IGMG: „Wir arbeiten für das Gemeinwohl unserer Heimat Deutschland!“

Der neue Vorsitzende der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), Kemal Ergün, sagt im Interview: Wir wollen, dass es unserer Heimat Deutschland gut geht. Deswegen holen wir die Jugendlichen, die mit der Bierflasche herumlungern, von der Straße und versuchen ihnen beizubringen, was sie für die Gesellschaft in Deutschland leisten können. Was der Verfassungsschutz über die Bewegung berichtet, hält Ergün für „grotesk“.

Die älteste von türkischstämmigen Muslimen gegründete islamische Organisation in Deutschland und in Europa, die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs, steht wegen der Beobachtung durch den Verfassungsschutz und staatsanwaltlicher Ermittlungen häufig im Mittelpunkt der medialen Öffentlichkeit. Doch es fehlt an konkreten Beweisen. Weder Verfassungsschutz noch Staatsanwaltschaft konnten diese liefern. Überdies wird nahezu allen islamischen Organisationen vorgeworfen, antidemokratisch zu sein und ihren Vorstand nicht durch Wahlen zu bestimmen. Die IGMG bewies jedoch mit der Wahl ihres neuen Vorsitzenden, Kemal Ergün, auf ihrer Vollversammlung im Mai, dass der Vorwurf schlechthin unwahr ist. Der junge Vorsitzende hat Islamwissenschaften an der ehrwürdigen Al-Azhar Universität in Ägypten studiert. Ergün hat der Gemeinschaft zunächst als Imam und später als Regionalverbandsvorsitzender in der Region Köln gedient und ist somit mit den Problemen der Muslime in Europa sowie möglichen Lösungswegen bestens vertraut.

ZİVER ERMİŞ – KÖLN

Die Vielzahl islamischer Organisationen in Deutschland wirft aus Sicht der deutschen Politik häufig die Frage auf, welche dieser Gemeinschaften als „Körperschaft des Öffentlichen Rechts“ in Frage kommt oder als Träger des Religionsunterrichts heranzuziehen ist. Hierzu wurde im Jahre 2007 unter Zusammenkunft der vier großen islamischen Organisationen in Deutschland der Dachverband „Koordinationsrat der Muslime“ (KRM)als möglicher Kooperationspartner gegründet. Das hat uns alle sehr erfreut. Doch heute stellt sich die Frage, ob der KRM stagniert. Warum?

Der KRM ist das Ergebnis einer langen, produktiven Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften. Als Vorsitzender des IGMG-Regionalverbands Köln habe ich mich aktiv an den Gesprächen beteiligt. Meiner Meinung nach erwies sich der KRM in drei Bereichen als nützlich. Er bot dem Austausch zwischen den islamischen Gemeinschaften eine Plattform. Wir lernten einander näher kennen. Zuvor kamen wir bedauerlicherweise nur bei diversen Rezeptionen zusammen. Auch wenn unsere Methoden unterschiedlich sind, gleichen sich unsere Zielsetzungen. Das ist eine gemeinsame Feststellung. Gleichwohl ist es ein offenes Geheimnis, dass zur Erreichung unserer Zielsetzung konkrete Schritte notwendig sind. Zu meinen, dass diese Schritte erfolgt sind, wäre nicht ehrlich gegenüber uns selbst und gegenüber der Community und es wäre realitätsfern. Doch damit der KRM sein Ziel erreicht, müssen die Religionsgemeinschaften ihren Dialog untereinander intensivieren. Wir müssen uns doch eingestehen, dass insbesondere das Hauptziel des KRM, also die Entwicklung von islamischen Religionsgemeinschaften auf Grundlage der Zusammenkunft aller Moscheegemeinden in den Bundesländern, noch nicht verwirklicht werden konnte. Dabei ist dies der beste Weg, den Herausforderungen zur Bewältigung der gemeinsamen Vertretung der Muslime zu begegnen, allen voran dem Vorwurf des fehlenden Ansprechpartners entgegenzuwirken. Diese Struktur wird allen Moscheegemeinden gegenüber offen sein und zu Synergien zwischen den Gemeinden führen sowie eine breite Akzeptanz der muslimischen Vertretungen ermöglichen. Wir werden in Zukunft unseren Austausch intensivieren, um dieses Ziele zu erreichen. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass wir stärkere Solidarität zeigen müssen, wenn eine der Gemeinschaften zu Unrecht beschuldigt wird.

Sie beziehen sich damit offensichtlich auf das Verhalten der anderen KRM-Mitglieder nach dem Ausscheiden des Islamrats aus der Islamkonferenz. Als Grund wurden jedoch die Ermittlungen gegen die IGMG angegeben.

Dass die Verfassungsschutzberichte unrechtmäßige Aussagen über uns treffen, ist gerichtlich erwiesen. Während das Grundgesetz eine pluralistische Gesellschaftsordnung vorsieht und es damit für die Muslime die Grundlage ihrer Anliegen nach gleichberechtigter Teilhabe ist, grenzt der Verfassungsschutz mit seiner verfassungswidrigen Bewertung des religiösen Lebens die Muslime aus. Während also die religiöse Praxis der Muslime unter dem Schutz des Grundgesetzes steht, wird es mit Hinweis auf „mögliche zukünftige Gefahren“ als Hindernis zur umfassenden gesellschaftlichen Partizipation dargestellt. Was der Verfassungsschutz hier über unsere Gemeinschaft behauptet, ist nicht nur grotesk, sondern das Fatale ist ja gerade, dass es auch im Widerspruch zum Freiheitsverständnis des Grundgesetzes steht. Um es zu konkretisieren; eine Behauptung ist zum Beispiel, dass unsere „auf Stärkung der eigenen religiösen und kulturellen Identität und Bewahrung vor einer Assimilation an die deutsche Gesellschaft ausgerichteten Bestrebungen“ geeignet seien, „die Entstehung und Ausbreitung islamistischer Milieus in Deutschland zu fördern“. Dieser Vorwurf bedarf keiner weiteren Erläuterung denke ich. Dabei ist die deutsche Verfassung eine der freiheitlichsten Verfassungstexte überhaupt. Da dies unser Grundverständnis ist, können wir also nicht in Disharmonie mit der Verfassung stehen. Ganz im Gegenteil, wir setzen uns für die Wahrung der Verfassung und gegen die Einschränkung von Freiheitsrechten ein.

Also wird ihre Organisation falsch dargestellt?

Es wird der Schein erweckt, als ob im konkreten Fall die Mitglieder unserer Gemeinschaft und im Allgemeinen die Muslime insgesamt, insgeheim eine nach außen hin geheim gehaltene Tagesordnung hätten. Dabei wollen wir ausgehend von der Religionsfreiheit in Deutschland unsere Gemeinschaft vor der Assimilation bewahren und ausgehend von unserem Verständnis als Religionsgemeinschaft das religiöse Bewusstsein der Muslime stärken. Wir sind der Meinung, dass die Andersartigkeit der Lebensformen ein Wesensmerkmal der modernen Gesellschaft ist. Deshalb darf sie nicht als Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt betrachtet werden. Im Gegenteil, dieser wird gerade durch die Freiheitlichkeit der Vielfalt gestärkt und ist Grundlage unseres Gesellschaftsvertrages. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit unseren Tätigkeiten die Gesamtgesellschaft bereichern, die Vielfalt stärken und den Zusammenhalt fördern.

Inwiefern sind ihre Arbeiten denn auch nützlich für die Nicht-Muslimische deutsche Mehrheitsgesellschaft?

Eine Person, die sich von ethischen Werten entfernt hat, ist für niemanden von Nutzen. Jene, die behaupten, dass muslimische Jugendliche an sich eher zu Gewalt neigen, was leider auch auf manche zutrifft, müssen die Ursachen erforschen. Ein muslimischer Jugendlicher, der islamisch erzogen wurde, wird anderen gegenüber keine Gewalt anwenden, nicht stehlen oder fremdes Eigentum beschädigen. Ganz im Gegenteil, er wird sich für das Wohl der Gesellschaft einsetzen, Ältere respektvoll behandeln, sich im Umweltschutz engagieren und um mehr Gerechtigkeit in der Bevölkerung bemühen.

Der Islamrat hat sich von der Deutschen Islamkonferenz (DIK) verabschiedet und die vom Innenministerium geforderte passive Mitgliedschaft strikt abgelehnt. Damit werden auch ihre Gemeinschaft und ihre Mitglieder nicht mehr auf der DIK vertreten. Falls man ihre Gemeinschaft nun aber doch einladen würde, ist dann mit ihrer Teilnahme zu rechnen?

Hintergrund für das Herantragen einer passiven Mitgliedschaft sind weder die Ermittlungen gegen die IGMG oder das nun stillschweigend eingestellte Ermittlungsverfahren gegen unseren Generalsekretär noch das Verbotsverfahren der IHH. Der eigentliche Grund ist die Kritik, die die Vertreter des Islamrats in der Islamkonferenz zum Konzepts des Innenministeriums geäußert haben, an den einseitig gewählten Themen sowie der Einladung von Personen zur Konferenz, deren Legitimation auch heute zu hinterfragen ist. Sie haben das Innenministerium aufgrund der sicherheitspolitischen Ausrichtung der Konferenz kritisiert und auch den Ansatz der staatlichen Assimilationspolitik gerügt. Unsere DIK-Teilnehmer haben dargelegt, dass die Vorschläge des Innenministeriums nicht die gesellschaftliche Partizipation der Muslime fördern wird, sondern ihre Ausgrenzung. Im Ergebnis haben sich die seitens des Bundesinnenministeriums für eine passive Mitgliedschaft vorgetragenen Gründe erübrigt. Diese waren aus unserer Sicht ohnehin nur fadenscheinige Ausreden. Die Absicht hinter den Bestrebungen war es, die IGMG mit haltlosen Anschuldigungen aus den gesellschaftlichen Diskussionen auszuschließen. Da nunmehr klar ist, dass die Anschuldigungen unbegründet waren, wird das Innenministerium die eigene Politik sicherlich überdenken.

Falls sie erneut zur Islamkonferenz eingeladen werden, würden sie die Einladung annehmen?

Wir würden schon aus Höflichkeit die Einladung zunächst in unsere Gremien hineintragen und unser Vorgehen gemeinsam erörtern. Doch wir sind der Ansicht, dass die Rolle und die Ziele der Konferenz mit den Vertretern der islamischen Religionsgemeinschaften gemeinsam erörtert und gemeinsam festgelegt werden müssen. Die Konferenz erhält erst durch die Teilnahme und die Beteiligung dieser Gemeinschaften ihre Legitimität. Das muss allen Beteiligten klar sein. Zudem müssen die Inhalte der Konferenz gemeinsam festgelegt werden. Sie dürfen nicht durch das Bundesinnenministerium diktiert sein, so gehören etwa die längst überfälligen Schritte in puncto religionsverfassungsrechtliche Mischaufgaben auf die Tagesordnung. Die Stärkung der Teilhabe in allen gesellschaftlichen Institutionen wie Arbeitsmarkt, Bildungssystem, öffentliche Verwaltung, Medienanstalten und politische Gremien sollte erörtert werden können. Überdies darf die grassierende Islamfeindlichkeit nicht mehr verharmlost werden. Die Diskriminierung von Muslimen muss genauso problematisiert werden wie jede andere Form von Rassismus und Xenophobie auch. Leider erleben wir, dass viele Verantwortungsträger der Meinung sind, dass abwertende Äußerungen über Muslime legitime Islamkritik darstellen. Natürlich ist Islamkritik wie jede andere Form von Religionskritik legitim. Jedoch ist es nicht legitim, wenn der Staat mit öffentlichen Geldern dies unterstützt. So wie der Staat keinen öffentlichen Diskurs gegen die christlichen Kirchen motivieren und fördern würde, muss er mit dem gleichen Respekt auch Muslimen begegnen und darf daher auch keinen öffentlichen Diskurs gegen die islamischen Religionsgemeinschaften fördern. Leider geschieht dies permanent. Doch die zentrale Problematik liegt darin, dass der Pluralismus als der Verfassung zugrundeliegendes Kernkonzept der Islamkonferenz nicht zugrunde liegt und von weiten Teilen der politischen Öffentlichkeit im Umgang mit Muslimen nicht berücksichtigt wird. Die eben genannten Beispiele sind konkrete Ergebnisse eines anderen, wohl parteipolitischen Konzeptes. Bedauerlicherweise hat sich hierbei vieles sogar zum Negativen verändert. Die Sicherheitspolitik beherrscht nunmehr die Islamkonferenz.

Necmettin Erbakan, der mitunter die IGMG in der Vergangenheit geprägt hat, ist nun verstorben. In Organisationen markiert der Tod einer einflussreichen Person meist auch einen Wendepunkt. Wie hat sich der Tod Erbakans auf Ihre Gemeinschaft ausgewirkt? Oder hat es gar keine Auswirkung gegeben?

Necmettin Erbakan hat der Türkei große Dienste erwiesen. Er hat Ansehen in der islamischen Welt genossen und er war einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Türkei. Er hat die islamischen Bewegungen in der Türkei geprägt und mit seinen Ideen auch die Muslime in Europa beeinflusst. Doch er war ein Mensch. Wir vergöttern die Menschen nicht. Wir teilen Ansichten, die wir für richtig halten, üben aber auch Kritik. Das ist unsere generelle Einstellung. In den 1960er Jahren, als die Arbeitsmigration begann, arbeiteten die Türken insbesondere in der Industrie. Der Ansatz Erbakans, der einen Bezug zu Deutschland hatte und den Aufschwung in der Industrie propagierte, stieß insbesondere bei den türkischen Migranten in Europa auf großen Zuspruch. Zu der Zeit erhofften sich die Migranten die Gründung von Fabriken in der Türkei, um die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Das Band zwischen türkischstämmigen Migranten in Europa und Erbakan geht auf diese Zeit zurück. Auf diese Weise hatte er großen ideellen Einfluss auf die türkischen Arbeiter. Meiner Meinung nach wird Necmettin Erbakan in den Herzen der türkischen Muslime weiterleben.

Seine Beisetzung bezeugte dies.

Ja.

In der Rede anlässlich Ihrer Wahl zum IGMG-Vorsitzenden betonten Sie die große Bedeutung der Imam-Ausbildung in Deutschland. Meinen Sie damit die Errichtung eines Instituts oder einer Akademie? Hegt die IGMG den Wunsch, ihre Imame in Deutschland auszubilden?

Wir haben hierfür einen Entwurf erarbeitet, der aber noch nicht endgültig ist. Wie bekannt, gibt es an den Universitäten in Frankfurt und in Münster konkrete Entwicklungen in diesem Bereich. Auch das Bundesbildungsministerium arbeitet daran. Die Ansätze sind ergebnisorientiert, weisen aber einige Mängel auf. Was besonders ins Auge fällt, ist die erhebliche Einflussnahme der Behörden. Das ist nicht richtig. Denn grundlegend sind die wissenschaftliche Zulänglichkeit und die Legitimation durch die Muslime. Imame müssen vertraut sein mit der Kultur, der Sprache, der gesellschaftlichen Realität. Die IGMG legt großen Wert auf diese Voraussetzungen, denn nur auf diese Weise wird ein Imam einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten können. Die Absolventen von islamisch-theologischen Fakultäten in Deutschland können in diesem Bereich sehr wohl eingesetzt werden. Mit zusätzlichen Kursen, die wir in Zusammenarbeit mit Universitäten in den islamischen Ländern ausarbeiten und mit Auslandssemestern sowie mit Praktika in unseren Gemeinden können wir diesen Ansatz weiter ausbauen. Über diese Ideen beraten wir. Es ist unser Anliegen, dass sich Studierende schon während des Studiums praktisches Wissen aneignen und die Gemeindearbeit kennenlernen.

Werden in den IGMG-Moscheen Vorträge und Freitagspredigten zweisprachig also in Deutsch und Türkisch vorgetragen?

Ja, unsere Freitagspredigt wird auf unserer Internetseite sowohl in türkischer als auch in deutscher Sprache veröffentlicht. Unsere Imame, die die deutsche Sprache beherrschen, halten Predigten in beiden Sprachen. Auch in anderen europäischen Ländern wird diese Praktik angewandt.

Verfügen ihre Moscheen über Moscheeführer? Denn es gibt Millionen Deutsche, die noch nie in ihrem Leben eine Moschee besucht haben und Vorurteile gegenüber dem Islam und die Moscheen haben. Es ist bekannt, dass sich diese Einstellung zumeist nach einem Besuch in der Moschee ändert.

In allen IGMG-Moscheen gibt es Moscheeführer – zusätzlich zu den Imamen. Das sind die Verantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit. Hierzu erarbeiten unsere Fachkommissionen Fortbildungsmaßnahmen. In den größeren IGMG-Moscheen gibt es Beauftragte für Moscheeführungen. Diese nehmen regelmäßig an Bildungsveranstaltungen teil. In den Veranstaltungen werden sie unter anderem auch über aktuelle Geschehnisse und Diskussionen informiert und mit ausreichend Material ausgestattet.

Was Sie besonders ausweist, ist Ihre Vergangenheit innerhalb der IGMG in verschiedenen Tätigkeitsbereichen. Sie waren zunächst als Imam und anschließend als Regionalverbandsvorsitzender tätig. Folglich sind Sie bestens mit dieser Aufgabe vertraut. Was haben Sie in den letzten 20 Jahren an Mängeln in der IGMG festgestellt und was möchten Sie als Vorsitzender ändern? Schließlich haben einige Migrantenorganisationen, die keine größere Anhängerschaft hinter sich haben, oft ein größeres Gewicht in der Öffentlichkeit.

Mir ist besonders aufgefallen, dass islamische Gemeinschaften ihre Arbeit mehr intern ausrichten. Sie richten sich ausschließlich an die eigenen Mitglieder. Mangelnde Kommunikation ist eines der größten Mängel. Wir haben Schwächen in der Öffentlichkeitsarbeit – sei es in Bezug auf Medien, Politik, Behörden und Nachbarn bis hin zu den örtlichen Vereinen. Ich bin davon überzeugt, dass der Dialog eine wichtige Verantwortung für uns ist, aus meiner Sicht ist es ein göttliches Gebot.

Dialog ist also eine religiöse Verpflichtung?

Der Dialog ist eine Sunna des Propheten. Der Begriff Dialog wird heutzutage von manchen Leuten missdeutet. Ich betrachte den Dialog als die respektvolle Begegnung, das gegenseitige Zuhören, das Kennenlernen und Verständnis füreinander entwickeln von Menschen verschiedener Religionen, Kulturen und Weltansichten. Wenn das falsch wäre, würde der Prophet es nicht machen. Als der Prophet Gesandte an den Hof des Kisra und des Heraklius sandte, erfuhren das die Christen in Nadschran und besuchten daraufhin den Propheten. Sie blieben 16 Tage in Medina und unterhielten sich mit dem Propheten über verschiedene Angelegenheiten. Der Gesandte Allahs empfing sie in der Moschee, was zugleich Empfangsort für Gäste war. Er hieß sie herzlich willkommen und stellte ihnen einen Platz für ihr Gebet innerhalb der Moschee zur Verfügung. Damit möchte ich verdeutlichen, welchen Wert der Prophet auf den Dialog mit Angehörigen anderer Religionen, den Menschenrechten und der Religionsfreiheit legte. Die IGMG hat diesbezüglich ein weites Netzwerk und ein ausgebildetes Team. Ich bin der Meinung, dass wir von unseren Ressourcen in Zukunft besser Gebrauch machen werden und den Dialog weiter vorantreiben können.

Wenn die Verfassungsschutzbehörden von Ihrer Einstellung zu diesem Thema wüssten, müssten sie wahrscheinlich einsehen, dass eine Beobachtung unnötig ist, oder?

Dies ist nicht nur meine Einstellung, sondern die der gesamten IGMG. Diese Angelegenheiten wurden meines Wissens mit leitenden Mitarbeitern des Verfassungsschutzes besprochen. Doch die Verantwortlichen stellen uns in den alljährlichen Berichten, aus welchen Gründen auch immer, so dar wie die politische Führung uns sehen will. Ich weiß aber auch, dass manche Politiker in Gesprächen sagen: „Ach, halten Sie sich nicht damit auf.“

Es hat den Anschein, als ob die islamischen Organisationen bei Themen, die sie selbst oder den Islam betreffen, meistens zu spät reagieren. Kleinere Nichtregierungsorganisationen mit besserer PR und Öffentlichkeitsarbeit sind in den Medien dagegen öfter präsent. Werden wir in Zukunft eine IGMG mit besseren Beziehungen zu den Medien erleben?

Im Grunde haben wir kein Kommunikationsproblem mit Medienvertretern. Zugleich ist aber zu beobachten, dass die Medien den Aussagen der IGMG häufig keinen Platz einräumen. Ein Beispiel: In fast allen Zeitungen und Zeitschriften wurde ausführlich über die Ermittlungen gegen den Generalsekretär der IGMG berichtet. Nachdem die Ermittlungen eingestellt waren, haben nur 1 bis 2 Zeitungen und dann auch nur in sehr kurzer Form darüber berichtet. Wir hätten uns hier natürlich eine Medienlandschaft erwünscht, die die demokratischen Rechte und Freiheiten unterstützt und über unrechtmäßige Maßnahmen der Exekutive unparteiisch berichtet. Wir machen aber schon seit geraumer Zeit die Erfahrung, dass wenn es um Muslime geht, die Medien zum Sprachrohr der Regierung werden und ihre Funktion als vierte Gewalt in einer Demokratie nicht richtig ausüben. Die exekutiven Maßnahmen werden ohne kritische Erörterung mit einer staatstragenden Haltung verbreitet. Unsere Beziehungen zu den türkischsprachigen Medien sind sehr gut. Nach meiner Wahl habe ich sehr viel Aufmerksamkeit erfahren. Viele riefen an und gratulierten mir.

Wir haben bisher nur religiöse Themen angesprochen. Doch müssen die Angebote der IGMG zwangsläufig mit Religion zu tun haben? Die deutsche Bevölkerung könnte denken, welchen Nutzen sie von den Angeboten hat.

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş ist eine Religionsgemeinschaft. Deshalb ist unser hauptsächliches Ziel, das bestehende Islambild zu ändern, indem wir den Islam den Menschen in Deutschland und Europa in bester Weise näher bringen, also an Koran und Sunna ausgerichtet und von der Weisheit, von der im 125. Vers der Sure Nahl die Rede ist. Wir fühlen uns dazu verpflichtet.

Welchen Beitrag leisten wir für die Gesellschaft? Im Grunde ist die gemeinwohlorientierte Jugendarbeit der größte Beitrag unserer Gemeinschaft. Wir möchten nicht, dass unsere Jugendlichen vor dem Arbeitsamt anstehen. Wir meinen, dass dieser Umstand schon aus religiöser Sicht nicht angemessen wäre. So lehnen wir es ab, dass manche Arbeitslosengeld beziehen und dazu Schwarzarbeit betreiben. Jugendliche, die mit Bierflaschen in der Hand vor den Bahnhöfen rumstehen und das Gemeineigentum beschädigen, holen wir von der Straße. Wir erinnern sie daran, dass es das Eigentum der Gemeinde ist und sorgen für eine Erziehung, die davon abhält, Eigentum zu beschädigen. Das ist soziologisch, kulturell, ökonomisch betrachtet ein Gewinn für Deutschland. Deutschland ist unsere Heimat. Deutschland ist auch die Heimat der hier lebenden Muslime. Folglich möchten wir, dass es der Wirtschaft unserer Heimat gut geht. Jede Verschlechterung wird auch auf uns Auswirkungen haben. Selbstverständlich möchten wir auch nicht, dass sich das internationale Ansehen Deutschlands verschlechtert. In allen europäischen Ländern, in denen die IGMG aktiv ist, sind wir bestrebt, eine Jugend auszubilden, die einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leistet. Das war bisher so und wird auch in Zukunft unser Ziel sein. Diese Seite der IGMG konnten wir bisher nicht ausreichend in die Öffentlichkeit tragen.

Kann man sich das so vorstellen? Für türkischstämmige Jugendliche ist es oft ein großes Problem, eine Ausbildungsstelle zu finden. Es gibt viele Unternehmer, die der IGMG nahestehen. Können wir von Ihnen in Zukunft Projekte, die diese Jugendlichen in das Berufsleben eingliedern, erwarten?

Dieses Thema kam bei unseren Versammlungen häufig auf – und zwar nicht nur in Bezug auf Muslime. Unsere Religion gebietet uns für das Wohl aller zu arbeiten, unabhängig von ihrer Religion. Wir haben Gespräche mit Unternehmern und Geschäftsleuten eingeleitet, ihnen nahegelegt, Ausbildungsplätze zu schaffen. Wir werden diesbezüglich Initiativen starten – auch außerhalb Deutschlands. Zudem haben wir Pläne, Studierende stärker zu unterstützen. Wir werden die Arbeiten in diesem Bereich intensivieren.

In Deutschland und Europa sind Muslime eine Minderheit. Möglicherweise ist das in der Geschichte des Islams ein Novum. Muslime gehörten bisher stets zur Mehrheitsgesellschaft. Die islamische Rechtslehre entwickelte sich vor diesem Hintergrund. In Europa sind etwa Themen wie Halal-Lebensmittel und Lebensmittelzusätze relevant. Hier gibt es möglicherweise einen Bedarf nach der erneuten Öffnung des Tores des Idschtihâd. Zudem gibt es ein Durcheinander was die Halal-Zertifizierung angeht. Ist es möglich, als KRM oder als IGMG ein Halal-Zertifikat zu vergeben?

Ich kann nicht für den KRM sprechen. Das angesprochene Thema ist von großer Bedeutung. Jeder Muslim wird im Alltag mit diesen Fragen konfrontiert. Bisher hatten Muslime immer in Regionen gelebt, in denen sie zu der Mehrheitsgesellschaft zählten. Europäische Muslime gelten als das wichtigste Beispiel für eine muslimische Existenz in einer mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaft. Es gibt bestimmte Angelegenheiten, die für sie in Dschidda zwingend notwendig sind, in Washington aber nicht. Grundlegende islamische Gebote sind hiervon ausgeschlossen. Der Prophet sagte: „Die Gebote und Verbote sind eindeutig, alles was dazwischen liegt, bedarf einer Fatwa und ist disputabel.“ Wir sind eine traditionsbewusste Gemeinschaft, doch das bedeutet nicht, dass es keine Änderungen bezüglich der Fatwas geben kann. Bedingt durch die Gesellschaft, in der wir leben, ist eine Änderung in der Fiqh-Terminologie zwingend notwendig.

Wir haben in der Vergangenheit versucht, Bemühungen hierzu zu unterstützen. Doch haben wir das erhoffte Ergebnis nicht erhalten. Wir haben sehr kompetente Gelehrte. Sie sind mit den europäischen Verhältnissen aber nicht vertraut. Zwar haben wir auch hier in Deutschland ausgebildete Gelehrte. Doch ihre Anzahl reicht nicht aus, um die Pläne in diesem Bereich auf dem von uns angestrebten Niveau voranzutreiben. Unsere Hoffnung liegt bei den Nachwuchswissenschaftlern in Deutschland, die sich etwa in Doktor- und Masterarbeiten mit diesen Fragen beschäftigen. An dem Halal-Zertifikat arbeiten wir aber bereits intensiv.

Wie denken Sie über den Dialog zwischen Christen, Juden und Muslime?

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Christen, Juden und Muslimen ist unerlässlich. Nur so können Vorurteile gemeinsam bekämpft werden. Zunächst müssen wir jeweils innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft gegen jedwedes Vorurteil gegenüber Andersglaubenden und Andersdenkenden vorgehen und dafür uns natürlich einander besser kennenlernen. Nur auf diese Weise können wir Anfeindungen vermeiden, die Pluralität in unserer Gesellschaft als Bereicherung empfinden und damit zur Harmonie, Toleranz und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft beitragen. Die Koexistenz im spanischen Andalusien ist hierfür ein gutes Beispiel. Darüber hinaus müssen wir gemeinsam gegen Diskriminierung, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus vorgehen. Auch in diesem Arbeitsbereich ist unsere Gemeinschaft seit langem aktiv und wir können von einem großen Erfahrungsschatz schöpfen. Doch es gibt auch Mängel. Auch ist anzumerken, dass Christen, Juden und Muslime gleichermaßen unzufrieden sind etwa mit der zunehmenden Zerstörung des Ökosystems, der grenzenlosen Genforschung oder Genveränderungen. Warum sollten wir nicht zusammenkommen und mit einer gemeinsamen Positionierung diese Entwicklungen problematisieren?

Kürzlich kam der Zentralrat der Muslime (ZMD) mit den Vertretern des Zentralrats der Juden zusammen und sie verkündeten, dass Gläubige in der modernen Welt denselben Schwierigkeiten begegnen und diese folglich zusammen angehen könnten. Beispielsweise hat die jüdische Gemeinschaft ähnliche Gebote hinsichtlich der Schächtung.

Ich betrachte die Halal-Schächtung auch aus einem anderen Blickwinkel. Für mich ist das auch eine Frage der Identität. Bei Themen wie diesen müssen die Muslime primär durch einen innerislamischen Diskurs zu einem Konsens gelangen. Wenn man Minderheitengesellschaften danach betrachtet, warum sie nicht in einer Mehrheitsgesellschaft assimiliert wurden, wird deutlich, dass ihnen dies zumeist deshalb gelungen ist, weil sie ihre Traditionen bewahren konnten. In manchen Teilen der Welt haben jüdische Gläubige eine positive Sensibilität, wenn es darum geht, ihre Traditionen zu bewahren, z.B. ihre eigene Sprache, das Hebräisch, oder koscheres Essen. Das ist eine Frage der Identität.

Sie haben vorhin über die im Grundgesetz verankerten Menschenrechte und die Religionsfreiheit gesprochen. Auch der Islam sieht Religionsfreiheit und Minderheitenrechte vor. Gibt es demnach Überschneidungen zwischen dem deutschen Grundgesetz und dem Islam?

Ja, in bestimmten Punkten überschneiden sie sich. Der Islam stellt vier Themen besonders heraus. Gerechtigkeit sowie Menschenrechte, Gleichheit, das Recht auf Eigentum und die Rechte von Frauen. Im Koran gibt es zahlreiche Verse, die die Frauen betreffen. Bedauerlicherweise wird der Islam heute hauptsächlich im Hinblick auf seine Rollenverteilung angegriffen. Dabei steht die Frau im Islam im Mittelpunkt der Gesellschaft. Die Frau ist aktiv sowohl in der Wirtschaft als auch im Staatswesen. Zu der Zeit Umars (ra) gab es Frauen als Leiterinnen von Ordnungsämtern im heutigen Sinne. Zur Zeit des Propheten nahmen Frauen an den täglichen Pflichtgebeten in der Moschee teil und zwar ohne eine Abtrennung etwa mit einem Vorhang. Die Frau ist genau in der Mitte der Gesellschaft verortet. Ja, sie haben unterschiedliche Verantwortungen, aber das bedeutet nicht, dass sie sich gegenseitig im Weg stehen, es ist eher ein auf Ergänzung und Solidarität gegründetes Verständnis.

Wenn wir uns die europäischen Verfassungen anschauen, sehr wir auch dort diese Grundwerte. Warum sollten wir bezüglich dieser Werte in einem Widerspruch stehen? Verfassungen sind gemeinsame Lehren und Errungenschaften der Menschheit. Ob die deutsche oder die amerikanische Verfassung, sie sind gemeinsame Werte der Menschheit. Das deutsche Grundgesetz gehört zu den Verfassungstexten, die die meisten Freiheitsrechte in Europa gewährt. Das betone ich stets in meinen Reden.

Das Interview führten Ziver Ermiş und Süleyman Bağ. Es ist in der Zeitung „Zaman“ auf Türkisch erschienen.

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