„Muslime sollen nicht die Provokation suchen“

Höher, schneller, weiter – es darf keinen Wettbewerb von Moscheen und Kirchen geben. Imame sollen in Deutschland ausgebildet werden, die Predigten sollten auf Deutsch sein.

Deutsch Türkische Nachrichten: Aus Ihrer Erfahrung als Kulturpolitikerin: Sehen Sie hörbare, relevante muslimische Stimmen, Künstler oder sonstige Leute, die versuchen, den Islam vielleicht auch verständlicher zu machen?

Prof. Monika Grütters: Ich war heute Morgen bei einer Begegnung mit einer Islamwissenschaftlerin bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, die dort einen Dialog mit maßgeblichen Muslimen, Religionslehrern und Theologen in Gang gesetzt hat als Gesprächsangebot mit Meinungsbildern wie uns. Davor hatte ich eine sehr spannende Begegnung mit dem ersten Lehrstuhlinhaber für einen Imam-Lehrstuhl in Münster, der aus Basel kommt. Insofern kenne ich jetzt einige, die dabei sind, den Islam als Glaubensrichtung in seinen maßgeblichen Inhalten zu vermitteln, und zwar im positiven Sinne zu vermitteln. Ich begrüße die Initiative der Bundesregierung, sechs Islam-Lehrstühle einzurichten, wo Imame von Islamlehrern in Deutschland und auf Deutsch ausgebildet werden sollen. Die Ausbildung soll natürlich in der Autorität und Autonomie der Religionsgemeinschaft liegen. Das ist ja Teil unseres Prinzips, das auch im Grundgesetz verankert ist. Aber dass wir überhaupt soweit sind, zu wissen, dass es in unserem eigenen Interesse ist, dass die Imame hier ausgebildet werden und nicht importiert werden aus anderen Ländern, ist ein großer Fortschritt. Es gibt jetzt sechs Lehrstühle in Deutschland, die diesen Imam-Unterricht betreiben.

Sie gehen davon aus, dass irgendwann der Islam als anerkannte Religionsgemeinschaft neben den christlichen Kirchen existieren sollte?

Hier in Deutschland gibt es die Religionsfreiheit. Das heißt, die Freiheit der Religionsausübung sowieso, aber auch die Freiheit des Bekenntnisses. Wir erlauben anderen Religionsgemeinschaften, soweit sie sich ans Grundgesetz halten, sich hier auf deutschem Boden zu etablieren. Wir sind gegenüber den Muslimen und Moschee-Gemeinden sehr tolerant. Das ist unser Grundprinzip: Freiheit der Religionsausübung. Inwieweit sich das etablieren wird, das ist keine staatliche Verordnung, sondern eine Frage des Alltagsgebarens. Ich glaube, dass der Einfluss der Muslime zunehmen wird, allein schon wegen der Zahl der Gläubigen hier.

Das heißt, Sie würden das nicht als aktive Aufgabe des Staates sehen…

Die Trennung von Staat und Kirche bedingt, dass es keine Aufgabe des Staates ist.

Die Aufgabe des Staates ist aber dennoch, das Zusammenleben der Religionsgemeinschaften so zu regeln, dass es nach geordneten Bahnen geht…

Das ist mehr eine Frage der unterschiedlichen staatlichen Zuständigkeiten: Bund, Länder, Gemeinden, Kommunen. Wir haben ja bis dato sogar ganz gute Erfahrungen im Umgang vor Ort gemacht. Stichwort Moschee-Bau: Während christliche Kirchen eher entweiht und profanisiert werden müssen, werden Moscheen gebaut. Da ist nur unser Appell aus Berlin an die Muslime, nicht die Provokation zu suchen, indem man schneller, höher, weiter gehen möchte als das, was man in Deutschland in der Nachbarschaft vorfindet, sondern im Kontext mit der Nachbarschaft zu wachsen – zum Beispiel eine Moschee nicht höher zu bauen oder nicht repräsentativer oder nicht dominanter gestalten zu wollen als benachbarte christliche Kirchen. Das ist ein Gebot der Vernunft. In manchen Teilen funktioniert das ja auch.

Trotzdem geht es auch hier um viel Geld. Ein Argument, das bei der Imam-Ausbildung angeführt wird, ist eben, das zahlt der türkische Staat…

Das ist klar. Aber es muss ja in ihrem eigenen Interesse sein, sich hier in Deutschland nicht abzugrenzen von der örtlichen Nachbarschaft, sondern verständlich zu bleiben. Und dazu gehört zum Beispiel, dass in den Moschee-Gemeinden auf Deutsch gepredigt und geredet wird. Das ist schon ein stark trennendes Moment, was Misstrauen sät. Wir wissen, dass es natürlich auch Hassprediger gibt und sich der Verfassungsschutz Informationen durch subversives Abhören beschaffen muss. Das ist natürlich wenig Vertrauen erweckend, und solche Fälle werden natürlich immer auch hochgespielt und stehen in keinem Verhältnis zur sonstigen Realität. Da müssen die betroffenen Moschee-Gemeinden oder die Gruppen, ob das Araber oder Türken sind, selber Interesse daran haben, dass das nicht Schule macht. Ein wichtiges Vertrauensmerkmal wäre das Predigen auf Deutsch. Und das ist natürlich damit intendiert, dass die Imame hier in Deutschland ausgebildet werden. Das zahlt der deutsche Staat.

Zur Ehrenrettung: Die Religionsbehörde DITIB betreibt eine eigene Website, auf der es vorgeschriebene Predigten gibt, die dort jede Woche auch auf Deutsch angeboten werden. Sie tun also ohnehin schon relativ viel…

Das ist ja auch gar nicht mein Vorwurf, dass sie das nicht tun. Sondern, ich habe ja ausdrücklich gesagt, das andere sind Einzelfälle. Aber die werden natürlich propagiert und schüren eben die Angst und die Nöte derer, die um diese Moscheen herum wohnen und das überhaupt nicht mit eigener Erfahrung kombinieren können. Deshalb muss es im Interesse der hier lebenden Türken sein, dass so etwas überhaupt nicht vorkommt. Das, was diese Religionsbehörde macht, ist natürlich vorbildlich – das entspricht eben nur nicht zu hundert Prozent der Realität. Auch bei uns ist jeder Pfarrer so frei, anders zu predigen als das, was gerade von der Bischofskonferenz empfohlen wird. Es gibt immer wieder Tage, an denen Hirtenbriefe verlesen werden, aber das kann auch jeder Pfarrer ändern. So ist das bei den Muslimen auch.

Eine Sache ist uns in diesem Zusammenhang noch wichtig. Ich habe soeben „Pro Reli“ erwähnt, um zu zeigen, wie groß trotz Nichtzugehörigkeit zu einer Kirche das Interesse an diesen Themen ist und dass das auch mit Ängsten, aber auch mit Offenheit, mit Neugier verbunden ist, dass es also ein viel höheres Interesse gibt, das über den reinen Kirchenbezug hinausgeht. Bei dieser „Pro Reli“-Aktion war uns, die wir für eine Wahlfreiheit zwischen Religionsunterricht und Ethik plädierten, ganz wichtig, dass das nicht nur die christlichen Kirchen betroffen hätte, sondern genauso auch den Islamunterricht. Die Konsequenz wäre gewesen, dass auch der Islamunterricht vormittags auf Deutsch in staatlicher Verantwortung an den staatlichen Schulen unterrichtet worden wäre – von Lehrern der Religionsgemeinschaften selbst. Dieselben Prinzipien, die für die christlichen Kirchen oder die jüdische Gemeinde gelten, wären auch das Angebot an die Islamgemeinden gewesen. Die sind zwar nicht hierarchisch organisiert, aber das wäre umsetzbar gewesen. Das halten wir für besser, als wenn nachmittags nicht nur Katechismus-Unterricht läuft irgendwo, sondern eben auch – und das ist der latente Verdacht – in Kreuzberger Hinterhöfen auf Türkisch gepredigt wird. Das ist das Problem. Da hätte man schon einen wichtigen Weg in Sachen Religionsausübung beschreiten können, weil dann deutsche Kinder natürlich auch viel eher mitbekommen hätten, was eigentlich den Muslimen beigebracht wird und umgekehrt. Es ist schade, dass das nicht zustande gekommen ist.

Das Gespräch führten Michael Maier und Felix Kubach.

Grütters zur Rolle des Islam in Deutschland

Grütters fordert mehr türkische Lehrer

Grütters über „Tarabya“ und die Türken in der CDU

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.