Mehmet Daimagüler: „Ich will von Westerwelle Taten sehen“

Der Rechtsanwalt und Unternehmensberater Mehmet Gürcan Daimagüler über die Wut vieler türkischer Unternehmer angesichts zu strenger Visabestimmungen, das Versagen der FDP in der Frage eines EU-Beitritts der Türkei sowie seine Zweifel an den Worten Westerwelles, denen keine Taten folgen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ist die Integration in Deutschland Ihrer Meinung nach nun gescheitert oder nicht*?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler: Nein, wir hören zwar immer wieder, sie sei gescheitert, dies trifft aber nicht zu. Ich bin der Ansicht, dass wir überhaupt nicht klar definiert haben, was eigentlich gelungene Integration sein soll. Wenn man Integration mit Mindestanforderungen definiert, wie: Annahme des hiesigen Gesellschaftssystems und die Befürwortung dessen, was wir als demokratische Grundordnung haben, dann würde ich sagen, ist Integration in weiten Teilen geglückt. Ich glaube, dafür, dass wir erst seit einigen Jahren so etwas wie gezielte Integrationspolitik haben, die wir jahrzehntelang nicht hatten, ist die Integration sogar erstaunlich gut geglückt. Deswegen halte ich das für ein Märchen, dass wir vor einem Scherbenhaufen der Integrationspolitik stehen. Das wird immer wieder als Horror-Szenario gemalt, entspricht aber nicht den Realitäten, die nicht nur ich sehe, sondern auch Wissenschaftler, die sich mit Bildungs-, Arbeits- und anderen Fragen beschäftigen.

An anderer Stelle sagten Sie, die Integrationsdebatte sei verlogen und wäre von einer Doppelmoral bestimmt. Was konkret meinen Sie damit?

Zum einen ist sie aus meiner Sicht verlogen, weil eben die Integration nicht gescheitert ist. Zum anderen ist sie unter zweierlei Aspekten von einer Doppelmoral getragen. Zum einen fällt mir auf, dass plötzlich all jene am lautesten nach Integration schreien, die eigentlich sofern sie politische Verantwortung dafür tragen, in den letzten Jahrzehnten kaum oder nichts dafür getan haben, dass wir die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen auch bekommen. Sprich ein modernes Staatsbürgerschaftsrecht, ein modernes Einwanderungsrecht. Hier sind vor allem Politiker aus den Reihen der CDU und CSU zu nennen. Gerade das weckt bei mir das Gefühl, dass es diesen Leuten gar nicht darum geht, dass wir ein funktionierendes multikulturelles Einwanderungsland werden, sondern darum, dass sie noch immer ihr Süppchen kochen mit einseitigen Schuldzuweisungen an Einwanderer, da wo es nicht klappt mit der Integration. Zum anderen halte ich diese Debatte auch deswegen für verlogen, weil aus meiner Sicht eben Integration keine Einbahnstraße ist. Integration funktioniert nur dann, wenn Integrationsbereitschaft von beiden Seiten kommt. Wenn sich nur die eine Seite integrieren will und die andere Seite aber kein Interesse daran hat, dass Menschen egal welcher Couleur, im wahrsten Sinne des Wortes, partizipieren, dann wird Integration eben auch nicht funktionieren. Das heißt: Integration ist Aufgabe von uns allen. Egal welchen Background wir haben. Die eine Seite muss integrationsbereit und die andere Seite integrationsoffen sein.

Gibt es aber nicht auch Ausländer, die sich gar nicht erst nicht integrieren wollen?

Ja, da gibt es wahrscheinlich Menschen jeder Couleur. Aber wie ich schon sagte, ich glaube, dass im Großen und Ganzen die Integration klappt, wenn man sich auf einen Mindeststandard verständigt. Ich kenne auch niemanden, ehrlich gesagt, der hier nach Deutschland kommt und 1:1 so weiter leben möchte wie er es z.B. in Anatolien getan hat.

„Bei uns zu Hause spielte Nationalismus keine große Rolle.“

Ihre Mutter kam 1963 nach Deutschland. Sie kamen fünf Jahre später zur Welt. Welches Bild haben Ihnen denn Ihre Eltern als Kind von deren Heimatland Türkei vermittelt?

Für meine Eltern war die Türkei immer das Land, in das wir bald zurückkehren würden. Es war sozusagen eine Fata Morgana, wo alles, wenn wir erst mal da sind, besser werden würde. Wir wussten eigentlich nicht so viel über die Türkei. Wir fuhren zwar einmal im Jahr in den Urlaub dorthin. Mehr war die Türkei aber eigentlich ein Bild dafür, dass es eine Zukunft geben würde, die nicht in Deutschland stattfindet. Aber großartig viel gelernt über die Türkei habe ich nicht. Bei uns zu Hause spielte auch Nationalismus keine große Rolle. Es wurde nicht jeden Tag vorgebetet, wie toll es in der Türkei ist.

Aber dennoch wollte Ihre Familie immer zurück.

Das war so geplant.

Warum kam es dazu nicht?

Weil mein Vater 1984 starb, da war ich gerade 16 geworden, und meine Mutter mit vier kleinen Kindern in der Türkei allein nicht zurecht gekommen wäre.

Sie machen die Ängstlichkeit der Deutschen vor allem für Integrationsprobleme verantwortlich. Wieso sind gerade die Deutschen so ängstlich?

Die deutsche Ängstlichkeit ist ja nicht nur ein Problem bei der Integrationsdebatte, sondern überall. Ich glaube, dass das etwas zu tun hat mit Wohlstand. Ich glaube, dass der Wohlstand und die überbordende Fürsorglichkeit des Staates, wie wir es erlebt haben, dazu geführt hat, dass sich allgemein das Gefühl breit gemacht hat: Es kann uns nicht allzu viel passieren. Der Staat wird schon dafür sorgen, dass nichts schiefgeht. Es ist eine gewisse Art von Gemütlichkeit eingekehrt, die sich in vielen Themenbereichen äußert. Im Ausland macht man sich lustig über die „German Angst“. Das ist zu einem echten Begriff geworden. Ich glaube, das ist ein Problem, weil eben die Welt nicht still steht. Wir sehen ja, dass wir gerade einen Paradigmenwechsel in der Weltpolitik erleben. Dass das, was uns eben in der Vergangenheit Wohlstand beschert hat, nicht unbedingt so bleiben muss. Das verunsichert natürlich viele Menschen. Auf der anderen Seite glaube ich, dass wir als Gesellschaft als Staat bzw. als Wirtschaftsordnung auf einem soliden Fundament stehen, auf dem man aufbauen kann. Ich bin auch sehr glücklich, dass wir ein Sozialstaat sind. Ich habe auch in den USA gelebt. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, wo jeder für sich allein lebt und jeder sich selbst der nächste ist. Ich will schon eine solidarische Gesellschaft, aber ich finde auch, dass die Solidarität sich vor allem auf die Armen und Schwachen, also diejenigen die es brauchen, fokussieren sollte. Ich glaube, was wir als soziales Netz in den letzten Jahren aufgebaut haben, wird sich nicht durchhalten lassen, wenn wir so weiter machen.

In einem Artikel haben Sie die guten deutschen Tugenden als vorbildhaft herausgestellt. Gleichzeitig wollen Sie aber eine Tugend-Debatte anstatt einer Leitkultur-Debatte anstoßen. Denken Sie wirklich, dass Migranten in Deutschland so etwas noch hören wollen?

Ich glaube, gerade Migranten wollen das hören. Man kann diese Tugenden deutsche Tugenden nennen. Man kann sie aber auch einfach bürgerliche Tugenden nennen. Jedenfalls sind das Tugenden, die das Zusammenleben in einer Gesellschaft einfacher machen. Das sind keine Sachen, die exklusiv deutsch sind. Ich habe in meinem deutsch-türkischen Freundeskreis genügend Leute, die sich darüber aufregen, wenn sich Nachbarn beispielsweise nicht an diese Mindeststandards dessen, wie Zusammenleben funktionieren soll, halten. Ich glaube nicht, dass das irgendwie ein Thema ist, das nur Deutsche betrifft.

Da geht es um Pünktlichkeit, Disziplin, Verlässlichkeit…

Ja, genau solche Sachen. Ich habe als Jugendlicher auch über diese Sekundär-Tugenden gelächelt. Das war jugendliche Ignoranz. Aber je älter man wird, desto mehr sehe ich, dass es diese Dinge sind, die das Zusammenleben erleichtern.

„Eine türkische Tugend ist der familiäre Zusammenhalt“

Gibt es denn speziell türkische Tugenden?

Ja, die gibt es auch. Und da würde ich mich auch freuen, wenn sie sich hier durchsetzen würden. Beispielsweise den familiären Zusammenhalt. Während des Studiums war ich vollkommen geschockt, als mir ein Kommilitone erzählte, dass er sein Studium durch ein Darlehen seines Vaters bestreitet. Das wäre in einer türkischen Familie eigentlich undenkbar. Dass der Vater dem Sohn ein Darlehen gibt, das verzinst zurückerstattet werden muss, damit er studieren kann. Das ist doch klar, dass die Familie irgendwie zusammenhält und zusammenlegt, wenn es darum geht, dass einer aus der Familie studieren oder eine Ausbildung bekommen kann. Ich glaube, dass das eine türkische Tugend ist. Auch den Umgang zwischen Alt und Jung betrifft das. Natürlich sind diese Tugenden nicht in Stein gemeißelt. Auch die türkische Community in Deutschland unterliegt einem Veränderungsprozess und auch einem Anpassungsprozess. Die Familienstrukturen, so wie wir sie aus der Türkei kennen, werden nicht ewig bestehen bleiben. Aber umso wichtiger wäre es vielleicht, dass wir sie als gemeinsame Werte begreifen und versuchen zu erhalten.

Werden diesen türkischen Tugenden in den deutschen Medien zu wenig Beachtung geschenkt?

Ich glaube schon, ja. Standardbild von türkisch-stämmigen Familien hier in Deutschland ist doch dieses Zerrbild von der Tochter, die so gerne mal in die Disko gehen möchte, das dann aber nicht darf, dann aber doch macht, und dann lernt sie einen ganz tollen jungen Deutschen kennen. Dann will sie ihn heiraten und dann gibt es einen türkischen Ehrenmord. Das ist eher ein Bild, das die Sichtweise auf türkisch-stämmige Familien verzerrend transportiert, als das, das ich gerade gezeichnet habe.

Sie waren einmal WG-Partner von Cem Özdemir. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Ja, wir sehen uns ab und an.

Sie waren auch mal in der FDP, sind aber ausgetreten. Haben Sie ähnliche Ansichten wie Özdemir, was die Situation in Deutschland betrifft,?

Was Integrationspolitik angeht usw. gibt es sehr viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Bei anderen Themengebieten gibt es doch größere Unterschiede. Aber ich glaube, das ist auch ganz normal. Beim Thema Atomausstieg habe ich eine andere Ansicht als er. Auch beim Thema Verkehrspolitik habe ich andere Ansichten.

„Cem Özedemir und ich waren ein ganz gutes Team“

Sie meinen, wir sollten die Atomenergie noch länger nutzen?

Ich meine, dass kein Mensch, der ernsthaft noch bei Trost ist, Atomenergie gut finden kann. Aber ich meine auch, dass man das mit einem Ausstieg so machen muss, dass das funktioniert. Und dass es nicht darauf hinausläuft, dass wir abschalten und anschließend die Kernenergie aus der Ukraine oder der Tschechischen Republik beziehen, weil das genau die Art von Verlogenheit ist, die ich in anderen Themengebieten ja auch kritisiere. Mich stimmt das sehr bedenklich, dass so weit reichende Entscheidungen die der Atomausstieg übers Knie gebrochen werden. Es gibt entweder gute Gründe dafür oder dagegen. Aber dass man dann innerhalb von Stunden praktisch eine Politik auf den Kopf stellt, das kann nicht gut sein. Dann sehe ich auch, dass bei dem Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EEG), dessen Existenz ich sehr befürworte, große Fehlentwicklungen laufen. In den letzten drei Jahren wurden über 100 Milliarden Euro da reingebuttert über unsere Stromrechnung, vor allem in die Solarenergie. Aber gerade einmal 1,2 Prozent unseres Energiebedarfs kommt aus der Solarenergie. Warum? Weil wir hier in Deutschland nun mal keine Sonne haben. Wir haben nur 1.300 Stunden im Jahr. Da macht es keinen Sinn, in diese Industrie so stark zu investieren. Da habe ich keine andere Meinung als Cem. Auf jeden Fall kann ich sagen, was Cem und meine Zeit als WG-Partner angeht, das war eine gute Zeit. Wir waren ein ganz gutes Team.

Welche Erinnerungen haben Sie noch aus dieser Zeit – haben Sie eine kleine Anekdote für uns?

In der Wohnung unter uns gab es eine illegale Spielhölle. Manchmal klingelten nachts um drei Uhr Leute bei uns, die pokern wollten. Das waren häufig Leute, die nicht so vertrauensselig aussahen, dass man denen nachts die Tür öffnen möchte. Cem hatte ein bisschen Angst vor denen und hat dann immer seine Sicherheitsleute gebeten, dass sie ihn bis an die Tür nach oben begleiten. Ich fand das ein wenig übertrieben. Aber das war damals so. Ich war damals ja auch eng mit Guido Westerwelle befreundet. Man kam abends nach Hause und dann sitzt da der Joschka Fischer auf dem Sofa oder eben Westerwelle. Das war eine ganz gute Runde. Wir hatten damals häufig auch die ganzen Jungen aus der CDU zu Besuch, von denen ja aus der Politik fast alle was geworden sind. Also Eckart von Klaeden, der jetzt Staatsminister im Bundeskanzleramt ist, Pofalla oder Röttgen. Das war eine sehr gute Zeit fand ich.

Und sie haben dann gepokert während Cem Özdemir sich zurückgezogen hat?

Nein, nein, das ist ja illegal…

„Ich habe mich von der FDP sehr entfremdet“

Sie selbst sind jetzt aber gar nicht mehr politisch aktiv?

Schon seit vielen Jahren nicht mehr. Ich bin ja vor einigen Jahren noch einmal in die USA gegangen und war dann dort an einer Universität tätig. Ich muss auch sagen, dass ich mich dann irgendwann von der FDP sehr entfremdet habe.

Was waren die Gründe?

Für mich war die FDP attraktiv, weil sie in der Einwanderungspolitik und im Staatsangehörigkeitsrecht sehr eindeutige Positionen hatte. Nämlich für ein modernes Staatsangehörigkeitsrecht und für ein modernes Staatsbürgerschaftsrecht. Aber ich habe dann irgendwann realisiert, dass diese Themen für die FDP nur auf dem Papier wichtig sind. Das heißt, immer dann, wo es gesetzgeberisch darauf ankam, hat sie dann doch nicht das gemacht, was sie in ihrem Programm versprochen hatte. Zu einem ganz starken Bruch kam es für mich in den Jahren 1999, 2000 und dann noch einmal vor vier Jahren, als Roland Koch einen aus meiner Sicht wirklich widerlichen Wahlkampf geführt hat, hart an der Grenze dessen, was in einer demokratischen Republik von einer bürgerlichen Partei tolerierbar sein kann. Da hätte ich mir gewünscht, dass wir als FDP gesagt hätten: „So nicht, Herr Koch. Wir werden nicht mit jemanden koalieren, der so einen Wahlkampf auf dem Rücken einer Minderheit führt.“ Doch da habe ich vergeblich drauf gewartet. Ich habe damals sehr häufig mit Westerwelle und anderen gesprochen und habe ihnen beschrieben, auch in meinem persönlichen Umfeld ganz deutlich nachmessbar, dass die Stimmung innerhalb der Bevölkerung kippt. Dass plötzlich Leute sich Dinge erlaubten, Beschimpfungen, Sprüche, die aus meiner Sicht ganz klar auch mit dieser Enttabuisierung durch den Wahlkampf eines Roland Kochs zu tun hatte und wo ich dann einfach auch gesehen habe, dass das letzten Endes meine Parteifreunde nicht interessierte. Und zwar nicht eben Parteifreunde im Ortsvorstand von einem Dorf irgendwo in Bayern, sondern meine Parteifreunde im Bundesvorstand bis hin zum Bundesvorsitzenden.

Woran stellten Sie dies fest?

Westerwelle sagte mir irgendwann klar, ich solle mich nicht um solche Loser-Themen kümmern. Mit diesen Themen würde ich in der FDP keinen Blumentopf gewinnen. Aber der Punkt ist doch der: Ich bin ja nicht in die FDP oder überhaupt in die Politik gegangen, um einen Blumentopf zu gewinnen, sondern ich wollte in einem Themengebiet, das mir sehr wichtig ist und von dem ich glaube, dass es eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen überhaupt ist, Dinge mit beeinflussen können. Wenn ich dann irgendwann sehe, dass das als Loser-Thema praktiziert wird, dann ist es einfach Zeit sich zu überlegen, was man will. Und ich war nicht mehr FDP, um ein Mandat zu ergattern oder Karriere zu machen. Ich war vielleicht so naiv, dass ich gedacht habe, ich will Dinge bewegen. Wenn das nicht klappt, muss man sich irgendwann auch sagen: Pass auf, das hat nicht funktioniert. Und was diese ganze Steuer-Thematik angeht usw. da habe ich auch eine andere Meinung gehabt als die Parteispitze. Ich finde das Thema Steuern sehr wichtig, aber ich finde, es ist nicht das wichtigste Thema der Welt. Ich finde, dass Steuersenkungen gemacht werden sollten, wenn die Staatshaushalte in Ordnung sind. Das sind sie aber nicht. Wir sollten uns einfach mal überlegen, was wir unseren nachfolgenden Generationen an Haushalten hinterlassen wollen. Deswegen fand ich dieses ständige Schreien nach Steuersenkungen einfach nur vulgär. Ich verdiene gut als Anwalt. Wer gut verdient, der sollte sich auch an dem, was unser Staat kostet, was die Bildung kostet, beteiligen. Ich finde das fair.

„Westerwelle ist an dieser Stelle vollkommen unglaubwürdig.“

Eine Frage zu einem anderen Thema: Nervt Sie die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei?

Natürlich nervt sie mich. Aber ich glaube, die Gegner der türkischen Beitrittsbemühungen haben es geschafft. In Ankara oder Istanbul ist das Thema eigentlich durch. Ich unterhalte mich häufig sowohl mit Politikern als auch mit Privatleuten, die mittlerweile sagen: Eine Mitgliedschaft in der EU – das brauchen wir nicht. Wir müssen nicht das Gefühl haben, als geduldetes Land unter Umständen mitmachen zu dürfen. Dann machen wir es halt ohne die Europäer. Das ist wirklich sehr bedauerlich. Da haben wir eine Riesenchance verpasst. Die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Vielleicht irre ich mich ja. Vielleicht bin ich pessimistisch. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass da mittlerweile die Wunden so tief sind, und da muss man auch ganz klar sagen, dass die FDP als außenpolitische Partei, als Partei der Vernunft versagt hat.

Wobei ja Westerwelle kürzlich noch einmal für einen schnelleren Beitritt plädiert hat…

Er hat gesagt, man werde das weiter offen diskutieren und verhandeln. Doch er ist jetzt seit anderthalb Jahren Außenminister. Wenn er diese Meinung hat, was hat er denn getan bislang? Und Wikileaks entnehme ich das, was er mir auch schon einmal gesagt hat: „Dieses Land ist zu groß, das passt irgendwie nicht.“ Er ist an dieser Stelle vollkommen unglaubwürdig. Ich habe bereits damals in der Oppositionszeit auf einem Parteitag eine dezidierte Anti-Rede gegen einen Westerwelle-Antrag gehalten, der dort durchgebracht wurde, in dem es sinngemäß hieß: „Die Türken gehören irgendwie zu uns. Womöglich ist es denen auch nicht klar, dass die Mitgliedschaft auch Nachteile hat“. Als seien die Türken einfach zu blöd zu erkennen, was sie da tun. Außerdem sei die EU ja noch nicht soweit und die Türkei auch nicht. Es gebe ja auch kulturelle Differenzen. Was heißt denn kulturelle Differenzen? Das ist für mich persönlich als Deutscher türkischer Herkunft sehr wichtig, diese unterschwellige Message. Wenn nämlich festgestellt wird, dass die Türken irgendwie nicht zu uns passen kulturell, was ist dann eigentlich mit mir? Passe ich kulturell hier hin? Da wird mit einem Kulturbegriff hantiert, mit dem ich nichts anfangen kann. Ich begreife Kultur als etwas, was ständig im Fluss ist, was sich ständig bewegt, was auch nicht national eingrenzbar ist. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, es gibt eine deutsche Kultur. Es gibt eine deutsche Sprache, die sich in der Literatur kulturell ausdrücken kann. Sind Heinrich Heine oder Brecht Ausdruck deutscher Kultur? Sie würden sich wahrscheinlich eher sagen, wir sehen uns als Autoren in der und der Epoche. Deutsche Musik: Ist das deutsch? Sind die Söhne Mannheims deutsch? Ich weiß es nicht. Abgesehen davon, ich finde kulturelle Vielfalt gut.

„Das ist ein Türkeibild, das aus den 70er Jahren stammt“

Kann sich Europa denn überhaupt noch leisten, auf die Türkei zu verzichten angesichts des Wirtschaftsbooms, der dort stattfindet?

Also ich denke nicht, dass man das tun kann. Gerade Deutschland kann es nicht. Wir haben ja bereits seit 1996 die EU-Türkei-Zollunion. Seitdem haben sich die deutschen Exporte in die Türkei vervierfacht. Es gibt einen ganz klaren Handelsüberschuss. Ich glaube, wir haben da sehr viel mehr Chancen als Risiken. Ich finde, dass manche in der Politik mit einem Türkei-, aber auch mit einem Deutschland-Bild argumentieren, das so nicht mehr zutrifft. Das ist ein Türkeibild, das aus den 70er Jahren stammt und ein Deutschlandbild, wo wir so stark waren, dass wir es uns leisten können, unsere Freunde so zu verprellen. Ich glaube, das ist nicht klug. Aber ich freue mich sehr, wenn ich in Istanbul bin, ich sehe immer mehr junge Deutsche, die nicht nur zu Besuch kommen, sondern dort auch leben. Ich glaube, dass das auch der Türkei selbst sehr gut tut, dass sie sich mehr öffnet gegenüber Fremden. Für mich wäre es auch eine Traumvorstellung irgendwann zu sehen, dass jene Griechen, die in den 50er Jahren das Land verlassen haben, zurück kommen in ihre alte Heimat. Ich fände das ein tolles Zeichen eines wirklichen Europas. Ich glaube, dass in der Türkei-EU-Politik einiges falsch gelaufen ist. Aber was eine ganz gute, wichtige und eine weitreichende Entscheidung war: die türkischen Universitäten in das Erasmus-Programm aufzunehmen. Weil dadurch tatsächlich deutsche Studenten die Chance bekommen haben in der Türkei zu studieren und das Leben dort kennen zu lernen und türkische Studenten auch umgekehrt.

„Viele türkische Geschäftsleute haben die Schnauze voll“

Wie sollte es Ihrer Meinung nach nun weitergehen in den EU-türkischen Verhandlungen?

Vielleicht sollten wir jetzt das Ziel einer Vollmitgliedschaft weiter verfolgen. Aber bis dahin eben das Machbare auch machen. Zum Machbaren gehört eben auch eine erhebliche Lockerung der Visabestimmungen. Ich kenne viele türkische Geschäftsmänner, die einfach irgendwann die Schnauze voll haben, jedes Mal, wenn sie hierher kommen, stundenlang auf dem deutschen Generalkonsulat in Istanbul herum zu hängen und zu hoffen, dass ihr Antrag durchgeht. Das ist so antiquiert. Ich glaube, dass das auch der Psyche der beiderseitigen Beziehungen nicht gut tut. Ich habe türkische Kumpels, die totale Lust hätten, mal übers Wochenende hier nach Berlin zu kommen und das Land kennen zu lernen. Ich glaube, dass eine Abschaffung der Visabestimmungen eben nicht dazu führen würde, dass jetzt Hunderttausende Migranten hierher kommen würden. Im Falle von Rumänien und Bulgarien hat sich das auch nicht bewahrheitet. Das wäre doch mal eine Sache, die Herr Westerwelle hinkriegen könnte. Tut er das? Ich tippe, er wird es nicht tun, weil er einfach Angst hat. Er ist ein ängstlicher Typ. Er hat Angst davor, dass dann rechtsbürgerliche Wähler der FDP sagen würden: das wollen wir aber nicht. Das ist natürlich eine schwache Nummer. Er muss schon ein bisschen was zeigen, bevor ich seinen Worten Vertrauen schenke. Und das kann ich momentan nicht. Ich kenne Guido seit 25 Jahren. Wir kennen uns sehr gut. Wir haben zusammen Urlaub gemacht. Wir waren auch eng befreundet. Gerade weil ich ihn so gut kenne, möchte ich ganz gerne ein paar Taten sehen, bevor ich ihm das abkaufe.

Das Gespräch führte Felix Kubach

*Im Oktober 2011 (24.10.2011) erscheint von Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler das Buch „Kein schönes Land in dieser Zeit – Das Märchen von der gescheiterten Integration“ (Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06694-3)

Mehmet Gürcan Daimagüler studierte in Bonn, an der Harvard University sowie der Yale University. Er war Mitglied im Bundesvorstand der FDP. Seit seinem Austritt aus der FDP arbeitet er als Rechtsanwalt in Berlin.

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