Warum die Türkei eine Insel der Stabilität ist

"Wo die Politik versagt, muss die Zivilgesellschaft einspringen", sagt die türkische Unternehmerin Güler Sabanci. In einem Vortrag im Rahmen der vierten Mercator Lecture der gleichnamigen Stiftung in Essen sprach sie über den Klimawandel, den Energiebedarf von Europa und die Verantwortung der Zivilgesellschaft.

„Regierungen kommen und gehen. Aber Beziehungen bleiben. Und diese Beziehungen können besser werden, wenn wir zusammen daran arbeiten.“ Güler Sabanci, auf den Listen von Forbes, Fortune oder Financial Times immer ganz weit oben auf der Liste der einflussreichsten Frauen der Welt, wünscht sich mehr von diesen Beziehungen und mehr Einsatz für diese Beziehungen. Das machte die Unternehmerin, die mit der Sabanci Holding dem zweitgrößten Mischkonzern der Türkei vorsteht, einem erlesenen Publikum von rund 300 hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bei der vierten Mercator Lecture der Mercator Stiftung in Essen klar.

„Die EU ist die Bestimmung der Türkei“

Güler Sabanci sprach als Vertreterin der von ihrer Familie gegründeten Sabanci Stiftung. Weder zu den Wahlen, noch zum EU-Beitritt, noch zur Zypern-Frage wollte die 56-Jährige, die sich in der Türkei auch über die Sabanci Universität für Frauenfragen, Gleichberechtigung, Liberalisierung und Demokratisierung einsetzt, direkt Stellung beziehen. Aber für sie ist klar: Die Türkei als stabile, säkulare Demokratie kann und sollte das entscheidende Bindeglied zischen der EU und dem Mittleren Osten, Zentralasien und dem Kaukasus sein.

„Die Türkei ist eine Insel der Stabilität in Zeiten der Unruhe“, sagte Sabanci mit Blick auf den arabischen Frühling und die Finanzkrise in der EU. „Mitgliedschaft in der EU ist keine Revolution, sondern eine Evolution, sowohl für die Türkei als auch die EU.“ Dass die Türkei irgendwann vollwertiges Mitglied der EU sein wird, steht für die Unternehmerin außer Frage. „Die EU ist die Bestimmung der Türkei“, sagte sie.

Zivilgesellschaftliches Engagement: Strategische Partnerschaft zwischen der Mercator und Sabanci Stiftung

Notwendig dafür seien besseres Verständnis, mehr Austausch und mehr Zusammenarbeit. „Wir brauchen kluge Köpfe, um gemeinsam Lösungen für die Zukunft zu finden“, betonte Sabanci. Bei ihrem Besuch unterschrieb sie daher ein strategisches Partnerschaftsabkommen mit der Mercator Stiftung. Bildung und das Engagement der Zivilgesellschaft – auch in Form von Stiftungen – seien maßgeblich, um das Zusammenwachsen Deutschlands und der Türkei zu fördern.

Als ausführender Arm soll das an der Sabanci Universität angesiedelte Istanbul Policy Center weiter als „Think-Do-Tank“ mit den Schwerpunkten Klima/Energie, Bildung, und deutsch/europäisch-türkische Beziehungen ausgebaut werden und sich neben wissenschaftlichen auch in Praxisprojekten engagieren.

„Wo die Politik versagt, muss die Zivilgesellschaft einspringen“, forderte sie mit Blick auf die auch von Deutschland und Frankreich geprägten zähen EU-Beitrittsverhandlungen, die Integrationsdiskussion in Deutschland, und das schleppende internationale Engagement für ein Klima Abkommen.

Türkei als Garant für europäischen Energiebedarf

Die Sabanci Holding will in vier Jahren zehn Prozent des türkischen Energiemarktes kontrollieren und bis dahin 5.5 Milliarden Euro investieren. Laut Greenpeace International hat die Holding den Ruf, sich für erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit einzusetzen, auch wenn Sabanci Atomenergie als Brückentechnologie für notwendig hält. „Die Türkei plagt das gleiche Dilemma wie andere Schwellenländer“, erklärte Sabanci. „Es gilt, eine Balance zwischen der Notwendigkeit, den Klimawandel zu stoppen und den Bedürfnissen einer jungen Bevölkerung zu finden, die an Modernisierung und Globalisierung teilhaben möchte.“

Für Güler Sabanci sind Energie, Klimawandel und Nachhaltigkeit daher zentrale Themen, auch aus Sicht der Türkei. Die Türkei könne mit der entsprechenden Infrastruktur das Bindeglied zwischen 70 Prozent der Weltvorkommen von Öl und Gas im Mittleren Osten, Kaukasus und der Kaspischen Region und der EU sein – dem zweitgrößten Energiemarkt der Welt. Auch deswegen sei es so dringlich, neben an Nachhaltigkeit orientierten wirtschaftlichen Partnerschaften wie mit Heidelberg Cement oder dem österreichischen Energieversorger Verbund über zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit wie am Istanbul Policy Center neue Lösungswege zu finden.

„Die Türkei ist ein wichtiger Baustein für die Energiesicherheit in Europa“, erklärte die Trägerin zahlreicher internationaler Auszeichnungen. Sie könne als Energiebrücke zwischen den rohstoffreichen Regionen im Süden und Osten und den Märkten der EU dienen. Klimaschonendes Handeln sei dabei eine Investition in die Zukunft. „Unsere Nation muss nachhaltige Ressourcen schaffen, um ihr volles Wachstumspotential zu realisieren“, betonte sie.

Die Zusammenarbeit der beiden Stiftungen solle dazu beitragen, dass sich Deutschland und die Türkei in einem neuen Licht sehen können und Denkweisen geändert werden. „Wir werden dieses Ziel mit Vertrauen, Ehrgeiz und großer Hoffnung auf eine bessere Zukunft verfolgen“, sagte Sabanci.

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