Israel und die Türkei: Wie aus Freunden Gegner wurden

Der jüngste diplomatische Eklat um den israelischen Botschafter in der Türkei ist nur der Höhepunkt eines langen Entfremdungsprozesses. Er betrifft nicht nur die politische Ebene. Die israelische Sicht zeigt: Auch die Menschen in Israel haben ihre Einstellung zur Türkei verändert. Lily Galili, eine der renommiertesten israelischen Journalistinnen, analysiert für die Deutsch Türkischen Nachrichten das schwierige Verhältnis zwischen Israel und der Türkei.

„Alles inbegriffen“: Im Laufe der vergangenen Jahre ist dieser Ausdruck zu einer Art Synonym für die Beziehungen von Türken und Israelis geworden. Konkret bedeutet er, dass die israelischen Bürger Ferienclubs in der Türkei aufsuchen, in denen wirklich alles inklusive ist: Essen, Unterhaltung, Getränke, Spaß und Kinderbetreuung. Traumhafte Urlaube für den durchschnittlichen Israeli, der sich diese Reisen, die weit genug entfernt sind, um sie als „Trips ins Ausland“ zu bezeichnen, auch leisten kann. Aber auch nahe genug sind, um sie nicht in den finanziellen Ruin zu treiben. Und die Israelis kamen – und wie! Familien und Reisegruppen, Gewerkschaften und auch große Unternehmen, die um die besten Abschlüsse konkurrierten.

Dabei ging es nicht einmal nur ums Geld: in einer arabisch-muslimischen Region, in der Israel alles andere als willkommen ist, knüpften die Türkei und seine Bevölkerung Freundschaften in einer feindlichen Umgebung. Die Israelis liebten und schätzten das sehr und die Türken erwiderten das mit einem herzlichen Empfang ihrerseits. Sie eigneten sich sogar ein paar Worte Hebräisch an, um die Kommunikation mit den Gästen zu erleichtern. Diese sollten sich eben ganz wie zu Hause fühlen. Es versteht sich von selbst, dass Hebräisch vielerorts zur zweiten „Amtssprache“ wurde, schließlich wollte man gute Geschäfte machen. Beide Seiten schätzten diese praktische „Liebes-Beziehung“. Diese Liaison, die mehr zu sein schien als eine reine Vernunftehe, galt lange Zeit als unzerbrechlich.

Türkei und Israel nährten ihre Bedürfnisse

Natürlich beschränkten sich die guten Beziehungen nicht nur auf den Tourismus. Es war das Zusammentreffen eines ehemaligen Riesenreichs, das unbedingt in die EU wollte, mit einem kleinen Staat im Mittleren Osten, der sich dadurch besser fühlte. Beide Seiten nährten ihre gegenseitigen Bedürfnisse durch militärische Abkommen und starke diplomatische Beziehungen – dies alles schien beiden Ländern zuträglich. Die Türkei lernte sich geschickt auf dem diplomatischen Parkett zu bewegen. Da gab es Israel, deren Türen in Richtung Amerika immer offen standen, manchmal auch zu Europa. Andererseits lernte auch Israel, türkische Befindlichkeiten zu respektieren.

Eines der eindrucksvollsten Beispiele für dieses umsichtige Verhalten war, wie Israel im Hinblick auf die Armenier die offiziellen türkischen Sprachregelungen übernahm. Viele Stimmen versuchten, auf Israel Druck auszuüben: Israel müsse im Hinblick auf die historischen Ereignisse die damalige Notlage der armenischen Bevölkerung bedenken – und das Massaker von einst als Genozid anerkennen. Diese Erwartungen an den jüdischen Staat hatten natürlich auch moralische Gründe. Sie wurden mit dem unwiderstehlichen Argument verbunden: „Alle Leute, die den Holocaust überlebten, sollten…“

Einige dieser Stimmen kamen aus Israel selbst. Und doch wurde das Wort „Genozid“ stets von offizieller Seite aus Rücksicht auf die türkische Lesart abgelehnt. Das geschah nicht unbedingt aus Liebe, sondern eher in Anbetracht beidseitiger Interessen. Schließlich gilt die Türkei als wichtige Pufferzone zwischen Israel und den arabischen Staaten, aber auch zwischen Israel und der radikal-islamischen Welt. Die geopolitische Lage der Türkei und seine einzigartigen Beziehungen zu Israel waren also von größtem Komfort und äußerster Wichtigkeit.

Vorfall auf dem Hilfsschiff gingen zwei Ereignisse voraus

Zumindest war das bis heute so. All das hat sich nicht an einem einzigen Tag an Deck der Mavi Marmara geändert. Der Militäraktion, die neun Türken das Leben kostete, gingen zwei Ereignisse voraus.

Im Januar 2009 nahmen der israelische Präsident Shimon Peres und der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan an einem Panel in Davos teil. Es ging um eine Attacke Israels auf den Gazastreifen, einer Art Vergeltung für jahrelange Geschosse auf Israel. Präsident Peres, bekannt als ein Mann des Friedens, verteidigte die Reaktion seines Landes. Er argumentierte, dass die Türkei genauso reagiert hätte, wenn Istanbul mit Raketen angegriffen worden wäre. Erdogan jedoch verließ daraufhin den Raum und rief in Richtung Peres: „Sie töten Menschen!“

Einige Zeit später wurde der türkische Botschafter in Israel zum Amt für Auswärtige Angelegenheiten bestellt. Während seines Besuches, der von zahlreichen Kameras begleitet wurde, wurde ihm in der Runde zur Beschämung aller ein sehr niedriger Stuhl angeboten. Diesen kindischen Akt der Demütigung trug er jedoch erhobenen Hauptes. Dennoch wurde jetzt offensichtlich: Hier läuft etwas falsch – ganz falsch. Beide Länder entfernten sich voneinander.

Israelische Touristen meiden die Türkei

Die israelischen Bürger waren die ersten, die reagierten. Nach dem Vorfall auf der Marmara Mavi, für den sie die Türken verantwortlich machten, wandten sich viele von ihrem Lieblingsurlaubsland ab. Die „all inklusive“ Anlagen dort interessierten sie nicht mehr. Jetzt standen Griechenland oder Bulgarien hoch im Kurs. Die Bemühungen der türkischen Tourismusbehörden verhallten ungehört. Die Trennlinie zwischen Volk und Regierung wurde gelöscht. Die einstige Liebe wurde durch Ressentiments ersetzt. Jetzt gab es auf der einen Seite die Israelis, die sich nicht entschuldigen wollten. Und auf der anderen Seite die Türken, die ein einfaches Bedauern der anderen Seite keinesfalls akzeptieren wollten. Beide zeigen sie eindrucksvoll eine Eigenheit des Mittleren Ostens, wo Ehre höher wiegt als die tatsächlichen Bedürfnisse.

Übrigens, nicht alle israelischen Politiker waren gegen eine Entschuldigung. Doch die Anhänger von Außenminister Avigdor Liebermann behielten am Ende die Oberhand. Mit dem arabischen Frühling und den immer noch anhaltenden Unruhen in Syrien haben sich die Kräfteverhältnisse in der Region mittlerweile verschoben. Ägypten ist nun nicht mehr der starke Anführer. Die Türkei sieht jetzt die Chance gekommen, neue Strukturen zu schaffen. Und hier spielt Israel keine Rolle mehr.

Nun wurde der absolute Tiefpunkt erreicht und sämtliche diplomatischen Beziehungen auf Eis gelegt. Und auf einmal bedeutet das Herunterfahren einer Verbindung viel mehr als nur ein zu niedriger Stuhl für einen Diplomaten.

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