Die Türkei hat gewählt: Was war die Botschaft des Volkes?

Endlich haben die Wahlen und der Wahlkampf ein Ende. Die Politiker haben gesagt, was sie wollten und das Volk hat davon ausgehend eine Entscheidung getroffen. Man muss die Botschaft des Volkes allerdings richtig interpretieren.

Zunächst einmal wünscht sich das Volk Stabilität. Es erinnert sich noch daran, wie es bei den Regierungen zuvor war, als Koalitionen regierten und die Situation im Land sich verschlechterte. Außerdem hat das Volk verdeutlicht, dass mit einem schmutzigen und primitiven Wahlkampf nichts mehr erreicht werden kann. Die Wähler haben sich von Intrigen und Spielen nicht beeinflussen lassen. Eine weitere wichtige Botschaft war, dass sich die Bevölkerung eine neue zivile Verfassung wünscht.

Den wahren Applaus verdienen vor allem die Wähler. Sie sind aus aller Welt mit dem Flugzeug in die Türkei geflogen, um hier wählen zu dürfen. Menschen in Krankenhäusern sind mit Rollstuhl und Krücken zur Urne gegangen und haben ihre demokratische Pflicht erfüllt. Auch Erdogan ist sich dessen bewusst und hat sich bei genau diesen Wählern besonders bedankt.

Was nun nach den Wahlen zu tun ist, steht fest. Die AKP, die die Hälfte aller Stimmen erhalten hat, muss sich darum bemühen, eine von allen akzeptierte und mitdiskutierte neue zivile Verfassung zu entwerfen. Die MHP, CHP und BDP müssen ihr dabei helfen. Erdogan hat bei seiner Balkonrede am Wahlabend verkündet, dass er auf alle Parteien zugehen und die neue Verfassung mit ihnen gemeinsam formulieren möchte. Es sei ein Tag der Versöhnung und nicht ein Tag der Abrechnung. Er sagte, dass er nicht nur der Premier seiner Wähler sei, sondern aller 74 Millionen Menschen in der Türkei. Vor allem die BDP muss nun zeigen, ob sie eine Partei ist, die nur das Beste für die Kurden und die Türkei will, oder, ob sie ein politischer Arm der PKK ist und eigentlich nur Unruhe stiften will.

Nur wenn alle an einem Strang ziehen, Parteien, Zivilgesellschaft, Vereine, Universitäten und Intellektuelle kann eine Verfassung entstehen, die alle in der Türkei lebenden Menschen glücklicher macht: Eine Verfassung, die den Menschen all die Rechte gibt, die die Menschen in den USA und in Europa haben. Eine Verfassung, die den religiösen und ethnischen Minderheiten gleiche Rechte gibt. Eine Verfassung, die auch Frauen mit Kopftuch Gleichheit bringt. Eine Verfassung, die auch die nichtgläubigen Menschen im Land beruhigt. Eine Verfassung für die Jungen und Alten, Männer und Frauen, Arbeiter und Arbeitgeber.
Kurz gesagt: eine moderne zivile Verfassung und keine vom Militär diktierte.

Ercan Karakoyun

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