„Warum haben wir so wenige türkische Lehrerinnen und Lehrer?“

Mit mehr türkischen Lehrern hätten die Kinder Vorbilder. Integration ist vorrangig Bildungssache. Das Problem für Deutschland: Ein gut ausgebildeter Türke bekommt in der Türkei immer bessere Jobs als ein deutsches Lehrergehalt.

Deutsch Türkische Nachrichten: Zum Thema Schule: Sie sagen, es sei auch ein Problem, dass der Unterricht im islamischen Bereich eben sehr stark über die Imame erfolgt, über die Religionsgemeinschaften, und dass es zum Beispiel einen Mangel an türkischen Lehrern gibt…

Prof. Monika Grütters: Ja, das ist so. Deshalb fangen wir ja auch jetzt an, mit deutschen Steuergeldern an deutschen Universitäten die Imam-Ausbildung auf Deutsch zu ermöglichen mit dem Interesse, dass möglichst viele muttersprachlich Deutsche – in der Regel sind das übrigens Migranten aus der zweiten, dritten, vierten Generation – tatsächlich auch deutsche Imame, Islam-Theologen und Religionslehrer werden. Dasselbe Problem haben wir übrigens auch mit den christlichen Kirchen. Wenn das Teil des deutschen Schulunterrichts würde, dann wäre viel gewonnen. Dann würden genau diese Ängste, die aus dem Nichtwissen heraus kultiviert werden, abgebaut, und zwar schon ab dem Kindesalter. Das muss selbstverständlich nebeneinander stattfinden. Man lässt den Christen ja auch ihren katholischen und evangelischen Religionsunterricht machen, wenn man selber in der Ethikklasse sitzt. Aber wie viel selbstverständlicher wäre es, wenn daneben auch die muslimischen und die jüdischen Schüler unterrichtet würden und alle Kinder schon sehr früh erleben würden: Das ist Normalität, das ist selbstverständlich. Im Moment sind das abgeschottete Milieus.

Thema türkische Lehrer und das Berufsbild – Wo liegt das Problem?

Wir skizzieren in unserem großen Integrationspapier auf fast 40 Seiten einen wichtigen Grundgedanken: dass man das Thema nicht in Spiegelstrichen abarbeiten kann mit plakativen und sehr populistischen Forderungen oder Sprüchen, was der normale Umgang fast aller Parteien mit diesem sehr komplexen Thema ist. Zweitens, dass man auch von der deutschen Gesellschaft aus denken muss, indem man sagt, es ist im deutschen Interesse, dass Integration funktioniert. Man muss aber auch die deutschen Nachbarschaften, Milieus und Bezirke ernst nehmen. Denn die Vorbehalte dort kommen ja nicht von nichts – ohne, dass man ihnen gleich Ausländerfeindlichkeit vorwirft. Und man muss dafür sorgen, dass diese Milieus nicht zu Ghettos werden, sondern, dass hier eine natürliche Durchmischung gelingt. Fünfte These: Es ist kein soziales, sondern ein Bildungsthema.

Denn wenn man das Problem beim Sozialen ansiedelt, dann reagiert man immer erst auf einen Missstand, wenn er schon da ist. Integration als Bildungsthema, das heißt, von dem Sprachstand, ab dem dritten Lebensjahr angefangen, eine Bildungskette aufzubauen, die gerade diese kleinen Defizite nicht weiter transportiert, sondern ihnen so früh wie möglich begegnet. Da ist eine Schlüsselstelle die Frage: Warum haben wir so wenige türkische Lehrerinnen und Lehrer? Denn das sind die natürlichen Vorbilder für junge Menschen, wenn sie erwachsen werden. Nicht der deutsche Lehrer, der sich gegen die Macho-Attitüden der heranwachsenden türkischen Jugendlichen nicht durchsetzen kann, weil die ihn für ein doofes Weichei halten. Und schon gar nicht die Lehrerin, die verzweifelt, weil sie die Jungen nicht mal zur Ruhe bringt. Außerdem brauchen die Mädchen natürlich Vorbilder. Nichts wäre besser, als wenn die Lehrer Türkinnen und Türken wären. Und dass relativ wenige in Deutschland dieses Berufsbild anstreben, hat man uns wie folgt erklärt: In der Türkei selber ist der Lehrerberuf wesentlich höher angesehen als er es in Deutschland ist. Das finde ich bitter. Denn es ist schon richtig beobachtet, dass der Lehrerberuf hier in Deutschland zuweilen Image-Probleme hat, obwohl er gesamtgesellschaftlich ja so wichtig ist.

Aber das zweite ist, wenn man Lehrer in der Türkei ist, verdient man dort angeblich relativ zu anderen Berufsbildern mehr als das in Deutschland der Fall ist. Auch in Deutschland verdienen Lehrer nicht schlecht, aber diejenigen Türkinnen und Türken, die überhaupt auf die Idee kommen zu studieren, die so ein gutes Abitur haben, die können hier auch Ärzte, Apotheker oder Rechtsanwälte werden und wissen ganz genau, dass das in Deutschland schicker ist, mehr Geld bringt und höher angesehen ist. Deshalb gehen diese Tüchtigen genau nicht in den Lehrerberuf, sondern wählen die anderen Berufsbilder, obwohl wir genau die für den Lehrerberuf bräuchten. Das ist ein Befund, der muss uns alarmieren. Denn wir bräuchten nichts so dringend wie diese Vorbilder – gerade in den Schulklassen.

Könnte man das nicht einfach attraktiver gestalten?

Wir können ja schlecht sagen, weil wir mehr Türken haben wollen, müssen die ein bisschen mehr verdienen als die deutschen Kollegen. Und ehrlich gesagt, innerhalb des Gehaltsgefüges in Deutschland ist der Lehrerberuf natürlich nicht schlecht gestellt, sondern sehr gut. Die haben bessere Gestaltungsspielräume als andere Angehörige des Öffentlichen Dienstes, ob verbeamtet oder nicht. Im Verhältnis zu der Türkei überlegen sich die türkischen Abiturienten, die eine akademische Laufbahn in Deutschland anstreben, eben ganz genau, was sie mit ihrer Ausgangsposition am besten in Deutschland anfangen. Und die, die richtig gut sind und doch Lehrer werden, die gehen früher oder später zurück in die Türkei, wo der Bedarf an deutschsprachigen türkischen Lehrer ja steigt, weil es mittlerweile auch viele Rückkehrer gibt oder binationale Ehen, Kinder und Familien, die an beiden Standorten leben oder eben ganz bewusst zurückgehen in eine boomende Türkei. Da verdienen sie dann und leben besser als in Deutschland. Das ist für uns wirklich ein Problem, was wir noch nicht im Griff haben.

Da liegt es doch nahe, dass Bildung hier in Deutschland vor allem als sozialpolitische Prävention gesehen wird, während in der Türkei – das Durchschnittsalter liegt bei 25 – Bildung der dynamisierende Faktor überhaupt ist. So eine Gesellschaft geht per se einfach ganz anders an so eine Sache heran…

Das ist hier eine Reparaturwerkstatt und da, wo Bildung plötzlich Spaß macht und kreativ wird, an den Privatschulen zum Beispiel, wo auch sehr engagierte Projekte entwickelt werden, mit entsprechendem Personal, da gibt es so wenige türkische Kinder, dass dort türkische Lehrer auch nicht fehlen. Man muss jetzt wirklich mal Strategien überlegen, wie man mehr Lehrer mit Einwanderungsgeschichte an deutsche Schulen bringt. Und dann ist ja die Ausbildung zum Lehrer auch noch Ländersache, was schon innerhalb Deutschlands ein Problem ist. Hinzu kommt, dass der Anteil der Migranten im Verhältnis zu den deutschen Kindern rapide steigt, ein Phänomen, das in ganz Deutschland zu beobachten ist. Wir werden uns da Strategien überlegen müssen. Das ist ein dringendes Problem.

Das Gespräch führten Michael Maier und Felix Kubach.

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