Krawalle in London: Bericht einer deutschtürkischen Augenzeugin!

Die Krawalle in London hat die Biochemie-Studentin Serap Pinar im Stadtteil Dalston hautnah miterlebt. Nach ihrer Beobachtung ging es in erster Linie um Plünderung und erst an zweiter Stelle um soziale Verbitterung.

„Es waren Menschen mit ‚weißer‘ und ’schwarzer‘ Herkunft“

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie waren in Dalston, einem Bezirk im Osten Londons und haben die Krawalle dort hautnah miterlebt. Was genau hat sich vor Ihren Augen abgespielt?

Serap Pinar*: Ich habe in Dalston oftmals Gruppen gesehen, die sich versammelt haben und mit Besen und anderen provisorischen „Waffen“ regelrecht auf die Plünderer gewartet haben. Dies hat sich meistens vor der überirdischen U-Bahn-Station „Dalston Kingsland“ abgespielt. Die versammelten Gruppen waren keiner einzelnen Migrantengruppe einzuordnen. Vielmehr waren es Menschen mit verschiedenen Hintergründen, sowohl „weißer“ als auch „schwarzer“ Herkunft, und natürlich auch von türkischer und kurdischer Herkunft. Es waren aber auch einige wenige asiatischer Herkunft, sprich pakistanisch oder indisch, wobei ich mir bei deren Hintergrund nicht hundertprozentig sicher sein kann. Aber es waren dann mehr männliche als weibliche Personen anwesend.

Zwar habe ich nicht live miterlebt, dass es zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen kam, jedoch habe ich von Nachbarn und Ladenbesitzern gehört, dass es zu Schlägereien kam. Am schlimmsten sei die Schlägerei am nächsten Tag nach den Krawallen in Tottenham gewesen, als sich eine Gruppe von ca. 50 Plünderern „Dalston Kingsland“ näherten und dort von den Anwohnern zum Teil geprügelt und verscheucht wurden, weswegen es in Dalston zu keinen größeren Schäden kam, außer dass einige Fenster eingeschlagen wurden. Diese Idee des Zusammenhaltes kam von türkischen Ladenbesitzern, weil die Polizei schon zu überfordert war alles abzusichern (Es gab an jeder Straßenecke mindestens zwei Polizisten, an der Oxford Street sogar mehr, wo jeder zweite Laden, auch größere wie der Nike Store, nicht geöffnet hatte). Die Busse Richtung Osten waren nach den Krawallen sehr sehr leer, weil sich keiner in die Bezirke mehr getraut hat, nehme ich an.

Welchen Eindruck hatten Sie, wer geht dort auf die Straße – sind es wirklich nur „kriminelle Banden“, wie die britische Regierung behauptet, oder steckt mehr dahinter?

Serap Pinar: Ich denke, dass zwar kriminelle Banden auf den Straßen waren, jedoch waren diese nicht die einzigen. Von einer Anwohnerin bekam ich mit, dass ihre eigene Tochter auf die Straße ging, nur um zu plündern, wobei diese gewiss nicht in einer kriminellen Gruppe ist. Es ging vor allem den Jugendlichen mehr darum, dass sie plündern konnten und sich das nahmen, was sie zwar haben wollten, sich aber nie leisten könnten. In der Shopping Mall „Wood Green“ z.B. haben die meisten Plünderer sich Markenklamotten und Sneakers mitgehen lassen.

„Die Jugendlichen suchen nach Anerkennung und Achtung“

Wie schätzen Sie die Lage ein, werden die Krawalle weiter andauern?

Serap Pinar: Ich denke, dass die Krawalle nicht mehr lange andauern werden. Schon heute merkt man: Es wird täglich ruhiger. Meine Freundin in Dalston berichtete mir gestern, dass sie kaum noch Polizeisirenen hörte. Da sie in der Nähe einer Polizeistation lebt, war es am Tag der Krawalle in Tottenham und an den anschließenden Tagen kaum noch auszuhalten. Ich konnte so gut wie gar nicht schlafen, weil es einfach viel zu laut war. Die Polizei ist an jeder Straßenecke und seitdem sich die Anwohner gegen die Plünderer wehren, trauen sich diese weniger zu.  Wenn nun, wie geplant, die Armee und Wasserwerfer zum Einsatz kommen, werden die Jugendlichen sich nicht mehr trauen auf Plünderung zu gehen, was meiner Meinung nach der Hauptantrieb für diese Krawalle ist.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen der Unruhen in Großbritannien?

Serap Pinar: Es scheint zum einen die Perspektivlosigkeit, aber auch die Respektlosigkeit und der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Achtung der Jugendlichen in Großbritannien zu sein. Wenn man einer jungen Person, die erstens: so gut wie keine Chance auf eine Arbeitsstelle hat, zweitens: der immer wieder vorgeworfen wird, sie habe es zu nichts in ihrem Leben gebracht und drittens: die von sich denkt, dass sie nix zu verlieren hat, die Möglichkeit gibt sich „zu beweisen“ und Aufmerksamkeit zu bekommen, sei es auch in negativem Sinne, dann wird diese Person meiner Meinung nach in der Lage sein, Zerstörungen in diesem Ausmaß hervorzubringen. Ich denke, dass diese jungen Menschen einfach nur nach Anerkennung und Achtung suchen und nicht als Versager dastehen wollen.

Und wie es zwischen den Jugendlichen nun mal ist, gibt es „Peer pressure“ (z.dt. Gruppenzwang) und zunehmend auch Materialismus. Die Jugendlichen denken, sie können sich mehr Achtung verschaffen, indem sie Adidas-Schuhe zu Nike-Shirts tragen.
Kommt noch der Fakt hinzu, dass Großbritannien in den nächsten Jahren wegen der Wirtschaftskrise viel Geld einsparen muss und dementsprechend öffentliche Gelder kürzen wird. Sollte dies auch diese Jugendlichen betreffen, würde dies ja ihren Antrieb erhöhen.

„Es ist zu spät, eine ganze Generation umzustimmen“

Was sollte die Regierung unternehmen, um die Gemüter zu besänftigen – oder ist die einzige Antwort polizeiliche Härte?

Serap Pinar: Ich denke, dass es zu spät ist, eine ganze Generation umzustimmen und ihr beizubringen, dass sie es zu etwas in ihrem Leben bringen kann. Ich weiß nicht, was ich persönlich tun würde, wenn ich diese Entscheidung treffen müsste. Aber um die anderen Anwohner, welche die Mehrheit darstellen, zu schützen, wäre der utilitaristische Weg wohl der einfachste, sprich polizeiliche Härte gegen diese Minderheit.

Innenminister Friedrich glaubt nicht, dass etwas Ähnliches in Deutschland geschehen könnte. Was denken Sie? Hat er Recht? Wo liegen die Unterschiede zu Deutschland?

Serap Pinar: Meiner Ansicht nach wird es in Deutschland nicht zu Krawallen diesen Ausmaßes kommen, zumal die Jugendlichen hier nicht so aussichtslos zu sein scheinen wie es in Großbritannien der Fall ist. Immerhin ist der deutsche Staat sozialer als der britische. Sieht man sich als Beispiel die Gegenden in Deutschland an, in dem überwiegend Migranten leben und vergleicht diese mit Gegenden in England, so sieht man schon einen Unterschied. Der Londoner Stadtteil „East End“ als Beispiel: Etwas Vergleichbares findet man meiner Meinung nach nirgendwo in Deutschland.

I.: Felix Kubach

 

*Serap Pinar studiert Biochemie in Bochum (B. Sc.) und möchte ihren Master in England, vorzugsweise London, machen, falls sie ein Stipendium für die hohen Studiengebühren finden sollte, wie sie sagt. Da die Deutschtürkin schon seit längerem Kontakt zum King’s College London pflegt, wurde sie von diesem persönlich (und zwei weiteren Colleges) eingeladen, die Fakultät zu besuchen und mit dem Programme Leader ihres gewünschten Studienganges zu reden. Serap Pinar kam für diese Zeitspanne bei einem Freund im Londoner Stadtteil Dalston unter und verfolgte von dort aus die Krawalle der vergangenen Tage.

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