Das Horst Mahler Paradoxon

Horst Mahler ist ein bekannter Wort- und Ideengeber der rechtsradikalen Szene, stellt für viele politisch interessierte Zeitgenossen eine bemerkenswerte, widersprüchliche als auch scheinbar paradoxe Entwicklung ohne Beispiel dar. Zumindest auf den ersten Blick.

Als Nachkriegskind engagierte er sich für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), bei Linken und auch in linksextremistischen Kreisen. Er gilt als Mitgründer der Roten Armee Fraktion (RAF), von denen er sich 1975 distanzierte und lossagte.

Es erfolgte eine zunächst für viele sehr bemerkenswerte Metamorphose. Überraschend wandelte sich Horst Mahler von einem ehemals Linken, danach Linksextremisten hin zu einem Rechtsextremisten, unterstützte dabei die NPD. Wegen verfassungswidrigen Äußerungen, darunter Holocaustleugnung, antisemitischen und neonazistischen Äußerungen erhielt er Geld- und Haftstrafen.

Dieses Phänomen, dass sich Leute entgegen ihren ursprünglich vertretenen Standpunkten und politischen Idealen um 180 Grad radikal wandeln können, ist bis heute für viele ein großes Paradoxon und unerklärlich. Wie kann sich ein Mensch dermaßen ändern? Horst Mahler ist nur ein Beispiel von solchen politischen Wandelungen. Es gibt auch ähnlich extreme Beispiele, gerade im Hinblick zum heutigen Rechtspopulismus und ihren öffentlichen Wortführern.

Wenn wir uns aktuelle Wortführer des rechtspopulistischen, öffentlichen Diskurses betrachten, sehen wir vergleichbare Metamorphosen. Da wundert man sich über MeinungsführerInnen der Islamophobie und Minderheitenfeindlichkeit, die bis vor zehn Jahren und sogar bis vor drei bis vier Jahren als politisch gemäßigt, als Liberale oder Linke galten, plötzlich die Seiten gewechselt haben und einen ethno-kulturellen Nationalismus entwickeln und vorantreiben. Früher wurde von ihnen Sozialdarwinismus und Rassismus bekämpft und heute stellen sie sich an die Seite derer, die sozialdarwinistische, rassistische Ideen und Ideologien vertreten.

Was ist passiert, dass sie gegen Minderheiten hetzen?

Und wieder wundern sich einige Beobachter dieser Entwicklungen verblüfft, dass scheinbar paradoxe, quasi widersprüchliche Verhaltensweisen auftreten. Und man fragt sich, ohne es aber besonders in der Öffentlichkeit zu debattieren, was in der Zwischenzeit passiert ist, dass ausgerechnet jene, die früher immer für Gerechtigkeit, Gleichheit und gegen Rassismus gekämpft haben, heute gegen Minderheiten hetzen, Menschen aufgrund Herkunft und Kultur demonisieren und an forderster Front die Rechtspopulisten mit Ethnorassismus und Kulturrassismus bedienen, sogar deren Wortführer und Ideengeber stellen.

Namen gibt es viele, seien es Autoren, politisch aktive Personen oder auch Medienvertreter. All diese Personen legen im Gegensatz zu früheren Zeiten rechtspolistische Positionen an den Tag, dass ehemalige Weggefährten und Freunde sich nur wundern und keine Antwort darauf finden, wie es denn sein kann, dass sich ein Mensch dermassen radikal wandeln kann. Sogar in manchen Fällen das honorige Lebenswerk aufs Spiel setzen, wie vielfach gesagt wird. Gleichzeitig kann man aber durchaus erkennen, dass die Betreffenden manchnal mit sich hadern. Sie sind sich also ihrer neuen paradoxen, widersprüchlich gewandelten Rolle durchaus bewusst.

Ehemalige Opfer werden Rechtspopulisten

Interessant ist auch folgende Beobachtung. Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, somit als ethnische oder religiöse Minderheit selbst Opfer von Rechtspopulismus, Chauvinismus und Rassismus wurden, auch da sieht man solche scheinbar paradoxen Persönlichkeitsentwicklungen, die nun völlig unerwartet selbst auf der Welle des Rechtspopulismus mitschwimmen. Es geht nun nicht mehr gegen sie selbst, sondern gegen andere und man kann sich dabei noch profilieren, wird hofiert, bekommt als Belohnung Preise und gesellschaftliche Anerkennung. Dabei sieht man insbesondere, wie sie ihre Herkunft und daraus abgeleitete vorgebliche Glaubwürdigkeit gezielt dafür missbrauchen, rechtspopulistische Standpunkte gesellschafts- und salonfähig zu machen. Das ist insofern ein sehr perfides Spiel, da allgemein aufgrund der Herkunft vielfach eine vermeintliche Seriösität abgeleitet wird und deren rechtspopulistische Positionen als auch Rassismen somit kaum hinterfragt oder kritisiert werden. Nach dem Motto, wenn jemand einst Opfer von Rassismus und Unterdrückung wurde, könne derjenige niemals rassistisch sein und wäre bereits deswegen immun dagegen.

Man sieht dieses Paradoxon schließlich auch bei der Partei Die Linken, um hier ein Beispiel anzuführen, wo nach Umfragen eine irritierend mehrheitliche Zahl an Parteimitgliedern rechtspopulistischen und sogar sozialdarwinistisch-rassistischen Publikationen zustimmen. Ehemals Internationalisten, Anti-Nationalisten, die sich für die Bruderschaft der Völker einsetzten, sind heute selbst vielfach Vertreter von Monokultur-Ideologismen, Ethnorassismus und Vorurteilen geworden.

Trittbrettfahrer verraten ihre einstigen Ideale

Wie kann man nun dieses Phänomen erklären? Ich bin leider kein Soziologe und eine wissenschaftliche Studie oder Publikation in der Richtung ist mir bisher nicht bekannt. Allerdings denke ich, dass es eine durchaus einfache Erklärung für dieses Phänomen geben könnte: Trittbrettfahrer! Also Menschen, die aus persönlichen Profit-Interessen und Zielen heraus die zuvor vertretenen Ideale verraten. Teilweise steigern sie sich so sehr in ihre neue Rolle hinein, dass sie ihre 180 Grad Wendung nicht mal selbst bemerken oder sind sich dessen bewusst, es aber vehement abstreiten und verleugnen. Um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, dass man seine demokratischen, humanistischen und ethischen Ideale verraten hat, finden sich wüste Beschimpfungen gegenüber jenen Menschen, die weiter für Demokratie, eine offene und liberale Gesellschaft, für ein Miteinander von Menschen verschiedenster Kultur und Herkunft und in dieser Hinsicht für Prinzipientreue stehen.

Prinzipientreue sind heute zunehmend in der Minderheit und wurden auch bereits im öffentlichen und politischem Diskurs aus den eigenen Reihen neutralisiert und ausgegrenzt mit Kampfparolen wie deutsche Minderheiten-Umarmer, Gutmenschen vom Dienst, Toleranzfanatiker, Multikulti-Illusionisten, xenophiler Einäugiger und unbelehrbarer Beschwichtigungsdogmatiker.

Ich schrieb, dass solche Leute ihre Ideale verraten haben. Somit unterstelle ich, dass sie zuvor tatsächlich liberale, linke, sozialdemokratische Ideale hatten und nicht etwa auch hierbei lediglich nur Trittbrettfahrer der 68er Generation und Bewegung gewesen sind.

Für persönliche, politische oder egoistische Ziele, die vielfach aber auch nur finanzieller Art sind, haben viele dem Teufel ihre Seele verkauft. Sie schwimmen auf dem Strom des neuen Rechtspopulismus und es ist die Frage, in was für eine Gesellschaft und Zukunft es uns führt.

Horst Mahler, der die Umvolkungstheorie populär machte (Deutsche würden aussterben und würden ohne es zu wollen, rassisch ausgedünnt), für Monokultur und Monoethnizismus steht, wurde im Jahre 2009 wegen Volksverhetzung zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt. Er dürfte sich angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen mittlerweile ungläubig die Augen reiben. Andere sind draussen nun große Helden, er dagegen ist der gescheiterte Trittbrettfahrer, der nur zum falschen Zeitpunkt auf das falsche Pferd gesetzt hat. Hätte er nur 20 Jahre gewartet, wird er sich jetzt sagen, wäre er sicher auch ein großer Held des neuen Rechtspopulismus geworden. Braune Neonazi-Flecken auf der Weste stören dabei nicht, wie die FPÖ in Österreich, verschiedene neue rechtspopulistische Neuparteien in Deutschland oder auch die Front National in Frankreich eindrucksvoll beweisen.

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