Sarrazin, ein Jahr danach: Wie Rassismus wieder salonfähig wurde

Inzwischen ist es ein Jahr her, daß der Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin sein Pamphlet "Deutschland schafft sich ab" veröffentlicht hat. Aber noch immer geistern seine Behauptungen durch antiislamische Kreise und bilden die Begründungen für ihren Kampf. Obwohl alle seine wesentlichen Hypothesen schon widerlegt sind, pilgert Sarrazin weiter durchs Land und hat offenbar nichts dazugelernt.

Beratungsresistent, das ist eines der ersten Wörter, die einem in den Kopf kommen, wenn man das aktuelle Interview mit Thilo Sarrazin auf „Zeit-Online“ liest. Auch wenn seine persönliche Befindlichkeit sich verändert hat, seine Meinungen über den Zustand der deutschen Gesellschaft haben sich offensichtlich nicht gewandelt. Doch der Reihe nach.

Am 30. August 2010 erschien ein Buch mit dem provokanten Titel „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“. Der Verfasser, zu diesem Zeitpunkt noch Vorstandsmitglied der Bundesbank und ehemaliger Finanzsenator in Berlin, war bis dahin eher dadurch aufgefallen, während seiner politischen Tätigkeit durch zahllose Vorstands- und Aufsichtsratsposten zu tingeln. Die Grünen warfen ihm vor, dabei Landesgelder zu veruntreuen. Dieser also nicht eigentlich für soziale Themen gerüstete Mann ließ sich auf über 400 Seiten darüber aus, wie Deutschland den Bach runtergeht. Natürlich, ein solcher Abstieg passiert nicht einfach so. Es bedarf des schuldigen Feindes. Ein Feind war schnell gefunden: der gemeine Moslem.

Eigentlich hätte man erwarten können, daß ein solches niveaufreies Buch allenfalls bei einigen verängstigten pi-news-boys Anklang findet, doch es kam anders. Mit einem Mal zog sich ein Riß durch die Gesellschaft und teilte sie auf in jene, die Sarrazin glaubten, und jene, die widersprachen. Denn das mediale Echo war gewaltig. Über Tatsachen wurde bei all dem jedoch kaum gesprochen. Die sogenannte Sarrazin-Debatte war ein Karneval privater Befindlichkeiten.

Schon im Dezember 2010 legte die Berliner Politologin Naika Foroutan ein 80 Seiten starkes Dossier vor, in dem sie nachweist, daß Sarrazins Meinungen zu Integration und Migration nicht mit der Wirklichkeit korrespondieren: „wir haben festgestellt, dass die Thesen, die Herr Sarrazin aus dem Datenmaterial formuliert hat, nicht den Sachstand wiedergegeben haben“. Etwa im Bildungsbereich haben die Quoten höherer Bildungsabschlüsse bei Migranten „von drei Prozent zu 22,5 Prozent eine exorbitante Steigerung“ hinter sich. Sarrazin dagegen behauptet eine fortgesetzte Unbildung. Eines von unzähligen Beispielen. Sie alle blieben in der medialen Aufbereitung weitgehend unbeachtet.

In einem ersten demokratischen Reflex strengte die SPD schon kurz nach Veröffentlichung des Pamphlets ein Parteiausschlußverfahren gegen Sarrazin an. Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung wies ferner im Oktober 2010 darauf hin, daß die Islamfeindschaft in Deutschland seit Sarrazin merklich zugenommen habe. Diese Feindschaft richtet sich auch gegen die wissenschaftlichen Stimmen: „Nach Recherchen von Report Mainz [ARD] bekommen Wissenschaftler, die sich kritisch zu den Thesen Sarrazins äußern, Morddrohungen und hunderte Hass-Mails beziehungsweise Droh-E-Mails.“

Es muß der SPD-Spitze ähnlich gegangen sein, denn anders ließe sich das stillschweigende Einknicken im Ausschlußverfahren gegen Sarrazin kaum erklären.

Damit scheiterte der einzige Versuch seitens der Politik, ein sichtbares Zeichen, und nicht nur Worte, gegen Rassismus und Ressentiments in der öffentlichen Debatte zu setzen. Seither reist Sarrazin unbehelligt von Vortrag zu Vortrag durch die Republik und kann sich in aller Regel eines äußerst gewogenen Publikums erfreuen. Dabei sprudeln nicht nur die Einnahmen aus den Buchverkäufen, sondern auch die großzügig erhöhten Rentenbezüge der Bundesbank.

Im Fahrwasser dieser Vorgänge gab es aber noch zahlreiche weitere Profiteure, allen voran die jungen, rechtsextremen Parteien wie „Pro Deutschland“ oder „Die Freiheit“. Tatsächlich gibt es große Überschneidungen zwischen Neonazi-Szene und den antiislamischen Kampagnen. Etwa der Bundesvorsitzende der Partei „Pro Deutschland“, Manfred Rouhs, war früher NPD-Mitglied. In einem aktuellen Interview mit dem Deutschlandfunk bekennt er freimütig: „Sarrazin war vor allem vor dem Hintergrund der zeitlichen Abfolge für uns ein Volltreffer. Er hat indirekt, ohne von uns zu wissen, unseren Verbandsaufbau in Berlin massiv beschleunigt, weil im Windschatten der Sarrazin-Debatte sehr viele politisch interessierte Menschen ihren Weg zu Pro Deutschland gefunden haben.“

Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, wie dieses „politische Interesse“ aussieht. Angesichts der Nähe zum Rechtsradikalismus scheint sich ein Statement des Zentralrats der Juden zu bewahrheiten. Dessen Generalsekretär, Stephan Kramer, sagte noch 2010, er „habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist. Er steht in geistiger Reihe mit den Herren.“ Weiterhin hielt er fest, Sarrazins Äußerungen seien „volksverhetzend“.

All dessen ungeachtet marschiert Sarrazin weiter auf antiislamischem Kurs. Im jüngsten Interview mit der „Zeit“ wird er gefragt, ob er denn im letzten Jahr die Muslime besser kennengelernt habe. Dies ist in Sarrazins Welt aber offenbar nicht nötig. So antwortet er: „Wenn Edward O. Wilson [Biologe] etwas über das Sozialverhalten von Ameisen schreibt, dann muss er dazu mit keiner Ameise persönlich gesprochen haben.“ Also: Moslems stehen für Sarrazin auf der gleichen Stufe wie Ameisen.

In diesem Interview ist er sich ebenfalls nicht zu schade, Erdoğan gemäß eines Faltblattes der „Pax Europa“ zu zitieren. „Pax Europa“ ist eine ebenso rassistische wie rechte Vereinigung, die sich unter anderem dem Kampf gegen den Islam und die vermeintliche „Islamisierung“ Europas verschrieben hat. Selbst der rechtskonservative Mitbegründer Udo Ulfkotte stieg dort aus, weil ihm die Gruppierung zu extremistisch wurde. Auch für solche Leute ist Sarrazin also offen.

Was bleibt, ist die Frage nach dem Recht auf freie Meinungsäußerung. In der Folge von Sarrazins Buchveröffentlichung haben sich beide Seiten, pro wie contra, nicht mit Ruhm bekleckert. Auch wenn Sarrazins Meinungen an Eugenik und Neonazi-Gedankengut zu grenzen scheinen, muß er seine Meinungen dennoch äußern dürfen. Es wäre aber Aufgabe der bürgerlichen Mitte gewesen, ihm kein Forum zu geben, nicht vor den Jubelschreien der Populisten zurückzuweichen, ihn nicht in jede dahergelaufene Talkshow einzuladen. Wenn Antiislamismus und Rassismus nun wieder salonfähig sind, so liegt dies nicht in erster Linie nur an Sarrazin.

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