Glaube oder Nichtglaube: Reine Privatsache!

Niemandem dürfen durch seine Religiosität, aber auch durch seinen Agnostizismus, Nachteile entstehen.

In der Türkei wird mehr und mehr über die Rolle der Religion im gesellschaftlichen Leben diskutiert. Auch wenn sich einige Intellektuelle in den Medien fragen, wie es so weit kommen konnte und sich nach den alten laizistischen Tagen sehnen, kann diese Entwicklung als die erste Stufe einer Normalisierung gesehen werden.

Die Tage, in denen jeder seine Religiosität verheimlichen musste, wenn er im öffentlichen Dienst, im Militär oder auch in vielen Betrieben der Privatwirtschaft bleiben wollte, scheinen vorbei zu sein. Dieser Zustand war nicht normal. Ehefrau, Kinder, Bekannte und Eltern wurden ausspioniert. Wenn die Ehefrau ein Kopftuch trug, war dies Grund genug für ein Disziplinarverfahren. Diejenigen, die von einem derartigen System profitierten, verbreiten nun unter den „modernen“ Türken die Angst, dass sie seit langem weniger Freiheiten haben. Sie sprechen vom gesellschaftlichen bzw. sozialen Druck, eine Begrifflichkeit, die sie vom türkischen Soziologen Serif Mardin falsch übernehmen und nur halb verstanden haben. Auch das kleinste Anzeichen von Religiosität sehen sie als Gefahr. Dass an Universitäten immer mehr Studentinnen ein Kopftuch tragen, ist für sie eine Bestätigung. Dass es jahrzehntelang gänzlich verboten war, ein Kopftuch zu tragen und jetzt erst erlaubt ist, scheint in Vergessenheit geraten zu sein.

Außer den alten laizistischen Garden glaubt allerdings niemand mehr an diese Gefahr. Aber auch die Gläubigen dürfen bei der Diskussion über Religionsfreiheit nicht außen vor gelassen werden. Denn Religionsfreiheit bedeutet nicht nur Freiheit der Religionsausübung, sondern auch Freiheit, über Religion selbst zu entscheiden. Sie müssen lernen, Menschen, die anders leben, zu tolerieren. Wenn es eine Elite gibt, die gerne Weihnachten nachahmt, müssen sie damit leben.

Diese gegenseitige Toleranz ist vor allem ein rationaler Grundsatz friedlichen Zusammenlebens. Die Laizisten, die Kopftücher als Gefahr sehen, zerstören das friedliche Zusammenleben genauso, wie auch gläubige Muslime, die sagen, dass Frauen ohne Kopftücher die Gesellschaft kaputt machen. Bei Fanatikern der beiden Seiten gibt es Schablonen, in die sie die gesamte Bevölkerung stecken wollen.

Für die Gläubigen kommt hinzu, dass der Islam vorschreibt, dass es keinen Zwang im Glauben geben darf. Denn in Gesellschaften, in denen Religion aufgezwungen wird, muss jeder religiös aussehen, nicht aber wirklich fromm sein. Die Folge ist, dass die Menschen mit mehreren Gesichtern leben. Der Iran verdeutlicht dies. Frauen legen bei Überschreiten der Luftgrenze schon im Flugzeug ihr Kopftuch ab und bestellen alkoholische Getränke. Eine derartige Gesellschaft lehnt der Islam ab. Wahrer Glaube kommt von innen und nicht von oben. Er kann nur dann entstehen, wenn der Mensch frei entscheiden und leben darf.

Jeder muss also so leben können, wie er will. Jeder muss den anderen so akzeptieren, wie er ist. Nur so ist ein friedliches Miteinander möglich. Dies gilt im übrigen nicht nur für die Türkei.

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