Enthüllungen des Ex-Armeechefs: Türkische Familien wollen Gerechtigkeit

Nachdem am Mittwoch einschlägige Tonbandaufnahmen des einstigen türkischen Generalstabschefs Isik Kosaner aufgetaucht sind, melden sich nun Eltern der getöteten Soldaten zu Wort. Sie fordern die Einleitung gerichtlicher Schritte.

Die Tonbandaufnahmen, in denen  Kosaner das Scheitern der Türkei im Kampf gegen den Terror erklärt, zeigen auf, dass einige Soldaten offenbar durch eigene Leute ums Leben kamen. So habe es einen Fall gegeben, bei dem der Kommandeur ihre Truppe im Stich gelassen hätte. Auch die unzureichende Disziplin und Ausbildung der Soldaten habe zu Todesfällen geführt. Darüber hinaus sei das Vorgehen des Militärs nicht immer im Rahmen der Gesetze erfolgt.

Die betroffenen Familien, die bereits zuvor Fahrlässigkeit von Seiten der Armee als eigentlichen Grund für den Tod ihrer Söhne vermutet hatten, sind außer sich. Sie wollen, dass diese Vorfälle gesühnt und diejenigen, die dahinter stecken, vor Gericht gestellt werden.

Väter der getöteten Soldaten fordern einen Prozess

Hasan Say, Vater des getöteten Soldaten Ayhan Say, war zutiefst schockiert als der die Tonbandaufnahmen erstmals hörte. Sein Sohn gehörte zu den sechs im Außenposten Hantepe in Çukurca bei einem PKK-Übergriff ermorderten Soldaten. Der Kommandant der Truppe war 2010 bei Ausbruch der Gefechte entflohen. Die Aufnahmen verdeutlichten, dass es den Militärs nicht gelungen war, den Anschlag auf den Außenposten zu vereiteln, obwohl unbemannte Drohnen die Terroristen bereits 15 Minuten zuvor aufgespürt hatten. Diese hätten im Sekundentakt Informationen an 30 Sicherheitseinheiten versandt – auch an den Generalstab. Doch die Truppe schien wie gelähmt.

Vater Say erklärte gegenüber der türkischen Tageszeitung „Zaman“, dass Freunde seines Sohnes ihm schon vor Monaten berichtet hätten, dass der Kommandeur damals geflohen sei. In den folgenden Tagen hätte er sich dann so benommen als ob nichts geschehen wäre. Ein Verhalten, das die Soldaten sehr verärgert hätte. Für den Vater ist klar, derjenigen, der für den Tod seines Sohnes verantwortlich ist, müsse bezahlen, hier und im Jenseits.

Das Verhalten ist für militärische Spitzenkräfte inakzeptabel

Ähnlich geht es auch Çetin Aylar, Vater eines weiteren getöteten Soldaten, Oberst İbrahim Aylar. Er fordert, dass alle Spitzen-Kommandeure vor Gericht gestellt werden sollten. Denn seiner Meinung nach sei  Koşaner in letzter Konsequenz für den Tod seines Sohnes verantwortlich. „Wir sagen das bereits seit einem Jahr, jetzt ist alles ans Tageslicht gekommen“, so  Aylar. Diese Leute, erklärt er weiter, würden vom türkischen Staat hohe Zuwendungen erhalten. Sollte die Antwort auf all diese Vorteile etwa Fahrlässigkeit und Verrat sein?

Die Fahrlässigkeit in Hantepe wird derzeit von der Staatsanwaltschaft untersucht. Der Anwalt der Familien, Cahit Özkan, erklärte, dass die Bekenntnisse des Ex-Armeechefs für die Ermittlungen von größter Bedeutung seien. Er werde veranlassen, dass diese Aussagen Untersuchungsgegenstand würden. Er jedenfalls werde alles tun, um diesen Prozess zu beschleunigen.

Wer war der Soldat, der durch einen Kopfschuss starb?

In den Tonbandaufnahmen ging es aber nicht nur um den Übergriff auf den militärischen Außenposten. Es wurde auch von einem Soldaten gesprochen, der von einem Kameraden versehentlich via Kopfschuss getötet worden sei. Dieser Part der Aufzeichnungen versetzte gleich zahlreiche Familien in Alarmbereitschaft, deren Söhne während ihrer Militärzeit starben und denen bisher erklärt wurde, es habe sich um Selbstmord gehandelt. Auch sie fürchten nun, dass ihre Söhne vielleicht durch Unzulänglichkeiten ums Leben gekommen sein könnten und das Ganze nur nicht öffentlich wurde, um einen Aufschrei in der Bevölkerung zu verhindern.

Mittlerweile hat sich der Vater von Murat Oktay Can, der sich 2009 das Leben genommen haben soll, zu Wort gemeldet. Er ist überzeugt, dass hier von seinem Sohn die Rede ist. Er hat erhebliche Zweifel an der bisherigen Version der Militärs und hat den Fall an  den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte übergeben.

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