Was die Finanzkrise für Deutsche und Türken bedeutet

Die Deutsch Türkischen Nachrichten analysieren, warum die Finanzmärkte an der Klippe hängen, der Weg nach oben vertrackt ist, Deutschland eine EU-Konjunkturbremse ist und die Türkei in der Mitte baumelt.

Um die 4 Billionen Dollar Verluste an den internationalen Aktienmärkten seit Ende Juli – und keine Lösung in Sicht: Die Europäische Zentralbank versucht, der Schuldenkrise in Spanien und Italien durch umstrittene Ankäufe von Staatsanleihen entgegenzuwirken. Die US Notenbank setzt den Leitzins langfristig so gut wie auf Null. Und die Türkei beschreitet unorthodoxe Wege, um die schwächelnde Lira zu stützen und sich gegen Turbulenzen auf den Märkten, einem weltweiten Wirtschaftseinbruch, und einer mögliche Rezession daheim zu schützen.

Haushaltsdefizite als fruchtbarer Boden für Krisen

„Das alles nutzt nichts, wenn das Kernproblem nicht endlich angegangen wird“, so Dr. Yilmaz Akyüz, Senior Economic Advisor am South Center in Genf, einem zwischenstaatlichen Policy Think Tank, im Exklusivinterview mit den Deutsch-Türkischen Nachrichten: „Die USA und Europa müssen endlich ihre Schuldenkrisen und ihre Finanzmärkte in den Griff bekommen. Und auch die Türkei muss endlich ihr Haushalts- und Handelsbilanzdefizit ausgleichen.“

Akyüz, ehemaliger Direktor für Globalisierung und Entwicklungsstrategien der UN Conference on Trade and Development (UNCTAD), begründet die aktuelle Krise mit den seit vielen Jahren in den USA und der Eurozone anwachsenden Haushaltsdefiziten, vor denen die Politik konsequent die Augen verschlossen habe. Diese würden begleitet von immer geringeren Löhnen. Dadurch würden sowohl die Binnennachfrage als auch damit verbundenen Investitionen und Steuereinnahmen sinken.

Nicht nur für Akyüz ist der Schlüssel die Rolle der Finanzmärkte. Spekulationen und Luftblasen an den Kapitalmärkten verursachen eine Krise nach der anderen. Gleichzeitig will weiterhin jeder Geld mit Geld verdienen. Das Verhältnis zwischen der realen Wirtschaft und den Finanzmärkten hat sich daher in den letzten Jahren fast umgekehrt – gestützt durch Deregulierung und andere politische Maßnahmen. Anstatt eine untergeordnete und instrumentelle Rolle für die Realwirtschaft einzunehmen, bestimmt die Dynamik der Finanzmärkte inzwischen weitgehend die realwirtschaftlichen Aktivitäten. Nur vor diesem Hintergrund sei die aktuelle Krise zu verstehen.

„Wenn einige der Europäischen Länder zahlungsunfähig werden – was ich für unvermeidbar halte – und die Situation sich weiter über Griechenland, Portugal und Irland nach Spanien und Italien und sonstwohin ausbreitet – dann wird es unangenehm auch für Schwellenländer wie die Türkei“, betont Akyüz.

Türkei: Zentralbank spielt mit dem Risiko

Der International Währungsfonds (IWF) hat die Wachstumserwartung für die Türkei, die dieses Jahr noch bei über 10% lag, inzwischen auf 2,5 % für 2012 herabgestuft. Die durch die hohe Staatsverschuldung und das Handelsbilanzdefizit von rund 10% geschwächte Lira sind dafür genauso ein Grund wie die geringere Nachfrage nach Krediten und eine sinkenden industrielle Produktivität. Trotzdem möchte die Türkei bis 2020 zu den 10 stärksten Wirtschaftsnationen der Welt gehören.

In der letzten Woche hat die Türkische Zentralbank TCMB versucht, beiden Faktoren unter anderem durch die Senkung des Leitzinses von 6,25% auf 5,75% zu begegnen.

Laut Omar Abu Rashed, Aktienfondsmanager bei Union Invest, hätten die Märkte allerdings erwartet, dass die Zinsen – wie auch vom IWF empfohlen – erhöht werden: Einerseits, um der drohende Überhitzung der türkischen Wirtschaft entgegenzuwirken, andererseits, um Inflationsgefahr und das Handelsbilanzdefizitdefizit einzudämmen.

„Dass es jetzt stattdessen zu einer Senkung der Zinsen kam, lässt sich durchaus als Vorgriff auf die globalwirtschaftlichen Turbulenzen und deren negative Wirtschaftseffekte interpretieren. Aber die TCMB hat die Kommunikation zu diesem Schritt sträflich vernachlässigt und Investoren im Dunkeln gelassen“, erklärt Abu Rashed. Die Folge: Kritik der Märkte und Vertrauensverlust – der türkische

markt habe in der letzten Woche nachgegeben, obwohl er im Vergleich mit anderen Schwellenländern immer noch gut dastünde.

Sebastian Kahlfeld, Fondsmanager Türkei bei der DWS, erklärt, die TCMB sehe zurzeit keine Inflationsgefahr. „Die Inflation in der Türkei befindet sich weiterhin auf einem niedrigen Niveau. Im internationalen Vergleich sind die Zinsen jedoch im absoluten Maßstab hoch, was ausländische Anleger anlockt.“

Die Experten sind sich einig: Die Türkische Zentralbank will mit ihrem Schritt eine neue Geldpolitik einläuten, die auf Wachstum statt Rezession ausgerichtet ist und bei der Inflationsgefahr und das Handelsbilanzdefizit in den Hintergrund rücken.

Ob diese Maßnahmen zum Erfolg führen, steht für South Center Senior Economic Advisor Yilmaz Akyüz allerdings noch aus. „Es ist ein Lottospiel“, sagt er. „Und es kommt darauf an, was in den USA und Europa passiert – erst dann wird sich erweisen, ob der Schritt richtig war.“

Schwellenländer wie die Türkei profitieren generell von drei Hauptfaktoren gegenüber entwickelten Wirtschaften wie den USA oder Europa, die Investitionen ins Land bringen: Höhere Zinsen, höheres Wirtschafswachstum und geringeres Risiko. Je nach dem ob, und wenn ja, wann, sich Europa und die USA erholen, können sich diese Parameter – auch zu Ungunsten der Türkei – verschieben.

USA und Eurozone: Von geringen Löhnen über globale Handelsdefizite bis zum Börseneinbruch

In den USA stünde der aktuellen Krise im Gegensatz zu früheren Haushaltskrisen allerdings keine gesunde wirtschaftliche Basis gegenüber, erklärt Akyüz. „Es gibt keine Jobs, der private und öffentliche Sektor sind bis an die Halskrause verschuldet, Banken wollen keine Kredite geben, die öffentliche Hand gibt kein Geld mehr aus. Wie also soll die Wirtschaft wachsen? Es ginge über Exporte. Aber an wen? Die Europäische Wirtschaft wächst nicht, China wächst, aber importiert nur, um selber zu exportieren. Und gleichzeitig halten alle US Staatsanleihen. Kein Wunder, dass sie besorgt sind.“

Akyüz geht außerdem davon aus, dass der EU-Rettungsschirm und die Intervention der EZB bei italienischen und spanischen Staatsanleihen die Märkte zwar beruhigen, aber keine langfristige Lösung sind. Seiner Ansicht nach steht Europa sogar noch schlechter da, als die USA.

„Die Schulden müssen erlassen werden“, erklärt er. „Ich sehe keinen anderen Weg. Ansonsten wird das ganze System zusammenbrechen und Europa auseinander fallen. Je mehr darauf bestanden wird, dass Griechenland oder Portugal oder Irland seine Schulden komplett bezahlt, desto weniger werden sie dazu in der Lage sein. Warum? Weil sie Sparprogramme verabschieden müssen – das heißt, die Wirtschaft schrumpft – und weil sie Zeit, Wachstum und Produktivität verlieren. Genau das gleiche haben wir in den 1980er Jahren in Lateinamerika gesehen.“

Deutschland: Konjunkturbremse für Europa?

Um sich wirtschaftlich gut zu positionieren, setzt Deutschland auf eine Politik der sogenannten „kompetitiven Desinflation“, das heißt, eine geringere Inflationsrate über längere Zeit: Bei einem starken Euro und einer zähen Binnenwirtschaft mit abgeschwächtem Konsum muss sich anderweitig ein wirtschaftlicher Vorteil gesichert werden – und dies wird durch die Senkung von Lohn- und Produktionskosten angestrebt. Dies ist in anderen EU-Ländern wie Frankreich oder Spanien nicht in dem Maße möglich. Also müssen sich diese Länder zwischen geringerem Wachstum oder höheren Haushaltsdefiziten entscheiden, um ihre Wirtschaften anzutreiben. Und letzteres ist geschehen, so Yilmaz Akyüz. „Das heißt, Deutschland ist keine Lokomotive für die Wirtschaft in Europa – Deutschland ist ein totes Gewicht.“

Lösungsvorschläge: Arbeitsplätze schaffen und die Finanzmärkte regulieren

Viele internationale Experten plädieren daher schon länger für eine Restrukturierung der globalen Wirtschaft: Wachstum, das durch höhere Löhne und höhere Nachfrage – und in der Folge geringere Haushaltsdefizite – angekurbelt wird, während die Finanzmärkte nun endlich reguliert werden sollten, was zuletzt nach der Bankenkrise versäumt wurde. Auch innerhalb der EU fehlt es an einheitlichen Regeln und Maßstäben, was Finanz- und Wirtschaftspolitik betrifft. Bei der inzwischen im Rahmen der Globalisierung eingetretenen Eigendynamik wird eine Restrukturierung sicherlich schwierig sein. Allerdings wird die globale Anfälligkeit für Krisen weiter bestehen, wenn nicht konsequent gehandelt wird, so Yilmaz Akyüz. „Ohne entschlossenes Eingreifen bleiben die Aussichten für nachhaltiges Wirtschaftswachstum und Stabilität trübe.“

Regina Körner

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