Türkei: „Wenn wir es nicht schaffen, gibt es ein Desaster!“

Der Milliyet-Kolumnist Semih Dündar Idiz im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten über Zaman und die Badeanzüge, die Kurden und die Armenier.

 

 

Deutsch Türkische Nachrichten: Beim Deutsche Welle Global Media Forum in Bonn haben Sie an einer Diskussion über den Gegensatz von weltlichen und islamischen Medien in der arabischen Welt teilgenommen.  Hat diese Diskussion eine Bedeutung in der Türkei?

Semih Dündar Idiz: Nun, das Thema ist recht komplex.  Man kann nicht so einfach von weltlichen oder islamischen Medien sprechen.  Gleichgültig, auf welcher Seite des Zaunes sie sich befinden:  Es gibt ein großes Mittelfeld, das beide Seiten mit in Betracht ziehen müssen. Ich habe gerade einen Blick in die „Zaman“ geworfen (auflagenstärkste, und der islamischen Gülen-Bewegung nahestehende Zeitung in der Türkei, Anm. d. Redaktion).  Mittendrin gab es eine große Anzeige für Badeanzüge, weil es Urlaubszeit ist. Wenn die „Zaman“ hardcore islamistisch oder islamisch wäre, dann gäbe es eine solche Anzeige nicht.  Die Sache ist etwas subtiler.  Es geht eher um die Werte, die z.B. die „Zaman“ unterstützt. Es sind weniger islamische als wertkonservative Werte. Und genau wie in den USA hat eine konservative Einstellung eine religiöse Dimension, aber nicht ausschließlich.  Es gibt auch eine moralische und eine gesellschaftliche Dimension.

Andererseits, wenn es um eine weltliche Ausrichtung geht, also die Richtung, für die die Kemalisten stehen, dann geht es um das Thema:  Mischt Euch nicht in meine persönliche Lebensanschauung ein.

In der Türkei müssen wir jetzt ein Umfeld schaffen, das es beiden Seiten möglich macht, in einer Gesellschaft zu leben, in der alle Gruppen partizipieren und von den rasanten Entwicklungen profitieren können, ohne sich gegenseitig auf die Füße zu treten.  Das heißt: das Mittelfeld muss als neutrale Zone definiert werden, die unabhängig von der einen oder anderen Weltanschauung existieren kann. Im Rahmen der Demokratisierung  muss so auch die Bedeutung des Begriffs „weltlich“ neu definiert werden.  Und das wird in der Türkei passieren. Das ist es, was die Menschen wollen, und sie machen entsprechend Druck von unten. Es gab immer das Reglement und die Verwaltung von oben, aber das ist jetzt vorbei. Die Menschen haben jetzt eine Stimme, und sie sorgen dafür, dass sie gehört werden. Das haben wir in diesen Wahlen gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Blick auf die Verfassungsdiskussion, den Demokratisierungsprozess und die   EU-Mitgliedschaftsdebatte: Wo wird die Türkei Ihrer Ansicht nach in zehn Jahren stehen?

Ich sage es mal so:  Wenn wir es nicht schaffen, gibt es ein Desaster. Aber die Türken fallen nicht gern Desastern anheim.  Historisch gesehen sind wir geübt darin, uns im Zweifel zusammenzuschließen. In den schlimmsten Moment nehmen wir unser Schicksal gemeinsam in die Hand und machen etwas daraus.  Wenn Sie sich die Türkei 1918 und das Ergebnis 1923  ansehen, und dann, wo wir heute stehen – ich bin da sehr optimistisch.  Natürlich dauert es seine Zeit.  Wir haben die Tendenz, immer einen Schritt vorwärts und dann zwei zurück zu gehen.  Aber am Ende ist es doch immer ein Schritt nach vorne. In zehn Jahren werden wir eine deutlich tolerantere und demokratischere Gesellschaft sein.

Vor zehn Jahren konnten wir das Wort Kurde nicht in den Mund nehmen.  Heute gibt es  kurdische Sender mit kurdischem Programm rund um die Uhr und kurdische Politiker haben den Wahlkampf auch auf Kurdisch geführt. Ich bin da sehr optimistisch.

In Zusammenhang mit der Kurdenfrage: aus europäischer Sicht gibt es da z.B. auch noch die Zypernfrage und die Frage des Völkermordes  an den Armeniern.  Wie wird es damit in zehn Jahren aussehen?

Nehmen wir die Kurden:  Sie haben 56 Abgeordnete im Parlament. Der linke Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu hat eingeräumt, man müsse wohl Gespräche mit Abdullah Öcalan von der Arbeiterpartei Kurdistan aufnehmen.  Soweit sind wir immerhin schon gekommen. Es ist nicht so, als ob die Kurden nicht existieren würden.

Wegen Zypern – da geben wir den Ball sehr gerne an Europa zurück.  Im Rahmen des Annan Plans von 2003 hat sich die Türkei von Rauf Denktas (Präsident der nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern, Anm. d. Redaktion) verabschiedet. Die Türken haben einen Plan unterstützt, der von den Vereinten Nationen, dem Europarat und der EU bestätigt wurde, obwohl die Türken dabei den schlechteren Deal bekommen haben. Was Zypern betrifft möchten wir also, dass die EU zuerst ihr Versprechen gegenüber den türkischen Zyprioten einlöst, die Isolation aufzuheben.  Sobald das passiert, werden Sie sehen, dass sich der Ball sehr schnell bewegt.  Aber wenn das nicht passiert, haben die Türken  zu diesem Thema -zumindest zur Zeit – nichts mehr zu sagen.

In Bezug auf den Völkermord an  den  Armeniern:  Der Mantel des Schweigens hebt sich sehr schnell.  Das Thema wird offen in der Türkei diskutiert.  Manchmal sind diese Diskussionen sehr hitzig. Aber sie können sich in jedem Buchladen in Ankara oder Istanbul nach Literatur aus sämtlichen Blickwinkeln über den Völkermord umsehen,  und sie werden dort wesentlich mehr Material finden, als in jedem europäischen Buchladen.

Welche Verantwortung trägt ihre Zeitung und welche Verantwortung tragen sie persönlich als Kolumnist und Journalist bei diesen gesellschaftlichen Entwicklungen?

Meine Aufgabe ist es, auf der Basis meiner Ausbildung so objektiv, wie ich kann, zu analysieren, was passiert, damit sich die Menschen ein genaues Bild machen können.  Meine Aufgabe ist es nicht, die Menschen in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen.

Im Zusammenhang mit den Festnahmen von 27 Journalisten, die die rechtsgerichtete Egenokon-Gruppierung bei der Vorbereitung eines Militärputsche unterstützt haben sollen: Machen Sie sich manchmal Sorgen, ob Ihrer journalistische Tätigkeit Sie irgendwann ins Gefängnis bringen wird?

(Lacht) Meine Frau macht sich ab und zu Sorgen!  Nein, ich mache mir keine Sorgen.

Also würden Sie sagen, dass die meisten Journalisten sich aktuell keine Gedanken um ihre Sicherheit machen müssen?

Nein, das sage ich nicht.  Es gibt verschieden Arten von Druck, der auf Journalisten ausgeübt wird.  Zum Beispiel die wirtschaftlichen Interessen.  Nehmen Sie an, Sie schreiben für eine Zeitung, die einer Firmengruppe angehört. Können Sie dann wirklich offen über alle Belange schreiben, die diese Firmengruppe betreffen?  Anstatt sich zu sorgen, ob er im Gefängnis landen wird, wird sich daher so mancher Journalist eher die Frage stellen:  Verliere ich meinen Job, wenn ich das schreibe.  Aber ist das wirklich so viel anders als überall auf der Welt?

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