Warum die Türkei für Deutschland wichtig ist!

Daimler-Chef Dieter Zetsche befeuert mit seinen Pro-Türkei-Aussagen den Streit um einen EU-Beitritt des Landes

Dieter Zetsche hält die Aufnahme der Türkei in die EU für ebenso notwendig, wie eine aktive Einwanderungspolitik in Deutschland. Es sei ihm „schlicht unverständlich, dass wir einen ‘Tigerstaat’“ wie die Türkei, der vor unserer Haustür liege und zu uns kommen wolle, nicht herein ließen. Dies ist der Beginn einer neuen Debatte über die Türkei – aber diesmal mit einer anderen Qualität.

Denn die Türkei hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Themen der politischen und öffentlichen Debatten in Deutschland entwickelt. Das hängt in erster Linie mit vier Faktoren zusammen.

Der erste und wichtigste Faktor ist die innenpolitische Diskussion um die Integration von Menschen türkischer Herkunft in Deutschland. Die in Deutschland lebenden türkischen Migranten bilden einen wichtigen Teil der deutschen Gesellschaft. Das Zusammenleben stellt eine Herausforderung sowohl für die Migranten selbst, als auch für die Politik beider Länder dar.

Die ca. 2,5 Millionen in Deutschland lebenden Menschen türkischer Herkunft – wovon inzwischen über 700.000 die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen – sind ein bedeutender Faktor in den bilateralen Beziehungen.

Der zweite Faktor ist die Veränderung der politischen Lage nach dem Ende der Blockkonfrontationen. In den 1990er Jahren standen die osteuropäischen Staaten und ihre Integration in die NATO und die Europäische Union im Zentrum europäischer Politik. In den folgenden Jahren rückte, auch vor dem Hintergrund des nach wie vor ungelösten Nahostkonflikts sowie des Nukleardisputs mit dem Iran, die Region des Nahen und Mittleren Ostens in den Vordergrund des öffentlichen und politischen Interesses. In dieser Region spielt die Türkei eine zunehmend wichtige Rolle.

Das Verhältnis der Türkei zu den Nachbarn im Nahen und Mittleren Osten war seit Atatürk in Folge des untergegangenen Osmanischen Reiches von gegenseitigem Misstrauen und Schuldvorwürfen geprägt. Die Türkei orientierte sich seit 1923 ausschließlich gen Westen.

Die Türkei agiert außenpolitisch nun aber in steigendem Maße selbstbewusst und aktiv. Sie will als Vermittler und „ehrlicher Makler“ zwischen den Ländern des Nahen Ostens fungieren und versteht sich damit zunehmend als regionale Mittelmacht. Dies zeigt sich vor allem bei den Konfliktfeldern Syrien, Iran und Israel.

Der dritte Faktor ist die Energiesicherheit. Die Türkei liegt an der Schnittstelle zwischen Europa, dem größten Nachfrager von Energie auf der Welt, und der Region, in der die weltweit bedeutendsten Vorkommen an fossilen Energieträgern liegen. Für die Energieaußenpolitik Deutschlands spielt die Türkei angesichts der geografischen Nachbarschaft und des steigenden Eigenbedarfs an Energie eine besondere Rolle.

Dies korrespondiert mit dem geopolitischen Interesse der Türkei, sich Europa als Drehscheibe für Energieträger sowie als Mittler zwischen Europa und den energiereichen Nachbarregionen anzubieten. Die damit verbundene strategische Position für die europäische Energieversorgung will die Türkei mit einem EU-Beitritt verknüpfen.

Der vierte Faktor ist die Wirtschaft. Gerade hier wird die veränderte Rolle der Türkei besonders deutlich. Wirtschaftlich galt sie für Deutschland vor allem als Land, aus dem Arbeitskräfte kamen. Mittlerweile hat sich die Türkei zu einem der wirtschaftlich dynamischsten Länder der Welt und zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort deutscher Unternehmen entwickelt. Deutschland ist seit langem wichtigster Handelspartner und der größte ausländische Investor in der Türkei.

Die Europäische Union ist vor allem ein Wirtschaftsbündnis. Die aktuelle Wachstumsrate von 11 Prozent macht die Türkei zur am schnellsten wachsenden Wirtschaft der Welt. Vor diesem Hintergrund und der anderen drei Faktoren wird die Diskussion über die Integration der Türkei in die an Qualität gewinnen.

Ercan Karakoyun

 

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