Syrien: Warum Europa diesmal auf die Türkei hören soll

In seiner Rede brillierte Präsident Baschar al Assad vor allem mit altbekannten Tricks: Die Muslime sind Mörder, das Volk sabotiert den Staat. Den meisten Syrern fällt ein anderer Oberbegriff ein: Lügen!

Alles sah aus wie ein Inszenierung aus früheren Zeiten: Baschar al Assad, bejubelt von seinen Getreuen. Kein Wunder, dass sie ihn verehren: Fällt er, sind die meisten von ihnen ihre Jobs los. Assads Rede war eine wohldosierte Mischung von Lügen, Phrasen und Versprechungen.

Sein Volk wird er damit nicht zurückgewinnen. Die Gräueltaten seiner Schergen haben vor allem ihm selbst den Weg zum geordneten Rückzug abgeschnitten. Dass er sich noch an der Macht hält verdankt er einer jahrzehntelang praktizierten Strategie: Abschottung nach außen als strukturelle Informationssperre. Wer wo welche Nachrichten erfindet ist nicht mehr nachvollziehbar. Es herrscht der totale Manipulations-Krieg. Gedeckt vom selbst inszenierten Getöse lässt Assad Tausende schlachten oder verschwinden. Er macht vor Frauen, Kindern und Zivilisten nicht Halt. Dieser Barbar hat in London studiert – es ist eine Schande für die Universitäten, die er besucht hat. Das einzige, was er dort gelernt zu haben scheint: Wie tarne ich mich so geschickt als Westler, dass alle darauf hereinfallen?

Die Hauptlast tragen die Türken: Sie können sich der Flüchtlinge kaum noch erwehren. Nun setzen sie Assad ein Ultimatum. Aber das wirkt hilflos. Denn Reformen sind in dem blutgetränktem Land nicht innerhalb einer Woche und schon gar nicht von Assad zu bewerkstelligen.

Und die internationale Intervention, von der ein türkischer Präsidentenberater spricht? Wo soll der Westen denn die Ressourcen hernehmen? Schon der Libyen-Einsatz ist nur mit Ach und Krach zustande gekommen. Auf den durchschlagenden militärischen Erfolg warten wir immer noch. Und in Afghanistan organisieren die Amerikaner gerade den geordneten Rückzug. Nachdem sie die Kontrolle über die Operation verloren haben, wollen sie wenigstens ihr Gesicht wahren. Auf einen weiteren Einsatz in einer hoch komplexen Region dürfte niemand wirklich warten.

Dennoch muss Europa in diesem Fall auf die Türken hören. Sie sind am nächsten dran – im wahrsten Sinn des Wortes. Erdogan kennt Assad gut – seine scharfen Worte müssen den Westen sehr nachdenklich machen. Die Türken können beurteilen, ob Syrien zum nächsten Schlachtfeld wird. Und sie können vor allem die Folgewirkungen abschätzen: Behält Assad die Oberhand, wird jeder arabische Tyrann ermuntert, die Menschenrechte als europäische Zuckerbäckerei zu verachten. Kommt es zum langanhaltenden Bürgerkrieg, wird es weitere Radikalisierungen bei den Muslimen geben. Für das Kidnapping des Islam durch eine militante Gruppe kennen wir seit längerem den Begriff „Selbstmordattentate“. Die Türkei hat das größte Eigeninteresse, dass die Welt endlich einen Modus für das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Religiösen findet – muss sie dieses doch selbst praktizieren wie kein anderes Land auf der Welt.

Die Sequenz der Maßnahmen gegen Diktatoren ist bekannt: Aufforderung, Drohung, Sanktionen, Ächtung, militärischer Einsatz. Ob es dem Westen gerade ins Konzept passt oder nicht: Es besteht dringender Handlungsbedarf. Die Flammen, die von Syrien über die türkischen Grenzen züngeln, haben die Kraft, einen Flächenbrand zu entfachen.

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