„Warum ich Erdogan nicht wähle und ihn trotzdem gut finde“

Die türkische Künstlerin Ayse Erkmen vertritt ihr Land bei der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig. Ayse Erkmen, 62, lebt jedoch in Berlin. Irmgard Berner sprach in Venedig mit ihr über Grenzen, warum Frauen in der Türkei die besseren Künstler sind. Über Erdogans Mut mit den Putschisten und dass sie zum ersten Mal das Gefühl hat, dass die Regierung für sie arbeitet.

Dass ich nicht schuldig bin. Denn das war es: Wir fühlten uns immer schuldig. Bis jetzt. Zum ersten Mal gibt es so etwas wie Entspannung bei den Menschen: Wir sind das Volk, wir haben sie gewählt. Sie müssen für uns arbeiten. Dieses Gefühl habe ich zum ersten Mal.

Ein fundamentales Gefühl …

… das wir nie hatten! Weil alle zehn Jahre putschte das Militär. Sie waren unberührbar, bis jetzt. Aber Erdogans Regierung zeigte, dass diese Periode in der Geschichte der Türkei vorbei ist, sie sind “berührbar”. Aus diesem Grund bin ich nicht so pessimistisch.

In Venedig haben Sie im Türkischen Pavillon in den Arsenale (ehemalige Werftanlagen der italienischen Marine) eine Wasseraufbereitungsanlage aus Motoren, Filtern und Rohren als Großrauminstallation gebaut. Diese und andere Ihrer Kunstprojekte grenzen häufig an Ingenieurskunst – das würde man doch eher Männern zuschreiben? Sie sind eine Frau.

Ich denke, Frauen können viel besser mit Maschinen umgehen. Ich arbeite mit allen möglichen Materialien und Medien. Deshalb habe ich kein Atelier. Ich möchte dort arbeiten, wo die Menschen ihre Arbeit verrichten, mit Professionisten, Experten. Ich kann nicht alles selber erlernen. Schon während meines Studiums in Istanbul bin ich in richtige Metallwerkstätten gegangen.

Gab es für Sie als Frau keine Restriktionen in der Türkei?

Nein, weder in meiner Familie noch in Istanbul. Tatsächlich sind Frauen definitiv die stärkeren Künstler in der Türkei. Wie zum Beispiel Füsun Onur, sie ist eine Pionierin, weiblich und eine der ersten, die die junge Generation inspirierte. Es gibt eine irrige Meinung, eine falsche Auffassung des Westens über Künstlerinnen. Kunst wird auch nicht so ernst genommen.

Die Kunstszene in der Türkei explodiert aber geradezu, sie ist sehr lebendig. Wodurch wird das befördert?

Es gibt inzwischen eine Menge Sammler, die zeitgenössische Kunst sammeln. Viele Familien gründen Museen, Kunsträume. Das kommt alles zusammen, es liegt in der Luft. Man weiß nicht, wie sich das weiterentwickelt. Es ist neu.

Ihre Arbeit für den Türkischen Pavillon heißt „Plan B“. Das weist auf Krise und Notfall hin. Das aufwendig gereinigte Wasser wird alle paar Stunden in den brackigen Kanal abgelassen, aus dem es durch das Fenster hoch gepumpt wurde. Es ist eine Sisyphos-Arbeit, die den Machbarkeitswahn des 21. Jahrhunderts konterkariert.

Auch Istanbul ist eine Stadt am Wasser – am Bosporus, der viel zu schmalen Meerenge zwischen Europa und Asien. Was halten Sie von Erdogans umstrittenem Vorhaben, einen zweiten Bosporus zu graben?

Es ist einfach notwendig. Der Bosporus ist die einzige Straße, die einzige Öffnung vom Marmarameer zum Schwarzen Meer. Durch diese Passage transportieren die Schiffe oft hochexplosive Stoffe. Es gab lange Diskussionen, wie man mit diesem Problem umgehen soll. Erdogan schlug diese Lösung vor. Ich finde sie sehr interessant. Zugleich ist sie ein wenig wie diese Dubai-Idee einer künstlichen Anlage, die mir nicht gefällt. Vielleicht bleibt es ja nur eine Idee.

Überschreiten Sie gerne Grenzen?

Ja, es ist wichtig für mich, Grenzen zu überschreiten. Auch der kleine Raum im Arsenale beinhaltet eine Grenzüberschreitung. Wegen des Wassers. Das Wasser musste in die Ausstellung, vom Kanal in den Kunstraum fließen. Aber auch die Grenzen zwischen mir und Venedig und allem andern. Auch in kleinen Räumen gibt es Grenzen.

Sie sind Türkin, leben in Berlin, gibt es da eine Brücke?

Nein, das spielt keine Rolle. Mich interessieren die Grenzen im Raum, und die zwischen der Kunst und Nicht-Kunst. Was heißt Kunst? Wo liegen die Grenzen zwischen Kunst und Leben? Das interessiert mich.

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