„Wirtschaftskrise wird auch bald die Türkei erfassen“

Im Exklusivinterview spricht der türkische Topvolkswirt Güven Sak über notwenige Rettungsmaßnahmen in der gegenwärtigen Finanzkrise. Europa steht für ihn wesentlich schlechter da als die USA. Doch auch die Türkei werde sich – entgegen der Meinung Erdogans nicht der Krise entziehen können. Er fordert gemeinsame Regeln für Europa und Umstrukturierungen in der Türkei.

Deutsch Türkische Nachrichten: Dr. Sak, die derzeitige Situation an den Märkten erinnert irgendwie an die Eiger Nordwand – es geht steil bergab und der Weg noch oben scheint extrem beschwerlich, wenn nicht unmöglich. Während aktuell die Staatsverschuldung in den USA und der EU für die Misere verantwortlich gemacht wird – was glauben Sie sind die echten, systemimmanenten Probleme, die der Krise zugrunde liegen? Könnte es sein, dass das globale Model niedriger Zinsen und hoher Staatsverschuldung sich als Fehlgriff erwiesen hat? Liegt es dran, dass sich das Gleichgewicht zwischen aus den Finanzmärkten resultierendem Wachstum und aus der Realwirtschaft resultierendem Wachstum´ungesund Richtung Finanzmärkte verschoben hat? Oder gibt es andere Gründe, die Sie für ausschlaggebend halten?

Güven Sak*: Es liegt an den Banken. Die laxen Offenlegungsanforderungen und der Mangel an Regulierung sind die wahren Übeltäter in einer Zeit, in der die Privatverschuldung massiv wächst. Unregulierte Finanzmärkte führen zu Instabilität. Dies ist der Minsky-Moment – also eine plötzliche Krise trotz boomender Wirtschaft – der entwickelten Welt.

Gesunde Finanzmärkte sind wichtig für eine gesunde Realwirtschaft und Wirtschaftswachstum. Allerdings gibt es ein Problem im Bankensystem – und das muss erst einmal gelöst werden. Staatsverschuldung wird jetzt zu einem riesigen Thema, weil es die vorherige hohe private Verschuldung ablöst. Das hatten wir in der Türkei während der Bankenkrise 2000-2001, als der Anteil der Verschuldung am Bruttoinlandsprodukt über 100% anwuchs.

Rettungsmaßnahmen: Mehr Geld ist keine Lösung

Nun betreiben die Regierungen ja einiges an Aktivismus, um Herr der Lage zu werden: Die USA hat den Leitzins langfristig auf so gut wie Null reduziert, der EU-Rettungsschirm scheint ein Fass ohne Boden zu werden während ein Schuldenerlass zum Beispiel für Griechenland politisch – noch – indiskutabel ist, die Europäischen Zentralbank kauft oder will spanische und italienische Staatsanleihen kaufen – wird das zu echten, nachhaltigen Lösungen führen?

Nein. Liquiditätsmaßnahmen führen nicht zu langfristigen Lösungen. Dies ist eine Bankenkrise und keine Liquiditätskrise. Ein Bankensystem mit Liquidität zu versorgen, das sich in einer Krise befindet, ist völlig nutzlos. Es hilft, sich irgendwie durchzumogeln. Aber in Wirklichkeit ist es so, als ob man Wasser in einen Eimer mit Loch gießt, und sich wundert, dass er nicht voll wird. Zu Grunde liegt ein strukturelles Problem – und das erfordert nun mal eine strukturelle Lösung. Es geht darum, ein Konzept für die Lücken in den Bilanzen der wichtigen europäischen Zentralbanken zu finden. Ohne massive Refinanzierung wird das langfristig nicht möglich sein. Nicht zuletzt die Vergrößerung der EU hat einen Schuldenberg innerhalb der Bankbilanzen kreiert, und der muss nun beseitigt werden. Dabei steht Europa eindeutig schlechter da als die USA. Während man also in Europa versucht, sich durch die Staatsverschuldungsproblematik hindurch zu fummeln und alle möglichen gemeinsamen finanzpolitischen Lösungen diskutiert, treten natürlich neue Probleme auf. Es ist wie die Frage wer zuerst da war – das Huhn oder das Ei.

Das Thema ist im Prinzip die Politik. Da die EU sich nicht auf schnelle Maßnahmen einigen kann, wachsen die Schulden täglich an. Und das erfordert Maßnahmen und
Kontrollen an den Märkten, die fachlich und nicht politisch motiviert sein müssen. Das Ergebnis ist ein ewiges Karussell.

Erdogan zum Trotz: Türkei kann sich der Krise nicht entziehen

Schon vor, aber auch während der aktuellen Krise hat Premierminister Erdogan wiederholt verlauten lassen, die Türkei würde von der globalen Problematik nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Stimmen Sie dem zu?

Das ist ein innenpolitisches Thema. Die Türkei ist eindeutig von der Krise 2008 in Mitleidenschaft gezogen worden, und wird auch von der aktuellen getroffen werden. Europa ist unser wichtigster Handelspartner. Geringere Nachfrage in Europa bedeutet geringere Exporte für die Türkei. Das macht das Leistungsbilanzdefizit nur noch bedrohlicher. Aber das ist nur ein Aspekt. Da gibt es auch noch den Mengen-Preis- Effekt. Dank der hohen gesamtwirtschaftlichen Stabilität in der Türkei in den 1990er Jahren definieren die Menschen Krisen als Zeiten schnell ansteigender Preise, zum Beispiel bei Wechselkursen und Zinsen. 2008-2009 ist dafür ein Beispiel: Die Preise waren relativ stabil, obwohl es große Veränderungen bei den Mengen gab, zum Beispiele bei Arbeitsplätzen und Produktion. Trotzdem glaubten die Menschen, es gäbe keine Krise. Jetzt haben wir allerdings eine ganz andere Situation, weil die Türkische Lira im Vergleich zu Dollar und Euro massiv an Wert verliert.

Die Türkische Zentralbank TCMB hat die Märkte Anfang August mit ein paar unorthodoxen Maßnahmen verwirrt. So hat sie zum Beispiel gegen die Empfehlung des Internationalen Währungsfonds den Leitzins gesenkt, anstatt ihn zu erhöhen. Das heißt, der TCMB ist Wirtschaftswachstum wichtiger, als das Haushaltsdefizit zu bekämpfen. Sie selbst haben die TCMB anschließend als schlechte Zentralbank bezeichnet, die den Kontakt zu ihren Partnern verloren hat. Warum?

Das kommt darauf an, wie man die Aufgaben der Zentralbank definiert. Wenn
Kommunikation wichtig ist, dann ist unsere Zentralbank eine schlechte, weil sie den Schritt nicht richtig kommuniziert hat und die Märkte ihn demzufolge nicht verstanden haben. Zu jedem Tanz gehören immer zwei. Und wenn der Partner nicht versteht, was der nächste Schritt sein wird, dann wird der Auftritt eben unelegant. Allerdings muss ich betonen, dass wir uns in schwierigen Zeiten befinden, und das es deswegen auch schwierig sein kann, sich immer voraussehbar und langweilig zu verhalten.

Schwierige Schritte: Regeln für Europa und Umstrukturierungen in der Türkei

Was ist Ihre Empfehlung, was die USA einerseits und Europa andererseits tun sollten, um langfristige Lösungen für die Krise zu finde?

Bei den USA sehe ich, dass sie sich grundsätzlich in die richtige Richtung bewegen – auch, wenn es etwas dauern wird. In Europa ist ein gemeinsames finanzpolitisches Regelwerk dringend notwendig, genauso wie ein Rekapitalisierungsprogramm für die Banken.

Die Türkei als Schwellenland hängt von den globalen Finanzmärkten ab und also auch davon, wie sich die Krise sich in den USA und Europa entwickelt. Was empfehlen Sie der Türkei bezüglich des Umgangs mit der aktuellen Situation, damit sie ihr Ziel, 2020 zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt zu gehören, erreichen kann?

Der Schlüssel ist mittelfristig höhere Produktivität. Bis jetzt haben inländische Migration und branchenübergreifende Veränderungsprozesse der Türkei Wachstum beschert. Das heißt, die Menschen sind einfach produktiver geworden, während sie von Dörfern in die Städte gezogen sind und statt in der Landwirtschaft für die Industrie und den Dienstleistungssektor zu arbeiten
anfingen. Nun muss die Produktivität branchenintern zunehmen: Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie steigern und den Dienstleistungssektor
umstrukturieren – von Handel zu Energie, von Transport zu Kommunikation.

Das sind echte Herausforderungen, weil damit strukturelle Reformen in vielen Bereichen, von Bildung bis Justiz, einhergehen müssen. In den letzten sieben Jahren haben diese teuren Reformen am Ende der Liste gestanden: Jetzt geht es darum, den Reformprozess der öffentlichen Verwaltung abzuschließen, was gleichzeitig auch der Prozess für die EU-Mitgliedschaft der Türkei ist. In Anbetracht dessen scheint der Umgang mit dem Leistungsbilanzdefizit und den Wechselkursschulden der Unternehmen fast einfach.

Wie glauben Sie wird es mit Blick auf die aktuelle Krise in einem Jahr in der Türkei, in den USA und in Europa aussehen?

Es ist die Natur der Sache, dass Finanzmärkte instabil sind. Je weniger Regeln es gibt, desto instabiler werden die Märkte allerdings. Wir leben in einer globalen Welt und alle Wirtschaften, die bei der Globalisierung dabei sind, werden dementsprechend davon betroffen. Im Jemen zum Beispiel gibt es keine sichtbaren Auswirkungen.

Was ist der wichtigste Punkt, den die Menschen in diesem Zusammenhang verstehen müssen?

Europa hat sich in letzter Zeit zum Auslöser für das aktuelle gesamtwirtschaftliche
Ungleichgewicht in der Türkei entwickelt, wenn man China – auch als Haupteigner von US-Staatsanleihen – als Auslöser für das gesamtwirtschaftliche Ungleichgewicht in den USA betrachtet. Bis jetzt hat die Taktik des sich Durchmogelns in Europa zu einer Art Plus auf dem Konto in Südeuropa geführt und hat der Türkei zu einem noch größeren Leistungsbilanzdefizit verholfen. Ist das langfristig nachhaltig? Nein. Aber bis jetzt hat es funktioniert.

Interview: Regina Körner

*Dr. Güven Sak ist der Geschäftsführer der Economic Policy Research Foundation of Turkey (TEPAV) und Vizepräsident der TOBB University of Economics and Technology in Ankara. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler ist Gründungsmitglied des Monetary Policy Council der Türkischen Zentralbank, für den er von 2001 – 2005 als externes Mitglied tätig war, und war von 1991-1999 Chefvolkswirt des Capital Markets Board of Turkey. Er schreibt über wirtschaftspolitische Themen für die Hürriyet Daily News and Radikal.

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.