Syrien: Wann bricht die Wirtschaft zusammen?

Bisher scheint die Wirtschaft Syriens nur angekratzt und nicht gänzlich k.o. geschlagen, so die Ansicht von Experten. Doch die Unruhen der vergangenen Monate, politische Spannungen und Gewalt auf den Straßen haben tiefe Spuren hinterlassen. Das Land befindet sich auf Talfahrt.

2000 Fahrzeuge wurde im vergangenen Mai nach Syrien importiert. Im Monat zuvor waren es noch 20.000. Die Situation im Land verschlechtert sich zusehends. Doch, wie Experten glauben, ist sie noch nicht aussichtslos. Bis ins nächste Jahr hinein, so deren Überzeugung, könnte Syrien weitere Unruhen und Sanktionen überstehen. Danach werde es allerdings steil bergab gehen.

Die Proteste, die nun schon seit Mitte März andauern, haben die ökonomischen Aktivitäten Syriens erheblich verlangsamt. Touristen strömen seitdem ebenso wenig ins Land wie Investoren. Schon jetzt wird Syrien für 2011 ein negatives Wachstum vorhergesagt.

„Während der ersten drei Monate der Revolution stoppte alles. Die Kunden waren einfach fassungslos“, so Abdul Ghani Attar, Vizepräsident der Attar Group, ein syrisches Konsortioum, das in den Bereichen Hotelerie, Finanzwirtschaft, Pharmazie und Bürobedarf agiert. „Seit Juni hat die Wirtschaft wieder etwas an Fahrt aufgenommen. Doch noch immer liegt sie 40 Prozent hinter dem Vergleichszeitraum im Vorjahr zurück.“ Für den Augenblick, so der 32-Jährige Experte, habe der private Sektor, der 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, überlebt. Doch falls sich die Situation im nächsten Jahr nicht verbessere, würde die Wirtschaft wirklich anfangen zu leiden. Es drohen Entlassungen.

Investitionen in Syrien brechen um fast 50 Prozent ein

Ähnlich analysiert auch das in Washington ansäßige „International Institute of Finance“ die Situation. Nach deren Prognosen wird Syriens Wirtschaft um drei Prozent schrumpfen. Weitaus massiver trifft es die Tourismusindustrie. Sie ist für zwölf Prozent des BIPs verantwortlich und stellt elf Prozent der Arbeitsstellen. Doch gerade mit ihr geht es scharf nach unten. Auch in Sachen Investitionen sieht es nicht besser aus, so Naji Shawi, Chef der Shawi Group. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gingen diese im ersten Halbjahr 2011 um 47.84 Prozent zurück. Die Bevölkerung ist verunsichert und beschränkt sich derzeit nur auf den Kauf der allernötigsten Dinge. „Bisher überlebt der Geschäftssektor. Doch wenn sich diese Krise noch für mehr als sechs Monate fortsetzt, wird es zu ernsthaften Problemen kommen“, so seine Einschätzung.

Die Liste des Verfalls setzt sich jedoch auch auf anderen Feldern fort. Der Wertpapiermarkt des Landes ist seit Mitte März um gut 40 Prozent eingebrochen. Auch der Konsum ging deutlich zurück. Der immense Rückgang bei den Auto-Importen ist hier nur ein Beispiel. Insgesamt haben sich die Importe im Vergleich zum Vorjahr nahezu halbiert.

Das syrische Regime kann auch unter einem Embargo bestehen

Im Moment haben die Entwicklungen offenbar noch keine Auswirkungen auf die Währungsstabilität. Gegenüber dem US-Dollar hat die syrische Lira seit März gerade einmal acht Prozent verloren. Auch der Chef der syrischen Zentralbank, Adib Mayalheh, beugt vor und leitete Schritte ein, die das Devisengeschäft eingrenzen. Aktuell kann das Land noch auf 17 Milliarden US-Dollar an Reserven zurückgreifen. „Vielleicht sind sie im Augenblick auch niedriger, genaue Zahlen haben wir derzeit nicht“, so Jihad Yazigi vom Wirtschaftsnewsletter „Syria Report“.

„Die Wirtschaft wird das Regime nicht zu Fall bringen und falls doch, dann wird das noch eine ganze Weile dauern. Die Erfahrungen zeigen, dass Regime auch unter einem Embargo überleben können, denn es besteht noch immer die Möglichkeit Güter über die Türkei oder den Libanon ins Land zu schmuggeln“, so Lahcen Achy, Syrien-Spezialist am Carnegie Middle East Center in Beirut. Auch Shawi teilt diese Ansicht und verweist hier auf das Beispiel Irak. Die Sanktionen lieferten zwar gute Schlagzeilen, wirklich getroffen haben sie jedoch nur die einfache Bevölkerung – vor allem die Armen, nie jedoch das Regime.

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