Türken in Angst: „Norwegen hat seine Unschuld verloren“

Die türkische Community in Norwegen fürchtet sich vor wachsender Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie. Kurz nach dem Doppel-Attentat vom vergangenen Freitag sind sie in Sorge, dass ein solches Massaker schon bald wieder geschehen könnte.

76 Menschen hat der Attentäter Anders Behring Breivik auf dem Gewissen. Im Osloer Regierungsviertel und auf der Ferieninsel Utoya richtete er ein Massaker unvorstellbaren Ausmaßes an – und das in einem Land, das seit dem Zweiten Weltkrieg den Begriff „Gewalt“ nicht einmal in ihrem Wortschatz zu haben schien.

Manifest von Breivik gibt Anlass zur Sorge

Mit dem 22. Juli 2011 hat sich das dramatisch verändert. Nicht nur die Einheimischen befinden sich im Schockzustand. Auch die in Norwegen lebenden Türken sind voller Angst. Wie Hatice Elmacıoğlu, Vorstand der Vereinigung für türkische Angelegeneheiten in Norwegen, erklärt, sei es vor allem das 1500 Seiten starke Manifest Breiviks, das Sorge bereitet. „Es ist wirklich erschreckend zu sehen, dass es im Internet Menschen gibt, die dieses Manifest unterstützen“, so Elmacıoğlu. Für ihn gehören die beiden Anschläge vergangener Woche zu den schlimmsten Massentötungen, die Norwegen und auch die Weltgeschichte, gesehen hat.

„Wir können es nicht glauben. Da draußen auf den Straßen hat Norwegen seine Unschuld verloren. Wir schauen nacheinander“, so Elmacıoğlu, deren Büro sich ebenfalls im Osloer Regierungsviertel befindet, weiter. Besonders Zügen gegenüber sei man jetzt besonders misstrauisch. Über die Ereignisse am Freitag berichtet sie: „Wir hetzten in Richtung Fenster und sahen dicken, schwarzen Rauch. Es hat ungefähr eine halbe Stunde gedauert bis wir realisiert hatten, dass es sich um eine Bombe handelte.“ Schnell habe es Neuigkeiten im Internet gegeben. Gegen 17.45 Uhr als sie dann auch noch von der Schießerei in Utoya hörte, verließ sie die Arbeit. Sie hätten etwas erlebt, was sie nie für möglich gehalten hätten, wenn wir es nicht selbst mitgemacht hätten. Zuerst hätten sie sogar an einen schlechten Scherz geglaubt.

Wachsende Ausländerfeindlichkeit in Norwegen

Doch der Albtraum könnte weiter gehen. Laut Elmacıoğlu gibt es in Norwegen Anzeichen für eine zunehmende Ausländerfeindlichkeit. Bisher hatte jedoch niemand geglaubt, dass man von einer solchen Attacke heimgesucht werden könnte. „Ungefähr vor einem Jahr gab es einen Artikel, der vor dieser Bedrohung warnte. Doch niemand konnte sich vorstellen, dass ein Norweger aus Norwegen die Hölle machen würde.“

Dort, wo sie selbst lebt, gäbe es viele soziale Aktivitäten, die gerade die Wichtigkeit von Multikulturalität besonders hervorheben würden.Dennoch, ihrer Meinung nach sollte die norwegische Polizei gerade jetzt verstärktes Augenmerk auf Treffen rechter Gruppen haben.

Türken in Norwegen müssen aus dem Massaker lernen

Die Vorfälle vom Freitag, da ist sie überzeugt, haben die Norweger noch dichter aneinander rücken lassen. Gemeinsam würden sie demonstrieren, dass sie diese Ereignisse in Solidarität durchstehen würden. Auch die Politik präsentiere sich so. Sie hoffe, dass auch der rechte Flügel künftig vorsichtig agiere.

Für Elmacıoğlu, von denen zwei Freunde noch immer ihre Kinder, die in das Massaker verwickelt waren, vermissen, ist es wichtig, dass auf der anderen Seite aber auch die Türken in Norwegen etwas aus dieser Sache lernen. „Wir müssen mehr Initiative zeigen, Brücken bauen, uns deutlicher artikulieren und Islamophobie bekämpfen.“

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