Die Türkei als Vorbild für Pressefreiheit in der islamischen Welt?

Bei einem Workshop in Bonn diskutierten Journalisten die Rolle der Medien in den arabischen Ländern. Trotz der aktuellen Probleme mit der Pressefreiheit stellte ein Kolumnist für Milliyet und Hürriyet dem Land ein gutes Zeugnis aus.

„Was soll das sein, säkulare oder islamische Medien?“ Experten aus islamischen Ländern diskutierten dieses Thema bei einer Veranstaltung der Deutschen Welle in Bonn. Es ging um Konflikte zwischen – und der Relevanz von – weltlich oder islamisch orientierten Medien in der arabischen Welt.

Als Vertreter der Türkei mit dabei war Semih Dündar Idiz, Kolumnist für Milliyet und Hürriyet – und in den Augen der Teilnehmer Repräsentant eins Landes, das in der arabischen Welt durchaus als Vorbild auch in Sachen Medien dienen kann. Idiz schränkt jedoch ein: „Ich fühle mich nicht wohl mit der Rolle der Türkei als Vorbild, ich glaube, das kommt in der arabischen Welt nicht so gut an“

Eine Herausforderung für die Medien in der islamischen Welt ist in diesem Jahr nicht zuletzt der arabische Frühling. Prof. Heba Raouf Ezzat von der Universität Kairo und dem „International Institute for Islamic Thought“  beschreibt ihre Beobachtungen während der Revolution in Ägypten.

„Die Medien haben das Land in zwei Lager geteilt“, sagte die Mitbegründerin von IslamOnline. „Es ging nicht um objektive Berichterstattung.  Es ging  um Auflagen, Quoten und eigene Machtinteressen.  Als Folge wurden nur die extremsten Ansichten dargestellt.  Wer ägyptische Medien im Vergleich zu anderen arabischen Medien  konsumiert hat,  musste glauben, er befände sich in einem völlig anderen Land.  So entstand durch ägyptische  Medien z.B. der Eindruck, 99% der Ägypter seine gegen eine neue Verfassung, während am Ende 78% dafür gestimmt haben“. Zum Glück habe es Blogger und Social Media gegeben, die die Menschen informiert hätten.

Ähnlich beschrieb der palästinenische Journalist  Wafeeq Khaled Ibrahim Al Natour, die Medien in seinem Land.  Für ihn sind es  keine unabhängigen Medien, sondern PR-Publikationen: „Deswegen vertrauen die Menschen den Medien in Palästina einfach nicht“, sagte er.

In der Türkei stellt sich die Medienlandschaft nach Ansicht des Kolumnist Semih Dündar Idiz dagegen deutlich progressiver dar.  „Die Türkei hat eine vibrierende Medienlandschaft“, sagt er. „Aber wir müssen uns von der Vorstellung trennen, dass wir eine homogene Gesellschaft sind“.  Die Türkei sei entlang religiöser, ethnischer und ökonomischer Werte und Vorstellungen geteilt.  Idiz: „Man kann nicht unbedingt sagen, dass wir islamistische Medien haben, aber wir haben Medien, die eher die weltlichen Werte unterstützen und Medien, die die islamischen Werte unterstützen. Aber beide müssen sich auch um das Mittelfeld kümmern“, betonte der auch von  internationale Medien gefragte Journalist und Experte.

Als Beispiel nennt Idiz die Zeitung Zaman. Sie ist die auflagenstärkste Zeitung der Türkei und steht der religiösen Gülen-Bewegung nahe. Aber gerade weil sie so vieler Leser hat, bietet sie eine Berichterstattung, die nicht auf eine islamische Agenda reduziert werden kann. Es gibt einen ausführlichen Sportteil, bunte Seiten und Wochenendbeilagen.  Idiz: „Zaman hat Kolumnisten aus einem säkularen Hintergrund, während  säkulare oder eher westlich ausgerichtete Zeitungen auch islamische Kolumnisten  beschäftigen.“

Zu den Verhaftungen von Journalisten im Rahmen der Ergenekon-Ermittlungen gegen rechtsgerichtete Putschisten sagt Idiz: „Das ist Revanchismus für die alten Zeiten, als das Militär sich ständig eingemischt und Lebensweisen unterdrückt hat“.  Die  Inhaftierungen  seien der Versuch, regierungs- und  polizeikritische Berichterstattung zu unterdrücken.  Der Europarat wird einen Sonderbeauftragten für Pressefreiheit in die Türkei schicken, um die Vorwürfe zu überprüfen.

Auch ein Kolumnist der Milliyet und Kollege  von Semih Dündar Idiz ist während des Wahlkampfs festgenommen worden. Für Idiz ist dies eindeutig ein Versuch, Druck auf Journalisten auszuüben.  Trotzdem fürchtet er nicht, dass ihm das gleiche passieren könnte.  Es gebe immer eine Art von Druck, sagte er.  „So muss sich mancher Journalist vielleicht nicht die Frage stellen, ob er im Gefängnis landet, sondern, ob er seinen Job noch hat, wenn er etwas Bestimmtes schreibt.  Aber ist das wirklich so viel anders als überall auf der Welt?“

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