Religion und Gewalt: Wie Feuer und Wasser

Im Kern lehnen alle Weltreligionen Gewalt ab. Vor verblendeten Kidnappern können Gesellschaft und Religion nur durch den universalen Primat der Menschenrechte geschützt werden.

In der Einordnung des norwegischen rechten Terrorismus hat der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan die Frage gestellt, warum die westlichen Regierungen so zögerlich sind: Sie sollten von „christlichem Terrorismus“ sprechen, schließlich habe sich der Massenmörder auf das Christentum berufen. So naheliegend dieser Gedanke eingedenk der permanenten öffentlichen Gleichsetzung von Islam und Terrorismus ist: Erdogan zäumt das Pferd von hinten auf.

Selbstmordattentate, Ehrenmorde und häusliche Gewalt können nicht mit dem begründet werden, was die spirituelle Substanz des Korans hergibt. Dazu muss man keinen Imam befragen. Jeder wirklich gläubige Muslim wird es einem ohne Zögern bestätigen. Dasselbe gilt für das Christentum. Jesus predigte eine für seine Zeit revolutionäre Gewaltlosigkeit. Trotzdem fuhren die Kreuzritter in seinem Namen gen Jerusalem und richteten grauenhafte Massaker an. Bis noch vor kurzem tobte in Nordirland ein gnadenloser Bruderkrieg zwischen Katholiken und Protestanten.

Dennoch wird immer wieder die Religion bemüht, um Gewalt zu rechtfertigen. Dies hängt, in modernen pluralistischen Gesellschaften, vor allem damit zusammen, dass die Religionsgemeinschaften nicht mehr das Monopol über ihre Lehre haben. Religiöses Denken hat sich von den Institutionen gelöst: Jeder kann sich auf jeden berufen – und tut das auch, egal zu welchem Zweck. Mit Religion im eigentlichen Sinn hat das alles nichts zu tun; die Wahnsinnstaten von Norwegen genauso wenig wie die gebetsmühlenartig vorgetragenen Anschuldigungen gegen die Muslime. Die Sprache ist verräterisch: Was heißt eigentlich islamistisch? Der Begriff gehört zum Repertoire der „Tagesschau“ und jeder Zeitung. Er kann weder rational noch metaphysisch erklärt werden.

Was den finalen Triumph von Mord und Totschlag-Argumenten verhindern kann, ist das bedingungslose Bekenntnis aller Religionsgemeinschaften zu den unteilbaren, weltweit gültigen Menschenrechten, insbesondere dem Recht auf die Unversehrtheit der Person. Ebenso die bedingungslose Unterordnung aller Religionsgemeinschaften unter demokratisch legitimierte Verfassungen, die diese Menschenrechte nicht zur Möglichkeit, sondern zur Bedingung des Zusammenlebens gemacht haben. Voraussetzung für diese Haltung ist die Erkenntnis, dass sich Religion und Gewalt zueinander verhalten wie Feuer und Wasser. In diesem Sinne ist eine säkulare Gesellschaft ein Segen – auch für die Religionen.

Michael Maier

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