„Ein Projekt in Istanbul wie die Villa Massimo oder die Villa Aurora“

Deutsch-türkische Künstler und Intellektuelle bekommen die Chance auf ein attraktives Stipendium in Istanbul. Die CDU ist Vorreiter in Sachen Integration. Einzig die Grünen können mithalten, wenn es um die Anzahl deutsch-türkischer Politiker geht.

Deutsch Türkische Nachrichten: Vielleicht noch kurz zu ihrem wichtigsten deutsch-türkischen Projekt „Tarabya“. Davon haben wir lange nichts gehört. Können Sie uns da kurz ein Update geben?

Prof. Monika Grütters: Wir haben am Montag, dem 23. Mai 2011, im Unterausschuss Auswärtige Kulturpolitik die letzten entscheidenden Schritte beschlossen, so zum Beispiel den Zeitpunkt für den Start. Es geht um die Sommerresidenz des deutschen Botschafters in der Nähe von Istanbul „Tarabya“, die ja vor mehr als 100 Jahren vom Sultan geschenkt wurde mit mehreren herrlichen denkmalgeschützten Bosporus-Sommerhäusern auf einem großen Gelände. Da die nicht verfallen sollen, haben wir uns überlegt, was man damit macht. Denn der Botschafter geht im Sommer nicht mehr dahin, er sitzt ja in Ankara. Also war die Idee, ein Stipendien-Programm in diesen Häusern zu etablieren mit Aufenthaltsmöglichkeiten für mehrere Monate für ausgesuchte Stipendiaten aus dem Kultur- und Wissenschaftsbereich. Wir sind fest davon überzeugt, dass genau dieser Stipendien-bezogene mehrmonatige Aufenthalt von Intellektuellen beider Gesellschaften das deutsch-türkische Verhältnis maßgeblich befördern wird. In den meinungsbildenden Milieus wird bisher zu wenig systematisch für das Miteinander getan, da hat Deutschland, glaube ich, in den letzten zehn Jahren wirklich geschlafen. Die Türkei ist ein so wichtiger innenpolitischer Faktor und Partner geworden, dass wir da jetzt ganz schnell systematisch etwas tun müssen und solche Entwicklungen nicht mehr dem Zufall überlassen dürfen.

Das ist nicht nur ein kleiner Kulturschnörkel, den wir uns da gönnen. Sondern dahinter steckt wesentlich mehr. Nachdem das der Bundestag schon in der letzten Legislaturperiode beschlossen hat, gab es bei der Umsetzung lange eine Verzögerung. Aber jetzt konnten die ersten zwei Häuser mit den zur Verfügung gestellten Geldern entsprechend saniert werden. Ich selbst werde im Juli mir dort den Stand der Baumaßnahmen ansehen. Wir wollen im Oktober tatsächlich den Startschuss geben, anlässlich des 50 jährigen Bestehens des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Ab kommendem Frühjahr sollen mindestens zehn bis 14 Stipendiaten jährlich für jeweils ein halbes Jahr dort leben können – Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler.

Werden das eher deutsche Künstler sein oder türkische oder ist das egal?

Eine Jury wird das auswählen. Es gibt einen Beirat, dem auch Abgeordnete angehören sollen, der das Projekt in seiner Pilotphase begleitet und evaluiert. Es wird, um dem diplomatischen Status des Geländes Genüge zu tun, ein Diplomat aus dem Generalkonsulat eine Art Geschäftsführerrolle dort übernehmen. Aber die inhaltliche und künstlerisch-wissenschaftliche Begleitung wird durch den Leiter, und im Moment ist eine Frau die Leiterin, des dortigen Goethe-Instituts in Istanbul mit übernommen. Ich gehe sehr zuversichtlich in den Oktober und glaube, dass wir das dann tatsächlich an den Start bringen und wir im nächsten Frühjahr die ersten fünf, vielleicht sogar schon acht, neun Stipendiaten für ein halbes Jahr nach Istanbul gehen können, die Auswahl muss die Fachjury treffen.

Müssen diese sich um die Studienplätze bewerben oder wie läuft das Verfahren?

Die Künstler müssen sich bewerben, dann wird diese Jury, die wir noch installieren, die Stipendiaten auswählen. Ich glaube, am Anfang brauchen wir einige starke Namen, um auch den Ehrgeiz in diesem Projekt zu zeigen. Das primäre Interesse ist, dass das deutsch-türkische Verhältnis gerade in der künstlerischen, wissenschaftlich anspruchsvollen Ebene systematisch und nachhaltig gefördert wird. Wir erwarten natürlich auch Rückmeldung. Jemand, der ein halbes Jahr dort gelebt hat, der kann das Lebensgefühl dieser Gesellschaft besser beschreiben als jemand, der nur mal dort auf Besuch war.

Gegen das Projekt gab es am Anfang auch großen Widerstand. Warum?

Ja, das Auswärtige Amt hat immer behauptet, auf der türkischen Seite gäbe es Probleme wegen des diplomatischen Status dieses Geländes. Die türkische Seite legt großen Wert darauf, dass dieser diplomatische Status nicht angetastet wird. Die türkische Seite hatte von Anfang an jedoch die Idee der Künstlerakademie sehr konstruktiv begleitet. Es gibt mehrere Verbalnoten noch aus der letzten Legislaturperiode, sogar vom türkischen Außenminister damals – nachlesbar auf der Homepage des Auswärtigen Amtes. Deshalb haben wir uns in dieser Legislaturperiode gefragt, warum die bereit gestellten Gelder nicht sofort verbaut worden sind. Wir mussten dann mühsam in den Tiefen des Auswärtigen Amtes nach den offensichtlichen Vorbehalten forschen. Mein Eindruck ist und bleibt, dass Diplomaten vor allem auf der deutschen Seite sich schwer tun mit der Vorstellung, es könnten ein wenig unkonventionelle Künstler auf diesem diplomatischen Gelände leben. Aus meiner Sicht als Kulturpolitikerin, die seit 17 Jahren begeistert den Umgang mit diesen Künstlern pflegt, ist dieser Gedanke völlig aus der Luft gegriffen. Das sind hochkarätige kultivierte, inspirierende Leute, ich halte das für einen großen Gewinn und hoffe, dass der Start auf deutscher und türkischer Seite jetzt endlich gelingt. Gemäß dem parlamentarische Auftrag setzt das Auswärtige Amt nun endlich auch um, was der Bundestag beschlossen hat.

Für manch einen könnte der Eindruck eines doch sehr elitären Projekts entstehen, in dem wieder einmal Künstler gefördert werden, die vielleicht sowieso schon einen gewissen Status haben…

Ja, aber da muss man sich fragen, was man mit solch einem Programm erreichen will: Möchte man jungen Künstlern mal ein Jahr lang ihren Lebensunterhalt bezahlen, und soll das und muss das in Istanbul sein? Es gibt natürlich massenweise Künstlerförderprogramme hier und im Ausland, die sich an junge Nachwuchstalente richten. Ich selber mache mit meiner Stiftung ein „literarisches Tandem“, mit dem eben junge Leute begünstigt werden und zwar ausschließlich. Hier aber stellt sich die Frage, ob „Tarabya“ das Richtige ist, um Nachwuchsförderung zu betreiben oder ob wir nicht lieber mit denen starten sollten, die für eine relevante Zeit mit einem gewissen Geschick in eine nicht ganz so einfache Gesellschaft kommen.

In Italien als junger, werdender Künstler zu leben, ist beispielsweise etwas ganz anderes, als dies in der Türkei zu tun. Das ist eine Herausforderung. Deshalb glaube ich, zumal, wenn man den Hintergrund mit dem diplomatischen Status auch ernst nimmt – und das ist eine ganz klare Position der türkischen Seite, die wir genauso ernst nehmen und wo wir überhaupt keine Irritation wollen – dann muss man meiner Ansicht nach sehr sorgfältig bei der Auswahl der Künstler vorgehen.

Ich kenne jedoch noch keinen einzigen Namen, der nach „Tarabya“ gehen könnte. Wir werden uns hier von der Jury überraschen lassen. Ich glaube nicht, dass eine Künstlerin wie Ayşe Erkmen dahin geht, die lebt ohnehin in Berlin und Istanbul und ist eine der besten Botschafterinnen dieses binationalen Verhältnisses. Aber vergleichbare Kreative fände ich schon ganz wichtig. Und das Künstlerprojekt in der Villa „Massimo“ in Rom ist übrigens noch viel repräsentativer oder auch das in der Villa „Aurora“ in Los Angeles – diese wirklich spektakuläre Villa von Feuchtwanger mit eingebauter Hausorgel und dergleichen. Und trotzdem gibt es da nicht den Verdacht, wir würden in unzulässiger Weise eine repräsentative Elite fördern wollen. Hier kommt noch die besondere Herausforderung eines nicht ganz einfachen, anderen Gesellschaftsstils in der Türkei dazu und es ist eben auch die Erwartung an den ersten Jahrgang.

Vielleicht dient sie ja auch dazu, dass hier der ein oder andere deutsch-türkische Nachwuchspolitiker für die CDU heraus kommen könnte…

Das wäre doch auch toll, oder? Jedenfalls: wir sind stark auf dem Weg dahin. Die CDU hat die erste deutsch-türkische Ministerin etabliert. Die CDU hat die erste Türkin im Bundesvorstand.

Aber vielleicht muss sie das noch aktiver verkaufen…

Mit Verlaub, Frau Ministerin Özkan halte ich locker gegen Herrn Özdemir, der keine Funktion hat derzeit, so viel ich weiß. Zumindest nicht in einer Regierung. Im Übrigen hat man ihn abgesägt. Ein anderer prominenter Türke bei den Grünen ist mir nicht bekannt. Da halte ich mal ganz locker dagegen. Wer das nicht sehen will, der ist selber schuld. Die CDU ist da bundesweite Vorreiterin. Auf Bundesebene hat Kanzlerin Merkel das Thema Integration auf Kabinettsrang geholt und nicht etwa Rot-Grün. Mit Verlaub. Mit Emine Demirbüken-Wegner senden eine wirklich Erste-Klasse-Vorzeige-Deutsch-Türkin in den Bundesvorstand. Das ist kein Thema der Grünen oder der Linken. Von den Linken sowieso nicht, und die FDP fällt zu diesem Thema auch nicht auf. Was macht die SPD? Mir ist nicht eine einzige Person bekannt. Jetzt kam eine von den Grünen dahin. Ja, mit Verlaub. Und den Grünen, wie gesagt, ist die CDU mit einer Nasenspitze voraus.

Aber das ist doch überraschend, dass sozusagen immer in der öffentlichen Wahrnehmung die CDU sich rechtfertigen muss…

Ich glaube, jetzt polemisiere ich mal zurück, weil diese Frage sehr schnell reduziert wird auf doppelte Staatsbürgerschaft – Ja oder Nein. Da haben wir eine differenzierte Haltung und sagen, dass das für uns vorrangige Integrationsziel die deutsche Staatsbürgerschaft ist und dass man einen Unterschied macht bei der doppelten Staatsbürgerschaft zwischen EU-Ländern, wo das für alle untereinander Verfassungsrang hat, gegenüber denen, die nicht dazu gehören. Das ist im Moment noch eine sinnvolle Regel. Angela Merkels Antwort auf die türkischen Interessen in Sachen EU-Beitritt – eine privilegierte Partnerschaft – halte ich für eine kluge Antwort. Es ist es kein christlich geprägtes Land und die Themen Menschenrechte, Stellung der Frau, unterschiedlicher Kulturkreis – das sind schon schwerwiegende Unterschiede zu den bisherigen EU-Ländern. Mal abgesehen davon, dass wir ja im Moment mehr denn je erleben, wie schwierig eine solch große Staatengemeinschaft ist. Da ist, glaube ich, diese vereinfachte Wahrnehmung auch schuld daran, dass man nicht richtig hinguckt. Klar, wir könnten das noch mehr propagieren. Bundespräsident Wulff hat in seiner Antrittsrede die Integration zum Hauptthema gemacht. Er ist es, der das immer wieder bringt. Er ist es, der Themen wie „Wie weit gehört der Islam zu Deutschland?“ auf die Agenda gesetzt hat. Er war mit bei der Berlinale in dem Film „Almanya“. Ich war auch bei der Premiere und finde ihn ganz großartig. Noch Fragen? Auch von (Medien-) Profis wie Ihnen und der Öffentlichkeit können wir einen ehrlichen Respekt vor den Leistungen der CDU in der Integrationspolitik erwarten.

Den bringen wir Ihnen ganz sicher entgegen! Wir haben keine Fragen mehr und danken sehr herzlich für das Gespräch!

Das Gespräch führten Michael Maier und Felix Kubach.

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