„Ich habe seit 1958 öffentlich und frei geredet“

Der Graben zwischen Kemalisten und Muslimen in der Türkei kann überbrückt werden. Die Gülen-Bewegung möchte nach den Worten ihres Gründers dazu beitragen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die nach Ihnen benannte Bewegung wird oft angefeindet. Man unterstellt ihr, dass sie eine versteckte Agenda hat; dass sie staatliche Organisationen unterwandert, um irgendwann den Gottesstaat auszurufen. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Fethullah Gülen: Verstehen Sie bitte meinen unziemlichen Ausdruck nicht falsch. Ich hatte nie den Anspruch, etwas besonderes zu sein. Um Ihrer Frage aber deutlich zu beantworten: Gibt es in der Geschichte irgendeinen Propheten, dem nicht etwas vorgeworfen wurde? Unzählige Propheten wurden ermordet, viele wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Einer der Gemeinsamkeiten aller Propheten war jedoch, dass sie für ihre religiösen Vermittlungen von den Menschen nichts erwarteten. Wenn sogar unschuldige Menschen wie die Propheten zu Unrecht beschuldigt, ja sogar getötet wurden, dann ist niemand vor unbegründeten Vorwürfen gefeit – selbst, wenn er alles nur zum Wohl der Menschen unternimmt.

Außer den Propheten waren tausende Wissenschaftler und Heilige den schwersten Vorwürfen ausgesetzt. Viele wurden gar hingerichtet oder verbrannt, obwohl sie für das Wohl der Menschen gearbeitet hatten. Sie werden beschuldigt, wenn Ihre Tätigkeiten, auch wenn Sie gar keine weltbezogene Interesse haben, manche Menschen stören, die sich daran gewohnt haben, ihre Ideologien für ihre eigene Interessen zu benutzen. Sie werden irgendwelchen Vorwürfen ausgesetzt, wenn diese sich mit Intrigen und Komplotts in „staatliche Institutionen eingeschlichen“ haben – nicht zuletzt, weil alle von den anderen immer nur das Schlechteste annehmen.

Ich habe eine religiöse Identität und habe in der Türkei lange Jahre als ein Staatsbeamter das Amt eines Imams und eines Predigers ausgeübt. Insofern müssen die Anschuldigungen gegen meine Person solche Anschuldigungen sein, die sie sich für die Tagespolitik am besten eignen. Ich bin seit 1958 mit meinen offiziellen Diensten, Artikeln, Predigten und Taten öffentlich tätig. Mit diesen Anschuldigungen, die Sie genannt haben, hat man gegen mich vor allem in Putschzeiten Klagen erhoben. Seit über 50 Jahren konnten jedoch keine Beweise vorgebracht werden, die diese Anschuldigungen rechtfertigen. Jede Anklage gegen mich endete mit Freispruch. Auch bei dem Verfahren, das in der Ära „28. Februar” gegen mich eröffnet wurde, bestätigte der Kassationshof einstimmig meinen Freispruch. Darüber hinaus wurde kein einziger von den Millionen von Menschen, die nach Behauptungen der „Bewegung” angehören sollen, irgendwo in der Welt wegen der genannten Anschuldigung verurteilt. Ist es nun nicht klar und deutlich, wie sinnwidrig Anschuldigungen solcher Art sind?

Die Türkei befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Worin besteht der Beitrag, den die Bewegung in der Türkei spielen kann?

Evolution ist ein wesentlicher Bestandteil des Daseins. Keine Gesellschaft kann an einem bestimmten Punkt stehen bleiben, vor allem in einer Zeit, in der die Kommunikations- und Verkehrsmittel weit entwickelt sind, die Informationstechnologie keine Grenzen kennt und der „Wandel“ zum faszinierendsten und wirkungsvollsten Begriff geworden ist.

Auch die türkische Gesellschaft erlebt einen Wandel, und zwar seit ein paar Jahrhunderten. Wir sind eine Gesellschaft, die in Richtung der Verwestlichung geht. Wir haben es geschafft, nach der konstitutionellen Monarchie endlich zur Republik zu gelangen. Wir führten in der Zeit der Republik bestimmte Reformen durch und etablierten vor 61 Jahren durch die Einführung des Mehrparteiensystems die Demokratie. Diese ständig vorwärts laufende Bewegung unserer Gesellschaft wurde aber- und abermals blockiert, und zwar von denjenigen, die die Türkei zum Status quo verurteilen wollen. Sie haben Angst vor dem Wandel der Gesellschaft, was gleichzeitig einer der Gründe für die Anschuldigungen gegen meine Person ist. Die Gesellschaft wird jedoch ihre nach fortschrittliche Bewegung beibehalten. Nach 1980 gelangte die Türkei durch den Druck im In- und Ausland zur freien Marktwirtschaft. Durch die Entwicklung zur freiheitlichen Demokratie- und Rechtsstaatlichkeit in den vergangenen zehn Jahren kann heute auch von einem gewissen Fortschritt gesprochen werden.

Ich muss offen gestehen, dass ich die Frage, welchen Anteil die „Bewegung”, die mir zugeschrieben wird, nicht beantworten kann. Diese „Bewegung” oder besser „freiwillige Gemeinschaftsarbeit“ gehört nämlich nicht zu einer bestimmten Gruppe der Gesellschaft. Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft nehmen an dieser Gemeinschaftsarbeit teil. Daher ist es schwer abzuschätzen, welchen Beitrag sie zu diesem Wandel geleistet haben. Ihre Rolle mit Bildungs-, Toleranz-, und Dialogaktivitäten können vielleicht dazu gezählt werden, dazu braucht man allerdings vielleicht eine umfassende soziologische Forschung.

Wird es in der Türkei immer die zwei Gräben zwischen Kemalisten und Muslimen geben – oder kann es da nicht einmal zu einem pragmatischen Nebeneinander, oder gar einer Versöhnung kommen?

Diese Frage setzt voraus, dass unter den Kemalisten keine Muslime und unter den Muslimen keine Kemalisten zu finden sind und diese beiden Gesellschaftsteile absolut widersprüchlich sind. Ich sage das, nicht weil ich die Frage korrigieren möchte, sondern um den Kern des Problems, das Sie genannt haben, hervorzuheben. In der Türkei kann weder von zwei Gruppen gesprochen werden, die sich deutlich in Muslime und Kemalisten trennen, noch von einem unüberbrückbaren Abgrund zwischen diesen zwei Gruppen. Wir sind das Erbe einer „Imperiums-Gesellschaft”, geprägt von einem ineinander verschlungenen Mosaik.

Wir lebten Jahrhunderte lang als ein Mosaik der Völker, Religionen und Sprachen mit Muslimen, Christen, Juden, Sunniten, Aleviten, Türken, Kurden, Tscherkessen, Griechen, Bulgaren, Bosniaken, Serben und Arabern. Die türkische Gesellschaft ist das Erbe dieses Mosaiks und weiß mit anderen Menschen, egal aus welcher Religion, Rasse oder Ethnizität, gemeinsam brüderlich zu leben. In der Türkei gibt es leider, zum Teil auch auf Grund ausländischer Einflüsse, sehr kleine aber einflussreiche Gruppen, die sich von diesem brüderlichen Miteinanderleben gestört fühlen, weil es ihren Interessen zuwiderläuft. Es gibt keine zwei voneinander gelösten Gruppen von Muslimen und Kemalisten. Ich hoffe persönlich, dass auch diese kleinen Gruppen, die ich gerade erwähnt habe, eines Tages die Tatsache erkennen werden, dass es zu ihrem Vorteil und in ihrem Interesse ist, sich in das Gesellschaftsmosaik der Türkei zu integrieren, deren Vielfalt einen Reichtum darstellt. Dies ist auch im Interesse der Welt, wenn man die Bedeutung der Türkei und unserer Region in der Welt in Betracht zieht.

Werden Sie noch einmal in die Türkei zurückkehren?

Natürlich sehne ich mich nach meiner wunderschönen Heimat. Heimweh ist etwas, was jeder einsame Mensch hat und diesen Schmerz kann nur das Wiedersehen stillen. Dazu kann ich nur sagen, dass ich ein freiwilliger Gefangener des Schicksals bin.

Welche Botschaft haben Sie für die Muslime in Deutschland?

Gott bewahre! Ich bin nicht in der Position, an andere Menschen Botschaften zu formulieren. Als ein Diener Gottes, der die Hoffnung hegt, Seine Zufriedenheit zu erlangen und an diesem Ziel den Dienst an Menschen als eine wichtige Dimension der Gottesverehrung betrachtet, kann ich jedoch folgendes sagen: Es ist die Aufgabe der Muslime in einer gloablisierten und einem großen Dorf gleichenden Welt, in der jeder zu jedem nachbarliche Beziehungen hat, gemäß den Nachbarschaftsprinzipien zu verhalten, die der Islam für wichtig hält. Es ist ihre Aufgabe und zu ihrem Vorteil, wenn sie sich dessen bewusst sind, dass unser Prophet (Friede sei mit ihm) als ein Segen für alle Welten gesandt wurde. Deshalb muss sich jeder Muslim als ein Mensch des Segens verhalten. Er soll sich vor jedem Verhalten fern halten, das das unbefleckte und helle Antlitz des Islam verdunkeln kann.

Welche Botschaft haben Sie für die Nicht-Muslime in Europa?

Wie ich bei der vorherigen Frage aufgezeigt habe, finde ich es von großer Bedeutung, dass sich alle nach Prinzipien verhalten, die bei Muslimen und Nichtmuslimen Akzeptanz finden. Insofern ist es im Interesse der ganzen Welt und der Menschheit den Sinnspruch von Ali, der auch zuvor schon erwähnt wurde, den Ehrenplatz zu einzuräumen: „Die Menschen aus unserer Religion und Überzeugung sind unsere Brüder in der Religion. Andere sind unsere Brüder in der Menschheit.”

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