtet werden soll, so darf das Messer dem Tier nicht gezeigt werden, befiehlt unser Prophet. Er verbietet während einer Schlacht aus Rachegefühlen Körperteile wie Ohren, Nase, Hand, Arm abzuschneiden. Solch eine Religion liefert niemals Anlass zu Gewalt.

Der Islam befiehlt, dass nicht nur das Ziel, sondern auch das Mittel zum Ziel absolut rechtmäßig sein muss. Diese Norm kann auch nicht durch einen historischen Kontext außer Kraft gesetzt werden. Der Islam befiehlt nicht, mit aller Gewalt und um jeden Preis als Sieger dazustehen. In jedem Schritt sollen wir Muslime uns so verhalten, dass die Gotteszufriedenheit der einzige Kurs ist, dem wir folgen.

Daher kann zum Krieg nur dann als letzter Ausweg gegriffen werden, wenn zwischenstaatliche Problemen nicht durch diplomatische Beziehungen politisch gelöst werden können. Der Islam macht im Falle eines Krieges zur Bedingung, dass dieser unbedingt im Rahmen rechtlicher, moralischer und menschlicher Normen stattfinden muss.

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