„Wenige Amerikaner haben ein Problem mit Muslimen am Ground Zero“

Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor spricht im Interview anlässlich des zehnten Jahrestages von 9/11 über ihre kürzlich erlebten Eindrücke vom Ground Zero bei einem Besuch in New York, Panikmache des Innenminsters Friedrich in Deutschland und das ihrer Ansicht nach gefährliche Wirken von Necla Kelek und Henryk M. Broder.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ein Jahr nach Thilo Sarrazins Buchveröffentlichung und zehn nach dem 11. September: Hätte Sarrazins Buch gleichviel Erfolg gehabt, wenn es den 11. September nicht gegeben hätte bzw. wenn die öffentliche Debatte im Anschluss an den Terrorakt so nicht stattgefunden hätte?

Lamya Kaddor: Meiner Einschätzung nach nicht. Der 11. September hat dazu beigetragen, dass man für das Thema Islam sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne sensibilisiert worden ist. Hauptsächlich der 11. September hat ja dafür gesorgt, dass wir als Muslime plötzlich in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt wurden – leider mit dem Vorzeichen der Gewalttätigkeit. Ohne das Aufkommen der sogenannten Islamkritik nach diesem Tag hätte Sarrazin definitiv nicht so viel Erfolg gehabt.

Sie waren gerade erst in den USA. Wie empfanden sie denn die aktuelle Stimmung dort?

Lamya Kaddor: Dass Sie mich das fragen, ist interessant. Im Großen und Ganzen ist sie entspannt. Das Hotel, in dem wir übernachteten, stand unmittelbar am Ground Zero. Wir sind also jeden Tag mit Hunderten anderen daran vorbei gelaufen. Für mich war es aber auch ein sehr mulmiges und beklemmendes Gefühl. Nicht, weil ich mich als Muslima irgendwie schuldig fühle, aber der Ort führt einem einfach die menschlichen Tragödien vor Augen.

Haben Sie mit Menschen gesprochen? Was sagen die?

Lamya Kaddor: Der allgemeine Eindruck von Muslimen in den Staaten wird durch das Ereignis natürlich nach wie vor geprägt. Muslime, mit denen ich bereits bei früheren USA-Aufenthalten gesprochen hatte, sagten mir, dass sie vor allem in den Tagen danach mitunter angepöbelt und ganz allgemein kritischer beäugt wurden. Ansonsten erginge es ihnen aber weiterhin gut in diesem Land. Dieses Mal klagte beispielsweise ein vor acht Jahren eingewanderter Marokkaner, dass ihn das Leben dort ziemlich frustriere. Sobald klar werde, dass er Muslim sei, müsse er mit Diskriminierungen rechnen. Trotzdem, und das fand ich wiederum spannend, sagte er, natürlich verstehe er sich als „Muslim American“. Hochinteressant, wie Identitätsbildungsprozesse dort funktionieren.

Hat er etwas darüber gesagt, wie sich die Diskriminierung konkret äußert?

Lamya Kaddor: Er hatte Schwierigkeiten eine Wohnung zu finden. Hin und wieder muss er sich Sprüche von Fahrgästen anhören; er arbeitet als Taxifahrer. Er findet keine anständige Frau, wie er sagt, die seinen muslimischen Vorstellungen entspreche und ihn akzeptiere. Da wird er quasi auf Seiten der Muslime diskriminiert.

„Ground Zero ist ein geschäftiger, aber friedlicher Ort“

Aber hatten sie selbst Angst, speziell an diesem Ort des Ground Zero, dass man sie als Muslima erkennen und anfeinden könnte?

Lamya Kaddor: Nein, überhaupt nicht. Das muss man deutlich sagen. Nicht nur, weil ich als Muslima nicht sofort erkannt werde. Ground Zero ist wegen der Bauarbeiten ein geschäftiger, aber friedlicher Ort. Ich habe später im Fernsehen Bilder von Demonstrationen gegen einen Moscheebau gesehen, die ein paar Meter entfernt in den Nebenstraßen stattfanden. Das wirkte sehr fremd auf mich, denn ich selbst habe solche Leute nirgends erlebt. Es scheint also, Gott sei Dank, zumindest in Manhattan eine Minderheit von Amerikanern zu sein, die ein Problem mit Muslimen am Ground Zero haben.

Es gibt Leute, die sprechen von einem so genannten Euro-Islam. Gibt es also einen Euro- und einen Amerika-Islam?

Lamya Kaddor: Das ist etwas problematisch. Der Politologe Bassam Tibi hat den Begriff, glaub ich, 1992 eingeführt. Es geht um die Vorstellung, dass Muslime, wenn sie in ein nicht-muslimisch geprägtes Land einwandern, dort nicht mehr nach ihren bekannten religiösen Vorstellungen oder nach ihrem bisherigen Verständnis der Scharia, dem islamischen Gesetz, leben könnten. Demzufolge müssten sie eine, dem neuen Umfeld angepasste Haltung herausbilden. Bassam Tibi wurde von vielen Muslimen aber auch Wissenschaftlern in Deutschland heftig kritisiert. Ihm wurde ein illegitimer Umgang mit der Religion vorgehalten und letztlich, der Assimilation von Einwanderern das Wort zu reden. Die Kritik ist in Teilen berechtigt. Die Religion bleibt natürlich die gleiche. Man darf sich keine neue schaffen. Aber das ist auch gar nicht nötig. Man muss lediglich die vorhandene Religion in die Moderne holen und dann lässt sie sich überall leben. Diese theologische Aufgabe ist vor allem in den vergangenen 200 Jahren versäumt worden. Und – das ist wichtig – wir dürfen an diese Sachen nicht mit der christlichen Vorstellung von Theologie herangehen. Theologie im Islam und im Christentum ist etwas anderes. Diese islam-theologischen Aufgaben beziehen sich nicht etwa auf Beten, Fasten oder Almosengeben, sondern sie beziehen sich vor allem auf die religiösen Regelungen für den Umgang der Menschen miteinander. Natürlich kann man den Islam, wie er 628 in Medina gelebt wurde, heute nicht mehr genauso leben. Was dabei herauskommen kann, wenn man genau das versucht, haben die Taliban in Afghanistan gezeigt.

Dann ist der Begriff Euro-Islam demnach mit dem, was man unter dem europäischen Islam bzw. dem in Europa ausgeübten Islam versteht, in der Mehrheit überhaupt nicht kompatibel…

Lamya Kaddor: Bei aller Kritik an diesem Begriff: In der Realität gibt es selbstverständlich einen europäisch geprägten Islam, es gibt auch einen türkisch geprägten Islam und natürlich auch einen amerikanisch geprägten Islam. Das lässt sich dann sogar auch noch in sämtliche Lager aufspalten, es gibt einen liberalen geprägten europäischen Islam, es gibt einen konservativ geprägten europäischen Islam. Auch der Katholizismus in Brasilien ist anders geprägt als der Katholizismus in Deutschland und der wiederum anders als der Katholizismus in Polen. Nur, hier spielen eben insbesondere kulturelle Faktoren hinein. Es handelt sich nicht nur um theologische Überlegungen.

„Ohne Necla Kelek oder Henryk M. Broder wäre Islamfeindlichkeit nicht salonfähig geworden“

Blicken wir auf das Attentat von Norwegen. Ist es nicht beängstigend, dass es auch noch diesen Bodensatz an militanten Rechtsradikalen gibt, von denen man bisher noch nichts gehört hat?

Lamya Kaddor: Ich glaube, solche Leute gab es immer schon. Sie sind nicht erst heute aufgekommen. In den Köpfen vieler sind Vorurteile gegenüber Fremden schon lange vorhanden. Durch solche furchtbaren Geschehnisse wie dem 11. September wurden sie vielleicht zementiert oder konkret auf Muslime gelenkt. Diverse mehr oder weniger prominente Zeitgenossen aus zumeist bürgerlichen Eliten verliehen solchen Vorurteilen dann in den letzten Jahren jedoch zunehmend einen Anschein von Legitimität. Ohne das Wirken sogenannter Islamkritikern wie Necla Kelek oder Henryk M. Broder wäre Islamfeindlichkeit in vielen Teilen der Gesellschaft nicht salonfähig geworden. Damit sind sie nicht verantwortlich für Norwegen. Dass ihr diffamierendes Auftreten aber bei manchen Menschen irgendwann einmal für eine unkontrollierbare Eigendynamik sorgen könnte, vor solchen Gefahren wurden die sogenannten Islamkritiker seit Jahren von vielen Seiten gewarnt. Es hat sie nur nicht interessiert. Und so wurden sie, wenn man so will, zum Schützengraben für Fanatiker.

„Ich halte das in erster Linie für Panikmache“

Kürzlich hat Hans-Peter Friedrich gegenüber der „Bild“-Zeitung gesagt, dass fast 1000 Personen in Deutschland als islamistische Terroristen bezeichnet werden könnten. Was halten sie davon?

Lamya Kaddor: Ich halte das in erster Linie für Panikmache, um politischen Profit zu erzielen. Ich kann das mittlerweile leider kaum noch anders bewerten. Warum sagt er so etwas ausgerechnet in der auflagenstarken „Bild“-Zeitung? 1.000 von 4,3 Millionen Muslimen in Deutschland sollen „potenzielle“ Gewalttäter sein. Und wie viele davon verfolgen wohl ernsthaft Anschlagspläne? Wir haben einen sehr guten, zuverlässigen Sicherheitsapparat, der seine Arbeit macht, wie der aktuelle Fall in Berlin zeigt. Hundertprozentigen Schutz wird es nie geben. Was sollen also diese oder ähnliche immer wiederkehrenden Warnungen der Bevölkerung bringen? Soll man sofort die Polizei alarmieren, wenn man Bärtige oder Arabisch sprechenden Menschen in seiner Nachbarschaft sieht, wie es der Berliner SPD-Innensenator Ehrhart Körting mal vorgeschlagen hat? Wir werden in unserem Alltag permanent von zig tödlichen Gefahren bedroht, aber man hört fast ausschließlich von denen, die von gewaltbereiten Islamisten ausgehen. Das ist doch auffällig, oder? Wenn 1.000 Leute Straftaten begehen, sollen 1.000 Leute dafür belangt werden. Das ist in unser aller Interesse. Aber solche „Warnungen“ in den Raum zu stellen, ohne konkret zu sagen, welche Konsequenz jetzt darauf folgt, empfinde ich als reine Panikmache.

Von diesen 1000 seien „128 Gefährder, also Personen, bei denen Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie erhebliche Straftaten begehen könnten“, sagte er weiter. 20 von ihnen hätten wiederum eine Ausbildung in einem Terrorcamp absolviert…

Lamya Kaddor: Meinen Sie nicht, es gibt nicht auch 20 potentielle Rechtsextremisten, die am liebsten einen Anschlag begehen würden, um Leute wie mich zu treffen? Und was mache ich dann mit dieser Information? Ein bisschen Panik bekommen, dass ich von der Bombe einer der 20 Wahnsinnigen in der U-Bahn erwischt werde? Der Bombe in der U-Bahn wäre es übrigens egal, ob ich mich zum Christentum oder Islam bekenne.

Wenn ich Sie richtig verstehe, meinen Sie, das hilft der Debatte über Islamismus und Terror in Deutschland nicht weiter…

Lamya Kaddor: Nein, aber sie hilft womöglich bestimmten Politikern dabei, auf bestimmte Gesetze zu dringen. Interessanterweise fällt ja derzeit reflexartig in solchen Zusammenhängen das Wort Vorratsdatenspeicherung.

„Für meine Schüler ist es eher wie ein Action-Film!“

Sie selbst sind Lehrerin und unterrichten auch Kinder, die erst nach 9/11 geboren wurden oder vielleicht damals so klein waren, dass sie das noch nicht mitbekommen haben. Was beobachten sie denn als Lehrerin, wie die mit dem Thema umgehen?

Lamya Kaddor: Das ist eine gute Frage. Es ist sehr distanziert. Wenn ich zum Beispiel heute an meine 13/14-jährigen Schüler denke, dann haben sie kaum Bezug dazu. Ich sagte es ja schon am Anfang, auch für mich persönlich ist das alles schwer zu begreifen, obwohl ich mich tagtäglich mit dem Drum und Dran beschäftige. Diesen Bezug zur Realität herzustellen, das kriegen diese Jugendlichen kaum hin. Für sie ist eher wie ein Action-Film! Manchmal denke ich, es ist vielleicht ganz gut, wenn sie sich meine Schüler noch nicht damit beschäftigen, dass das auch etwas mit Muslimen zu tun hat. Andererseits gehört es zur gesellschaftlichen Verantwortung, sich mit den Implikationen zu befassen.

Auf welche Art und Weise versuchen Sie es Ihnen zu erklären oder nahe zu bringen?

Lamya Kaddor: Wenn ich die Anschläge im Zusammenhang mit Unterrichtsreihen etwa zum politischen Islam oder zum Dschihad thematisiere, mache ich ihnen erst einmal klar, dass diese Anschläge im Namen einer Religion verübt wurden, zu der wir uns alle bekennen! Dann versuche ich mit den Schülern zu erarbeiten, dass es keinerlei theologischen oder sonstigen Rechtfertigungen für so einen barbarischen Akt gibt. Ich versuche ihnen außerdem nahezubringen, welche Tragödien diese Taten angerichtet haben. Spätestens da merkt man dann doch, dass die Empathie zunimmt. Aber solange 9/11 nur irgendwo in Zeitungen steht, ist das für diese Schüler, die in der Pubertät stecken, überhaupt nicht greifbar.

Das heißt, es fällt auch Ihnen oft schwer, Ihren Schülern zu erklären, dass die Terroristen im Namen des Islam gehandelt haben?

Lamya Kaddor: Nein, mir fällt das überhaupt nicht schwer. Für mich ist sonnenklar, dass das hat mit dem Islam nichts zu tun hat. Meinen Schülern fehlt aber in der Regel das Wissen, wo sie die Gegenargumente im Koran und in anderen Texten finden können.

Interview: Felix Kubach

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