Mächtigste Frau der Türkei: „Europa hat den EU-Beitritt auf Eis gelegt“

Die Unternehmerin Güler Sabanci spricht im Exklusiv-Interview zur Gleichberechtigung, Reformen und zum EU-Beitritt: Nun sei Europa am Zug.

Deutsch Türkische Nachrichten: Frau Sabanci, als Vorsitzende der Sabanci Stiftung haben Sie eine strategische Partnerschaft mit der Mercator Stiftung in Essen unterzeichnet und waren Gastrednerin der diesjährigen Mercator Lecture. Vor rund 300 Vertretern aus Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben Sie dabei über „Deutschland und die Türkei: Gemeinsame Lösungen für Globale Probleme“ gesprochen. Insbesondere in den Bereichen Energie, Klimawandel, Bildung und Gleichberechtigung haben Sie dabei auf die Notwendigkeit des Engagements der Zivilgesellschaft hingewiesen, um politische Defizite auszugleichen. Wie realisieren Sie diesen Ansatz in Ihren Unternehmen?

Güler Sabanci: Wir sind ein Mischkonzern mit fünf Geschäftsbereichen. Unsere Kerngeschäfte sind Banken und Versicherungen, Zement, Energie und Einzelhandel. Das heißt, wir profitieren schon jetzt mit unseren regionalen und globalen Aktivitäten von Fortschritt und Modernisierung in der Türkei. Zu unseren ausländischen Partnern gehören z.B. Carrefour Supermärkte und Heidelberg Cement. Aber insgesamt brauchen wir noch mehr Partner und noch mehr Kooperationen.

Aus geschäftlicher Perspektive gab es noch nie Schwierigkeiten zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen türkischen und deutschen Firmen oder deutschen und türkischen Firmen. Deutschland ist ein ernstzunehmender Investor in der Türkei. Der bilaterale Handel hat 2010 mit 26 Milliarden Euro ein neues Hoch erreicht. Rund 100.000 türkische Geschäftsleute beschäftigen 400.000 Menschen in Deutschland. Es ist also offensichtlich, dass es in der Geschäftswelt keine Probleme gibt.

Auch im Bereich der Zivilgesellschaft gibt es keine Probleme: Die Konrad Adenauer, die Heinrich Böll und die Friedrich Naumann Stiftung sind in der Türkei aktiv. Dazu kommt nun die Partnerschaft zwischen der Sabanci und der Mercator Stiftung: Wir werden uns mit Klimawandel, Bildung, und der gemeinsamen Herangehensweise an die Zukunft Europas und die EU-Türkei Beziehungen beschäftigen. Wie wollen Türken und Deutsche diese globalen Herausforderungen beantworten? Wie werden sie Wirtschafts- und Energiepolitik gestalten? Was wird die gemeinsame Position bei G-20 Treffen sein? Dazu wollen wir in den nächsten fünf Jahren Antworten finden. Es ist also offensichtlich, dass wir auch auf der Stiftungsebene keine Probleme haben.

Also frage ich Sie: Wo haben wir Probleme? Wir haben sie auf politischer Ebene. Da gibt es mehr oder weniger offensichtliche Agenden und Absichten, da gibt es europäische Probleme. Und das sind die Probleme, die wir überwinden müssen.

Sowohl die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel, der Multikulti-Ansatz sei gescheitert, als auch Premierminister Erdogans Appell, alle jungen Türken müssten zuerst Türkisch und dann Deutsch lernen, sind auf große Kritik gestoßen. Glauben Sie daher, dass die politische Elite ihren Standpunkt sowohl hierzulande als auch in der Türkei überdenken und revidieren muss? Oder gehen Sie davon aus, dass die wirtschaftlichen Entwicklungen die Politik solcherart beeinflussen werden, dass eine Veränderung von allein folgt?

Es ist offensichtlich – und ich will hier nicht mit dem Finger auf den einen oder anderen zeigen – dass die EU-Politik, Deutschland eingeschlossen, noch nicht bereit ist. Es ist offensichtlich, dass sie diejenigen sind, die den türkischen Bewerbungsprozess unterstützen und führen können. Die Türkei hat ihre Absichtserklärung auf den Tisch gelegt. Wir haben uns beworben. Also sind wir der Beteiligte, der seine Interessen klar formuliert hat. Und entsprechende Reformen vorgenommen hat. Also ist nun der andere Beteiligte am Zug. Ich will nicht in die Details des politischen Tagesgeschäfts gehen, oder wer was gesagt hat. Aber es ist offensichtlich, dass Europa und nicht die Türkei das Thema zurzeit auf Eis gelegt hat.

Wo glauben Sie werden wir in 10 Jahren sein?

Das kann man nie wissen. Aber ich bin ein Optimist. Die Demokratie ist ein wunderbares System. Es bringt Veränderung mit sich. Es gibt Wahlen. Und es gibt Richtungsänderungen. Ich bleibe zuversichtlich.

In Bezug auf die Beziehungen zwischen Türken und Deutschen hierzulande, auf Ihr großes Engagement für die Rechte von Frauen und Mädchen in der Türkei und Ihren eigenen herausragenden Erfolg als die mächtigste Frau in der Türkei: Haben Sie eine Botschaft für die Türkinnen der zweiten und dritten Generation in Deutschland, die die Türkei niemals wirklich kennen gelernt haben?

Ich würde ihnen sagen, dass sie ihre Verbindung zur Türkei nicht verlieren sollten. Sie sollten in die Türkei fahren und das Land erforschen und kennen lernen. Ihr Wissen über die Türkei wird zukünftig nicht nur ihnen, sondern auch Deutschland helfen.

Haben Sie eine Botschaft auch für junge deutsche Frauen?

Für alle Frauen, egal ob türkisch, deutsch oder welcher Abstammung auch immer: Dass Deutschland eine Frau zur Kanzlerin gewählt hat heißt noch lange nicht, dass alle Frauenfragen und Fragen zur Gleichberechtigung geklärt sind!

Interview: Regina Körner


Güler Sabanci:

Güler Sabanci, 56, leitet mit der von ihrem Onkel gegründeten Sabanci Holding den zweitgrößten Mischkonzern der Türkei. Die Sabanci Holding beschäftigt rund 65.000 Mitarbeiter in 70 Firmen und 15 Ländern. Die Unternehmerin wird regelmäßig von Publikationen wie Fortune, Forbes und Financial Times zu den einflussreichsten Frauen der Welt gezählt. Sie steht der Sabanci Universität und der Sabanci Stiftung vor. Sie setzt sich für Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung ein. „Unser Unternehmen hat zwei Seiten: das Geschäft und die Menschenliebe – würden wir nur an die Aktionäre denken, könnten wir nicht erfolgreich sein.“

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